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Schnelltests auf SARS-CoV-2 Covid-19: Wie gut sind Antigentests?

Antigentests gelten als eins der neuesten Mittel zur Bekämpfung der Ausbreitung von SARS-CoV-2. Bayern will zehn Millionen dieser Schnelltests auf das Coronavirus beschaffen. Doch wie gut sind die Tests? Und wann ist deren Einsatz sinnvoll?

Von: Monika Hippold

Stand: 28.09.2020

Der Antigentest ist ein Schnelltest auf das Coronavirus, das Ergebnis liegt bei dieser Testform bereits nach rund 15 Minuten vor. Denn: Antigentests müssen nicht erst im Labor ausgewertet werden, das Ergebnis können Patienten und Ärzte direkt auf dem Teststreifen ablesen. Mit Kosten von rund zehn Euro sind Antigentests günstiger als PCR-Tests, die bis zu 60 Euro kosten.

Viele Vorteile - können die Schnelltests also dabei helfen, Infizierte schnell herauszufiltern, Infektionsketten zu unterbrechen und damit einen erneuten bundesweiten Lockdown zu verhindern?

So funktioniert der Antigentest

Antigentests weisen - wie PCR-Tests - direkt den Erreger von SARS-CoV-2 nach. Der Unterschied: PCR Tests suchen nach der viralen RNA, also dem Erbmaterial des Virus. Antigentests suchen nach Eiweißfragmenten des Virus, also nach Proteinen. Der Nasen- oder Rachenabstrich wird hierfür auf einen Teststreifen mit Antikörpern gegeben. Sind im Abstrich genügend Antigene vorhanden, binden sie an die Antikörper – und der Testreifen verfärbt sich. Ähnlich wie bei einem Schwangerschaftstest.

Antigentest: Einsatz in der Notaufnahme

Ärzte und Forscher an der Uniklinik Augsburg nutzen die Antigentests seit einigen Wochen: In der Notaufnahme - und bei Patienten ohne Covid-19-Symptome, die für einen anderen Eingriff in die Klinik kommen. Labormediziner Prof. Reinhard Hoffmann hat festgestellt: Die Qualität der Tests schwankt.

"Wir haben verschiedene Testhersteller ausprobiert. Im ersten Testsystem waren gerade mal 20 Prozent der Tests positiv, die beim PCR-Test positiv waren. Im zweiten Testsystem landen wir jetzt bei rund 80 Prozent. Antigentests sind schnell. Sie geben uns schnell ein Ergebnis. Aber wir wissen, dass dieses Ergebnis nicht zu hundert Prozent zuverlässig ist. Insofern kann man durchaus darüber streiten, ob die Antigentests in Zukunft so hilfreich sein werden, wie wir uns das im Moment erhoffen."

Prof. Dr. med. Reinhard Hoffmann, Direktor Institut für Labormedizin und Mikrobiologie, Universitätsklinikum Augsburg

Um sicher zu gehen, machen die Ärzte im Moment bei jedem Patienten zusätzlich einen PCR-Test.

Wann bringt der Antigentest falsche Ergebnisse?

Die Erfahrung am Klinikum Augsburg: Falsche Ergebnisse bekommen die Ärzte beim Antigentest vor allem, wenn bei Patienten nur noch sehr wenig Viruslast im Rachen nachweisbar ist - wie zum Beispiel in der Spätphase einer Covid-19-Erkrankung.

Und: Je länger die Ärzte mit den Antigentests arbeiten, umso öfter stimmen die Ergebnisse der Tests mit denen der PCR-Tests überein.

"Natürlich funktionieren sie auch besser, wenn wir mehr Übung haben. Wir haben zum Beispiel herausgefunden, dass die Verwendung eines falschen Abstrichtupfersystems, mit dem Rachenabstriche gemacht werden, zu sehr starken falsch positiven Signalen führen können."

Prof. Dr. med. Reinhard Hoffmann, Direktor Institut für Labormedizin und Mikrobiologie, Universitätsklinikum Augsburg

Sensitivität und Spezifität der Tests

Die Angaben verschiedener Herstellung zur Zuverlässigkeit der Antigentests variieren – sie liegen aber meist bei über 90 Prozent. So auch beim Medizintechnikhersteller „nal von minden“. Seit drei Wochen bietet die Firma Antigentests in Deutschland an:

"Die Tests sind sehr zuverlässig. Sie haben eine Sensitivität von über 97 Prozent und eine Spezifität von über 99 Prozent. Die Sensitivität beinhaltet die richtig positiven Ergebnisse. Das heißt, wenn jemand infiziert ist, finde ich über 97 von 100 Infizierten mit dem Test. Richtig negativ, da bekomme ich nahezu 100 von 100."

Roland Meißner, Geschäftsführer, nal von minden, Regensburg

Dass sich die Ergebnisse aus dem Klinikalltag so deutlich von den Angaben der Hersteller unterscheiden, ist laut Prof. Hoffmann nicht ungewöhnlich:

"Die Zuverlässigkeit der Tests hängt natürlich auch davon ab, welche Gruppe an Menschen ich untersuche. Bei den Zulassungsstudien wird immer eine sehr gut bekannte Gruppe von Menschen unter Laborbedingungen untersucht. Das ist etwas völlig anderes."

Prof. Dr. med. Reinhard Hoffmann, Direktor Institut für Labormedizin und Mikrobiologie, Universitätsklinikum Augsburg

Um ein möglichst genaues Ergebnis zu bekommen, darf bisher nur medizinisches Personal die Tests durchführen. Privatpersonen können sie noch nicht kaufen.

Weiterentwicklung der Antigentests

Im Labor in Regensburg werden die Antigentests ständig weiterentwickelt und zum Beispiel auf eventuelle Kreuzreaktionen untersucht.

