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Corona-Virus-Pandemie Wenn Angst krank macht

Angst hilft im Notfall, auf Gefahren schnell und kraftvoll zu reagieren undhat konkrete Auswirkungen auf wichtige Stoffwechselprozesse. Aber: Angst kann auch krank machen. Wie also umgehen mit zu viel Angst?

Von: Antje Maly-Samiralow

Stand: 30.03.2020

Angst ist ein unangenehmes Grundgefühl von erregter Besorgnis, das sich normalerweise angesichts von Bedrohungen äußert. Wie jede Emotion besteht Angst dabei nicht nur aus dem subjektiven Empfinden, sondern auch aus körperlichen Veränderungen und der Tendenz, das eigene Verhalten an die angstmachende Situation anzupassen.

Angst macht schnell, stark und leistungsfähig

Angst versetzt uns beispielsweise akut in die Lage, im Falle einer Gefahr die Flucht zu ergreifen oder uns zur Wehr zu setzen. Das ist die klassische ‚Flight or Fight – Reaktion‘. Dabei fährt der Körper alle Ressourcen hoch: Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, die Atmung wird flacher, die Muskeln werden mit Blutzucker versorgt, damit wir schnell auf die Gefahr reagieren können. Dabei wird auch das Immunsystem aktiviert. Für den Fall, dass wir in der Gefahrensituation verletzt werden, schützt die Immunaktivierung vor Infekten und sorgt für eine möglichst schnell einsetzende Wundheilung, um den Schaden zu begrenzen.

Diese autonomen Reaktionsmuster dienen evolutionsbiologisch betrachtet dem Überleben und damit der Arterhaltung. Im Rahmen der aktuellen Corona-Virus-Pandemie und der damit einhergehenden Gefahr einer Ansteckung kommen allerdings zu konkreten Ängsten zunehmend auch irrationales und katastrophales Denken sowie Panik dazu. Und die machen auf Dauer krank.

"Angst vor dem neuen Corona-Virus hat als Emotion ja zunächst einmal eine wichtige Steuerungsfunktion. Sie befähigt uns beispielsweise, sinnvolle Schutzmaßnahmen zu ergreifen wie Hände zu desinfizieren, Abstand zu halten, auch Quarantänemaßnahmen gehören dazu.
Das Immunsystem wird dabei vorsorglich hochgefahren, damit es uns auch vor einer Virusinfektion schützt."

Universitätsprofessor Dr. med. Dr. rer. nat. M. Sc. Christian Schubert, Labor für Psychoneuroimmunologie, Department für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinik für Medizinische Psychologie Innsbruck

Angstgedanken können jedoch zum Dauerzustand werden und sich zur Panik steigern. Das kann passieren, wenn man aufgrund von unseriöser medialer Berichterstattung zur Corona-Pandemie zunehmend verunsichert wird oder die tatsächliche Bedrohung überschätzt und die eigene Fähigkeit, diese zu bewältigen, unterschätzt. Was passsiert dann?

"Die damit verbundene chronische Stresssituation führt dazu, dass die zelluläre Immunaktivität unterdrückt wird. Und damit nimmt die Infektionsanfälligkeit erheblich zu. Wir wissen aus epidemiologischen Erhebungen, dass chronischer Stress die Immunabwehr so stark schwächen kann, dass die Betroffenen deutlich krankheitsanfälliger werden und auch früher sterben."

Universitätsprofessor Dr. med. Dr. rer. nat. M. Sc. Christian Schubert, Labor für Psychoneuroimmunologie, Department für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinik für Medizinische Psychologie Innsbruck

Corona-Virus-Pandemie: Hochkonjunktur für Ängste

In der Tat haben Ängste in der derzeitigen Corona-Situation Hochkonjunktur. Dies ist vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen insbesondere des Herz-Kreislaufsystems gefährlich.

"Wenn Menschen, die ohnehin ein geschwächtes Herz haben, übermäßige Angst bekommen, dann besteht durchaus die Gefahr, dass solche vorbelasteten Patienten nicht dem Virus selbst, sondern der Angst davor erliegen. Denn der zusätzliche Stress kann ein geschwächtes Herz-Kreislaufsystem schlicht überfordern."

