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Covid-19 und Immunität Mit Antikörpern gegen das Coronavirus?

Können Menschen immun gegen das neuartige Coronavirus werden – oder sich etwa ein zweites Mal infizieren? Wie lange hält eine Immunität an? Und hilft die Gabe von Blutplasma mit Antikörpern schwer erkrankten Patienten? Das beschäftigt im Moment Ärzte, Forscher und Patienten.

Von: Monika Hippold

Stand: 04.05.2020

Wer immun ist, kann nicht mehr an Covid-19 erkranken und niemanden mehr anstecken. Sind genügend Menschen immun, nämlich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung, spricht man von Herdenimmunität. Das Virus kann sich dann nicht mehr exponentiell ausbreiten.

Erneute Infektion mit dem Coronavirus möglich?

Ärzte und Politiker hoffen, dass Menschen immun gegen das Coronavirus werden, wenn sie die Erkrankung einmal durchgemacht haben. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat nun aber davor gewarnt, Genesenen sogenannte Immunitätsausweise auszustellen. Und aus Südkorea hieß es, Menschen seien nach ihrer Genesung erneut positiv auf Covid-19 getestet worden. Was steckt dahinter?

Von den bisher in Deutschland mit dem Coronavirus infizierten Menschen sind rund 80 Prozent wieder genesen. Sind sie jetzt immun? Um das herauszufinden, vergleichen Forscher das Coronavirus auch mit anderen Viren, erklärt Prof. Ulrike Protzer aus München.

Forscher vermuten eine Immunität nach der Infektion

"Man kann verschiedene Vergleiche ziehen: Die Immunität gegen die normalen zirkulierenden Coronaviren, die Erkältungskrankheiten auslösen, hält ein bis zwei Jahre an. Die Immunität gegen das erste SARS-Coronavirus war länger anhaltend, mindestens drei Jahre. Und dann gibt es aktuell Experimente mit Rhesusaffen: Man konnte keinen einzigen dieser Affen wieder mit dem neuartigen Coronavirus infizieren. Deswegen glauben wir schon als Wissenschaftler, dass es eine Immunität gibt."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Direktorin Institut für Virologie, Helmholtz Zentrum und TU München

Die Forscher vermuten, dass das Immunsystem nach überstandener Erkrankung eine Neu-Infektion mit dem Coronavirus verhindert. Wie lange diese Immunität anhält, müssen sie aber erst noch beobachten.

Antikörper gegen das Coronavirus

Coronavirus: Blutproben für den Antikörpertest

Doch wie bekämpft unser Immunsystem Viren überhaupt? Zum Beispiel mit Hilfe von Antikörpern: Bei einer Infektion startet das Immunsystem seine Abwehrmechanismen. Es bildet unter anderem passende Antikörper. Fängt man sich das Virus dann erneut ein, erinnert sich das Immunsystem. Es bekämpft den Erreger, indem es erneut Antikörper ausschüttet.

Was bedeuten also die Meldungen aus Südkorea? Ist unser Immunsystem bei SARS CoV-2 überfordert?

"Wenn man sich die Meldung genauer anschaut, dann ist es nur so, dass bei den Patienten noch mal ein positiver PCR-Nachweis im Abstrich gefunden wurde. Dieser weist sehr sensitiv alle Reste von Virus-Genomen nach. Auch wenn sie vielleicht aus toten Zellen stammen. Wir wissen, dass viele Menschen Probleme haben, dieses Virus auf einen Schlag und schnell loszuwerden. Das ist der große Unterschied zu den normalen Erkältungsviren. Hier braucht unser Immunsystem irgendwie länger. Und wir haben es tatsächlich häufiger, dass wir Patienten haben, die eigentlich schon Abstrich-negativ sind, die dann aber wieder positiv werden. Es kann mal 30 Tage, im Extremfall sogar bis zu 50 Tage anhalten, bis man das Virus wirklich los ist. Und ich denke, das ist genau das, was sie in Südkorea beobachtet haben."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, Helmholtz Zentrum und TU München

Wer zweimal negativ getestet ist, bei dem ist die Wahrscheinlichkeit trotzdem sehr hoch, das Virus los zu sein, betont die Virologin.

Klinikum testet Mitarbeiter auf Antikörper

Ob und wie lange Menschen immun gegen das Coronavirus sind, erforschen die Wissenschaftler aktuell mit Hilfe von Antikörpertests. Dabei messen sie die Menge der Antikörper gegen das Coronavirus im Blut, genannt Titer.