"Wir schauen, ob irgendwelche anderen Substanzen beim Test zu einem positiven Ergebnis führen würden, wie zum Beispiel Grippeviren. Bisher ist das Ergebnis gut, es gibt keine Kreuzreaktionen. Wir untersuchen außerdem, ob wir virale Transportmedien, die für den PCR-Test genutzt werden, auch für den Schnelltest einsetzen können. Das würde den Arbeitsfluss bei der Testung erleichtern."

Roland Meißner, Geschäftsführer, nal von minden, Regensburg

Das Ziel: Mit nur einer Probe sowohl einen Schnelltest als auch einen PCR-Test durchführen – und so Reagenzien und Abstrichtupfer einsparen.

Wann sind Antigentests sinnvoll?

Das genauste Ergebnis erzielen Antigentests also im Moment bei Personen mit akuten Symptomen, die hoch infektiös sind, andere Menschen schnell anstecken können.

Mit Hilfe von Schnelltests Ansteckungen vermeiden und damit Quarantäne- und Schließzeiten umgehen – eine schöne Vorstellung für Claudia Schlör, die Leiterin der Kita St. Hildegard in Würzburg.

"Kinder haben nun mal laufende Nasen. Und wir sind sehr froh, wenn sie damit auch in die Kita kommen dürfen. Von daher wäre es hilfreich, wenn so ein Schnelltest gleich die Aussage trifft, es liegt keine Covid-Infektion vor, sondern ein normaler grippaler Infekt oder eine andere Infektion. Wir wollen keinen zweiten Lockdown haben, für die Familien wäre das eine riesige Belastung. Wir hätten gerne wieder so viel Normalität wie möglich, auch für die Eltern."

Claudia Schlör, Leiterin Kita St. Hildegard, Würzburg

Studie: Coronatests in der Kita

Um herauszufinden, ob Kinder infiziert sind oder bereits das Coronavirus hatten, nimmt die Kita an einer Studie teil. Dafür testet das Team um Prof. Oliver Kurzai von der Universität Würzburg regelmäßig die Kita-Kinder auf das Virus. Zum Start der Studie machen sie einen Blut-Schnelltest auf Antikörper.

"Wir haben es hier mit einer besonderen Gruppe zu tun, nämlich den ganz kleinen Kindern. Deswegen haben wir gezielt Tests ausgesucht, die einfach durchzuführen sind. Gerade heute der Fingerpieks ist ein gutes Beispiel, der ist für die Kinder kaum belastend."

Prof. Dr. med. Oliver Kurzai, Institut für Hygiene und Mikrobiologie, Universität Würzburg

Bis Weihnachten nehmen die Forscher den Kindern dann einmal pro Woche einen Nasenabstrich für einen PCR-Test ab. Die neuen Antigentests mit in die Studie aufzunehmen, könnte sich Prof. Kurzai vorstellen. Allerdings:

"Die Antigentests kommen jetzt neu auf den Markt. Wir wissen noch nicht genau, was sie leisten können. Sie haben sicher Potential. Aber wir brauchen einfach noch mehr Informationen."

Prof. Dr. med. Oliver Kurzai, Institut für Hygiene und Mikrobiologie, Universität Würzburg

Schnelltests in der Altenpflege – eine Chance?

Schnell Gewissheit haben, bestimmt in Alten- und Pflegeheimen über Leben und Tod. Bisher mussten Bewohner und Personal aber oft zu lange auf die Test-Ergebnisse warten, erzählt Wolfgang Neubauer vom Juliusspital in Würzburg.

"Schnelltests wären ein Glück für alle Pflegeinrichtungen. Wenn es darum geht, dass Senioren Symptome zeigen und das Ergebnis einfach wichtig ist für die weitere Versorgung, dann zählt jede Minute. Bei Verdachtsfällen müssen die Leute im Moment sofort in Quarantäne, Besuche müssen abgesagt werden, die Bewohner dürfen ihr Zimmer nicht verlassen. Das ist eine große Belastung für die Senioren und das könnte man sich alles ersparen."

Wolfgang Neubauer, Pflegedienstleiter Juliusspital Seniorenstift, Würzburg

Eine Situation wie während des Lockdowns im Frühjahr wollen die Alten- und Pflegeheime unbedingt vermeiden.

"Für die Bewohner war es, glaube ich, am allerschlimmsten. Eine Pflegeeinrichtung wird für viele Senioren in einem Zeitraum zwar vertraut. Aber wir können natürlich keine Angehörigen ersetzen. Wir können versuchen, die Leute in so einer Situation ein bisschen aufzufangen. Aber letztlich ist ein Besuch von Angehörigen durch nichts zu ersetzen."

Wolfgang Neubauer, Pflegedienstleiter Juliusspital Seniorenstift, Würzburg

Tests für die Tagespflege

Sonja Schwab leitet in Würzburg den Krisenstab für die Altenhilfe der Caritas. Sie hofft, dass Mitarbeitende der Gesundheitsberufe bevorzugt Zugriff auf zuverlässige Schnelltests bekommen.

"Ob das in der stationären Altenhilfe ist oder in der Tagespflege oder den ambulanten Diensten. Ich würde sogar sagen, dass Schnelltests für die Gäste der Tagespflege sehr gut geeignet sind. Weil sich da ja jeden Tag die Personengruppe ändert. Und wenn einer nur einmal die Woche kommt, kann ich den Schnelltest machen und weiß ganz klar: Er ist negativ, er kann reinkommen."

Sonja Schwab, Leiterin Krisenstab Altenhilfe, Caritasverband, Diözese Würzburg

Der Anfang ist also gemacht bei den Antigentests. Doch bis sie allen nutzen, dauert es noch.


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