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Coronavirus - kein Grund zur Panik Gesundheit! mit Hintergrundinformationen jenseits alarmistischer Schlagzeilen

Innerhalb von vier Wochen hat sich das neue Coronavirus verbreitet. In Deutschland sind bisher zwölf Menschen erkrankt, davon zehn in Bayern. Wie ansteckend ist das Virus, wie kann es eingedämmt werden, wann gibt es eine Impfung?

Von: Monika Hippold und Peter Künzel

Stand: 04.02.2020

In China sind bisher über 20.400 Menschen am Coronavirus erkrankt, 425 davon sind gestorben. Außerhalb des chinesischen Festlandes gibt es zwei weitere Todesfälle – einen in Hongkong und einen auf den Philippinen. Damit sind mittlerweile mehr Menschen in China am Coronavirus gestorben als am Schweren Akuten Atemwegssyndrom (SARS) vor 17 Jahren. Damals hatte es in China 349 Todesfälle gegeben - weltweit 774 Todesfälle.

Erkrankte in Deutschland

Rund 200 weitere Erkrankungen sind im Moment weltweit durch das Coronavirus bestätigt - in 24 Ländern. In Deutschland sind zwölf Menschen erkrankt, zehn davon in Bayern. Die Patienten in Deutschland befinden sich nach Behördenangaben in einem stabilen gesundheitlichen Zustand. Die bayerischen Corona-Fälle werden in der München Klinik Schwabing sowie in der Kreisklinik Trostberg behandelt.

Zwei der erkrankten Deutschen gehören zu den Rückkehrern aus Wuhan. Über hundert Menschen waren am Samstag aus der Region ausgeflogen worden. Die Erkrankten werden in der Universitätsklinik Frankfurt behandelt und bleiben auf der Isolierstation, bis sie virenfrei sind. Die übrigen Rückkehrer sind zwei Wochen lang in einer Kaserne der Bundeswehr in Germersheim isoliert. Viele Länder fliegen ihre Bürger aus China aus und stellen sie für zwei Wochen unter Quarantäne.

Spahn und Huml: „Deutschland gut vorbereitet“

Laut Gesundheitsminister Jens Spahn ist Deutschland gut vorbereitet: "Für diese Situation jetzt haben wir Intensivstationen, ausreichend Isolierstationen und -zimmer und die Ausstattung, die wir brauchen.“ Auch die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml betont, dass Arztpraxen und Krankenhäuser in Bayern gut auf eine mögliche Zunahme von Coronavirus-Fällen vorbereitet sind. Mehrere hundert Infizierte könnten isoliert und versorgt werden. Ob dies notwendig sein wird, sei aber noch völlig offen: „Das ist sehr, sehr schwer abzuschätzen. Wir tun alles, dass wir das möglichst eindämmen.“

Auswirkungen des Coronavirus

Die chinesische Gesundheitskommission spricht von mehr als 20.000 weiteren Verdachtsfällen. Die Sterblichkeitsrate des Virus beträgt laut des chinesischen Virus-Expertenteams bis zu 2,5 Prozent. Sie schätzen, dass die Virus-Epidemie in rund zehn Tagen ihren Höhepunkt erreichen wird.

Um die Ausbreitung des Virus zu verhindern, haben einige Airlines ihre Flüge nach China und aus China gestrichen. Kreuzfahrtschiffe nehmen keine Passagiere mehr auf, die in den vergangenen zwei Wochen auf dem chinesischen Festland unterwegs waren – und ändern ihre Routen. Die Filialen vieler Firmen in China sind geschlossen, Städte haben Ausgangssperren verhängt. Einige Länder - wie die USA, Australien, Neuseeland und Taiwan - haben die Einreise für Menschen gestoppt, die sich in China aufgehalten haben.

Wie hat alles begonnen?

Am 31. Dezember 2019 waren 27 Menschen in der chinesischen Metropole Wuhan erkrankt. Neun Tage später wurde der Erreger als neuartiges Coronavirus identifiziert. Am 11. Januar gab es den ersten Todesfall. Die Zahl der Infizierten stieg bis zum 20. Januar auf 200. Vier Tage später erreichte das Virus Europa: Zwei Franzosen waren während einer China-Reise erkrankt. Am 27. Januar wurde der erste Fall in Deutschland bekannt, im Landkreis Starnberg.