Am Klinikum rechts der Isar in München soll jeder der fast 7.000 Mitarbeiter jetzt einen Antikörpertest machen. Über zwei Jahre lang will das Team um Prof. Paul Lingor und Prof. Percy Knolle jeden rund viermal testen.

"Wir glauben, dass es sehr wichtig ist, dass man die Antikörper im Verlauf testet, damit wir erkennen können, ob diese Antikörper-Titer im zeitlichen Verlauf absinken oder ob sie gleich hoch bleiben. Wir haben bisher nur Angaben zur humoralen Immunität. Das sind die Antikörper, die wir jetzt messen. Aber wir müssen in weiteren Untersuchungen sicherlich auch noch untersuchen, ob auch andere Teile des Immunsystems, wie die sogenannten T-Zellen, gegen das Virus vorhanden sind."

Prof. Dr. med. Percy A. Knolle, Immunologe, Klinikum rechts der Isar, München

Wie lange bleiben Antikörper im Blut?

150 Tests schaffen die Ärzte pro Tag. In etwa vier Monaten soll jeder Mitarbeiter einmal getestet sein.

"Wir wollen langfristig nachweisen, wie viele von diesen Mitarbeitern im Verlauf der nächsten Monate vielleicht noch zusätzlich Antikörper entwickeln. Wir wollen darüber Informationen erhalten, ob sie sich im beruflichen Umfeld oder eher im privaten Umfeld angesteckt haben. Und ob sie die Infektion vielleicht nicht bemerkt haben und dadurch auch unbemerkt weitergeben konnten."

Prof. Dr. med. Paul Lingor, Neurologe, Klinikum rechts der Isar, München

Interessant sind diese Erkenntnisse aber nicht nur für die Forscher, sondern auch für die Mitarbeiter selbst – wie Tonci Lovrenovic, Stationsleiter der Stroke Unit am Klinikum. Im März hatte ihn das Coronavirus erwischt, mittlerweile hat er Covid-19 überstanden. Seit zwei Wochen arbeitet er wieder, heute macht er den Antikörpertest.

"Ich möchte gerne wissen, ob ich geschützt bin und für wie lange. Und ob ich für die anderen ansteckend bin. Ich hoffe nicht, dass ich noch mal erkranken kann, aber zu hundert Prozent sicher bin ich mir noch nicht."

Tonci Lovrenovic, Stationsleiter Stroke Unit, Klinikum rechts der Isar, München

Am nächsten Tag erfährt er: In seinem Blut finden sich die Antikörper.

Antikörper bei allen ersten bayerischen Patienten

Genesene Patienten untersucht auch Prof. Clemens Wendtner an der München Klinik Schwabing. Ende Januar behandelte er die ersten bayerischen Corona-Patienten in der Klinik. Von ihnen haben alle noch Antikörper gegen das Coronavirus im Blut.

"Hundert Prozent der untersuchten Patienten hatten nach 14 Tagen eine Immunität gegen das Virus entwickelt. Neutralisierende Antikörper waren also bei allen nach zwei Wochen nachweisbar. Die Antikörper wurden zwischendurch noch mal untersucht und auch quantifiziert. Es sieht so aus, dass die Patienten nach wie vor eine Immunität aufweisen. Wir werden diese Testung in gewissen Abständen wiederholen. Wir gehen davon aus, dass die Immunität für Monate, wenn nicht sogar Jahre, anhalten wird. Aber wir wissen es natürlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Das ist Gegenstand der laufenden Untersuchungen."

Prof. Dr. med. Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie, München Klinik Schwabing

Individueller Heilversuch: Blutplasma für Schwerkranke

Covid-19 hinter sich haben auch Julia Bassek aus Mitterteich und Herbert Riedel aus Kohlberg. Für beide verlief die Erkrankung mild. Jetzt wollen sie anderen Erkrankten helfen und spenden Blutplasma.

Gespendetes Blutplasma

Am Universitätsklinikum Regensburg untersuchen Ärzte das Blutplasma von ehemaligen Covid-19-Patienten auf Antikörper gegen das Coronavirus. Sind genügend Antikörper vorhanden, können sie das Plasma bei schwer kranken Patienten einsetzen. Die Behandlung ist noch nicht offiziell anerkannt, sondern gilt als individueller Heilversuch, erklärt Transfusionsmediziner Dr. Robert Offner.