Universitätsprofessor Dr. med. Dr. rer. nat. M. Sc. Christian Schubert, Labor für Psychoneuroimmunologie, Department für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinik für Medizinische Psychologie Innsbruck

Was tun gegen Angst und Stress?

Was kann man tun, um sich zu beruhigen und psychisch stabil zu bleiben?

"Das muss grundsätzlich von Fall zu Fall entschieden werden, aber vereinfacht gesagt: Alles, was Freude macht, was Entspannung hervorruft, was ablenkt, das tut letztlich der Seele gut und das macht uns psychisch und eben auch immunologisch gesehen stabiler und widerstandsfähiger. Ich kann nur jedem empfehlen, möglichst viele angenehme Dinge in den Alltag einzubauen, der durch die Corona-Krise so verändert ist. Lachen Sie, singen Sie, hören Sie Musik oder arbeiten Sie im Garten, wenn Sie das gern tun. Es ist wichtig, dass es Ihnen persönlich Wohlbefinden verschafft."

Universitätsprofessor Dr. med. Dr. rer. nat. M. Sc. Christian Schubert, Labor für Psychoneuroimmunologie, Department für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinik für Medizinische Psychologie Innsbruck

Soziale Kontakte stärken das Immunsystem

Soziale Beziehungen sind aktuell begrenzt und erschwert. Trotzdem kann und sollte man im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten Kontakt halten. Denn gute soziale Beziehungen sind essentiell für die psychische Stabilität und für ein gut funktionierendes Immunsystem.

"Soziale Beziehungen kann man als das Gesundheitselixier bezeichnen. Das gilt für das Empfangen wie für das Geben von emotionaler Nähe. Wir wissen aus der Forschung der Psychoneuroimmunologie, dass soziale Unterstützung und soziale Integration von fundamentaler Bedeutung für ein gesundes Immunsystem sind, während Einsamkeit und psychische Konflikte einen großen gesundheitlichen Risikofaktor darstellen. Es konnte beispielsweise nachgewiesen werden, dass ein hohes Maß an sozialer Integration, also an gepflegten freundschaftlichen und familiären Kontakten sowie an sozialen Aktivitäten mit verbesserten Immunwerten einhergeht. Selbst häufiges Umarmtwerden durch andere stärkt das Immunsystem und verringert die Anfälligkeit bei Atemwegsinfekten. Auch wenn man aktuell keine fremden Menschen umarmen sollte, bei seinen Liebsten, mit denen man zusammenlebt, sollte man das schon tun. Ich umarme meine Frau und meine Kinder sogar ein bisschen mehr als sonst, weil ich weiß, dass das ihnen und mir gut tut und dass es unser Immunsystem stärkt."

Universitätsprofessor Dr. med. Dr. rer. nat. M. Sc. Christian Schubert, Labor für Psychoneuroimmunologie, Department für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinik für Medizinische Psychologie Innsbruck

Achtsamkeits- und Entspannungsübungen: Was jeder tun kann

Achtsamkeits- und Entspannungsübungen stärken Psyche und Immunsystem und schützen vor Infekten. Wer sich gezielt gegen diffuse Ängste und Stress wappnen möchte, kann eine der vielen psychologischen Techniken zur Stressreduktion anwenden, zum Beispiel:

  • Yoga
  • Meditation
  • Achtsamkeitsübungen
  • Autogenes Training
  • Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen

Solche Übungen führen bei regelmäßiger Praxis zu vermehrter Achtsamkeit und Entspannung und steigern die Widerstandskraft gegenüber Stressoren aller Art. Dadurch wird das Immunsystem gestärkt und die Anfälligkeit gegenüber Virusinfektionen vermindert.

Das hat unter anderem damit zu tun, dass der Parasympathikus aktiviert wird, jener Teil des autonomen Nervensystems, der für Ruhe, Entspannung und Regeneration zuständig ist und als Gegenspieler ausgleichend zum Sympathikus wirkt, der für Anspannung, Aktion und Stress sorgt.

Auch Bewegung, möglichst an der frischen Luft, ist in der aktuellen Krisensituation hilfreich, um den Kopf freizubekommen, Stress herunterzufahren und psychisches als auch körperliches Wohlbefinden zu erhöhen.


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