Behandlung der Coronavirus-Patienten

Bislang gibt es weder eine Therapie noch einen Impfstoff für das neue Coronavirus. Um dies zu ändern, arbeiten Wissenschaftler weltweit daran, das Virus besser zu verstehen. Die Münchner Virologin Ulrike Protzer ist eine der profiliertesten Forscherinnen auf dem Gebiet und kennt auch die bayerischen Coronavirus-Fälle. Sie erklärt: Die Erkrankten werden in den Kliniken bislang symptomatisch behandelt. Das heißt:

"Man behandelt symptomatisch, wie man das bei einer Grippe tun würde. Also nach dem Stand der Erkrankung: Wenn jemand milder erkrankt ist, braucht er keine Therapie. Ein anderer braucht einen Schleimlöser. Wenn jemand ganz schwer erkrankt wäre, würde man ihn natürlich auch entsprechend behandeln. Glücklicherweise sind die Patienten in Bayern alle relativ mild erkrankt."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Lehrstuhl für Virologie, TU München

Der Krankheitsverlauf aller Patienten wird genau überwacht. Auch, um weitere wertvolle Informationen über das Virus zu sammeln.

"Das neue Coronavirus lässt sich noch nicht ganz endgültig beurteilen bezüglich seiner Pathogenität, also seiner krankmachenden Eigenschaften. Ich würde es etwa so einstufen wie das Influenza-Virus, also wie die echte Grippe."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Lehrstuhl für Virologie, TU München

Wie lange ist das Virus ansteckend?

Die Ansteckungsfähigkeit ist bisher noch nicht zu 100 Prozent bekannt, trotzdem gibt es Erfahrungswerte von ähnlichen Virus-Infektionen. Professor Ulrike Protzer schätzt, dass das Virus zwei bis drei Tage nach der Aufnahme und bis zu zehn Tage lang ansteckend ist.

Entwicklung von Medikamenten gegen das Coronavirus

Je besser die Experten das Virus verstehen, desto aussichtsreicher ist die Entwicklung von Therapieansätzen. Denn: Medikamente müssen spezifisch auf das jeweilige Virus zugeschnitten werden. Die Behandlung von Viren unterscheidet sich damit deutlich von der Behandlung bakterieller Erkrankungen.

"Wir kennen das neue Coronavirus viel zu kurz, um bereits Medikamente in der Hand zu haben. Man versucht jetzt, Medikamente, die schon für andere Viren erprobt sind, anzuwenden und testet, ob man zumindest einen gewissen Effekt auch auf das neue Coronavirus hat."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Lehrstuhl für Virologie, TU München

Entwicklung von Impfstoffen

Langfristig ist das Ziel der Virologen, einen Impfstoff gegen das neue Coronavirus zu entwickeln. So wie es ihnen zum Beispiel bei Ebola gelungen ist.

"Man hat einen Impfstoff entwickelt, der in Afrika getestet und tatsächlich noch am Ende des letzten Ausbruchs eingesetzt wurde. Da hatte man dann etwas in der Hand, was man jetzt beim aktuellen Ausbruch im Kongo sofort einsetzen und damit natürlich auch die Ausbreitung eindämmen konnte."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Lehrstuhl für Virologie, TU München

Internationale Zusammenarbeit zur Bekämpfung von Epidemien

Nicht nur bei der Ebola Epidemie haben deutsche Forscher bei der Entwicklung von Impfstoffen mitgewirkt. Auch bei der SARS-Pandemie 2002 war es dem deutschen Virologen Christian Drosten an der Berliner Charité gelungen, das Virus zu identifizieren. Er hat nun auch den Schnelltest für das neue Coronavirus entwickelt.

Bei der Bekämpfung von Virus-Infektionen wird die internationale Zusammenarbeit immer bedeutender. Seit der SARS-Pandemie hat sich dabei vieles verbessert, betont Professor Bernd Salzberger, Präsident der deutschen Gesellschaft für Infektiologie.

"Damals hatten die Chinesen noch ein ganz anderes Gesundheitssystem. Sie sind mit den Daten sehr intern umgegangen, haben wenig nach außen kommuniziert. Das ist heute ganz anders. Sie haben diesmal sehr rasch alle Daten nach außen gegeben. Außerdem schaffen wir es im Augenblick tatsächlich besser, die importierten Fälle unter Kontrolle zu halten. Es hat damals an vielen Stellen der Welt kleine Ausbrüche mit SARS gegeben. Wir sehen heute praktisch an allen Stellen, an denen das Virus importiert ist, dass dort keine Sekundärinfektionen entstehen."

Prof. Dr. med. Bernd Salzberger, Infektiologie, Universitätsklinikum Regensburg, Vorsitzender Deutsche Gesellschaft für Infektiologie e.V.

Gute internationale Zusammenarbeit und eine vergleichsweise langsame Verbreitung des neuen Coronavirus außerhalb Chinas - die Regensburger und Münchner Infektiologen sind zuversichtlich, dass die Epidemie damit besser in den Griff zu kriegen sein wird.


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