"Die Antikörper im Blutplasma versuchen wir anderen Patienten zu verabreichen, in der Hoffnung, dass diese die Coronaviren zerstören und so zur Heilung beitragen. Die Anwendung ist nicht komplizierter als die Anwendung von therapeutischen Plasmen allgemein. In den letzten Jahrzehnten wurde Plasma bei Epidemien wie SARS, MERS, Ebola oder Grippe weltweit erfolgreich eingesetzt."

OA PD Dr. med. Robert Offner, Komm. Leiter der Transfusionsmedizin, Universitätsklinikum Regensburg

Voraussetzungen für die Plasmaspende

Wer Plasma spenden möchte, muss nach der kompletten Genesung zwei Wochen abwarten und anschließend zwei weitere negative Tests auf das Coronavirus nachweisen.

"Wir warten dann noch mal zwei Wochen ab und dann erst testen wir hier, ob sie ausreichend Antikörper gegen das Virus aufweisen. Wenn das alles erfüllt ist, erfolgt die Erstvorstellung wie bei allen anderen Blutspenden auch. Etwa einer von drei bis vier Spendewilligen ist geeignet."

OA PD Dr. med. Robert Offner, Transfusionsmediziner, Universitätsklinikum Regensburg

Ehemalige Covid-19-Patienten wollen helfen

Für die Spender ein aufwändiger Prozess. Und doch haben sich viele potenzielle Spender gemeldet. Julia Bassek ist heute schon das dritte Mal zum Spenden in der Klinik. Über hundert Kilometer fährt sie jedes Mal.

"Ich fahre gerne hierher, weil ich mir denke, mit so einfachen Mitteln kann man schwer erkrankten Menschen helfen."

Julia Bassek

Die Plasmaspende selbst ist für die Patienten nicht anstrengend, erzählt Herbert Riedel.

"Ich habe jetzt das zweite Mal Plasma gespendet und mir geht es sehr gut. Wenn anderen Patienten damit geholfen ist und sie einen leichteren Krankheitsverlauf haben, dann hat man ja etwas Gutes getan."

Herbert Riedel

Hilft Blutplasma wirklich? Studien nötig

Ob schwer erkrankten Patienten die Plasma-Transfusion wirklich hilft, das wissen die Ärzte noch nicht sicher. Anfang April haben sie in Regensburg mit der Behandlung begonnen. Etwa 30 Corona-Patienten haben das Plasma bisher bekommen. Anästhesist Prof. Bernhard Graf beobachtet den Therapieerfolg:

"Eines der Probleme, die wir im Augenblick noch mit dem Blutplasma haben, ist: Wir wissen weder den geeigneten Zeitpunkt, wann man es geben soll. Noch wissen wir, wie oft wir es geben sollen. Darüber wird es in nächster Zeit Studien geben. Was wir uns aber auf jeden Fall zu sagen trauen ist: Es schadet nicht. Wir haben bisher keine negativen Effekte gesehen. Und wir haben durchaus Einzeleffekte, wo nach dieser Gabe die Eigenproduktion von Antikörpern bei den Patienten angesprungen ist."

Prof. Dr. med. Bernhard M. Graf, Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Universitätsklinikum Regensburg

Immunitätslage bestimmt Impfstoff-Entwicklung

Pflegerin auf der Covid-19-Intensivstation

Die Plasmagabe kann Patienten helfen, die selbst keine Antikörper bilden können, wie Immunsupprimierten oder Intensivpatienten. Eine Lösung für viele Covid-19-Erkrankte wird sie aber nicht sein, sagt der Mediziner. Für die breite Bevölkerung hofft er weiterhin auf einen Impfstoff.

Ob ein Impfstoff aber allein auf der Aktivierung von Antikörpern basieren wird, auch das ist noch Gegenstand der Forschung.

"Ob man vielleicht zusätzlich sogenannte T Zellen braucht, also zirkulierende Immunzellen im Körper, das wissen wir einfach noch nicht ganz genau. Deswegen ist es schwierig, einen Impfstoff jetzt schon maßzuschneidern. Wir müssen noch sehr viel lernen über die Immunitätslage und darauf die Impfstoff-Entwicklung anpassen."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, München

Eines braucht es also weiterhin bei der Antwort zur Immunität gegen das Coronavirus: Geduld.


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