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Corona, Rheuma Corona: Wird das Rheumamedikament HQC knapp?

Unerträglichen Schmerzen bei kleinsten Anstrengungen: Rheumapatienten mit der Erkrankung Lupus erythematodes brauchen oft Hydroxychloroquin. Aber das Medikament wird auch zur Therapie bei Coronainfektionen erprobt. Welche Auswirkungen hätte ein Mangel für die Patienten?

Von: Anna Dittrich

Stand: 02.06.2020

Ohne Medikamente führen schon kleinste Anstrengungen bei Marina Enders zu fast unerträglichen Schmerzen, selbst beim Hundespaziergang. Sie ist Rheumapatientin, sie hat sogenannten Lupus erythematodes – seit 20 Jahren

"Die Gelenke tun mir weh und wenn ich lange sitze oder viel anstrengende Arbeit mache, dann kann ich mich weniger bewegen, weil jede Bewegung schmerzt."

Marina Enders, Patientin

Diese Art der Rheumaerkrankung befällt vor allem die Gelenke und sogar Organe.
Dagegen nimmt die 58jährige täglich Hydroxychloroquin, kurz HCQ, ursprünglich ein Malariamedikament. Es drosselt das Immunsystem, verhindert Schmerzschübe und wirkt entzündungshemmend.

Aktuell wird Hydroxychloroquin im Einsatz gegen das aktuelle Coronavirus getestet, auch in Deutschland. Lupuspatienten, wie Marina Enders, fürchten deshalb Engpässe bei der Versorgung mit dem Medikament. Sie ist für ein nahezu schmerzfreies Leben darauf angewiesen. Eine Alternative gibt es momentan nicht.

"Eine Patientin wie Frau Enders bekäme, wenn sie plötzlich kein Hydroxychloroquin mehr einnehmen würde, mit großer Wahrscheinlichkeit nach einigen Wochen einen Kraknheitsschub.  Es würde ihr sehr schlecht gehen, sie hätte starke Gelenkschmerzen."

Prof. Dr. med. Christoph Fiehn, Facharzt für Rheumatologie, Baden-Baden

Verlässliche Daten zur Wirksamkeit des Medikaments bei Corona gibt es noch nicht. Erste Ergebnisse deuten sogar daraufhin, dass HCQ für an Covid19-Erkrankte schädlich sein könnte. Trotzdem hatte US-Präsident Trump Corona Infizierte aufgerufen, HCQ zu nehmen. In Amerika ist das Medikament kaum mehr zu bekommen. Ohnedie Therapie mit HCQ würde Marina Enders Krankheit anders verlaufen und sie wäre stärker gefährdet.     

"Wenn sie Hydroxychloroquin absetzt, dann wird die Krankheit wieder aktiver werden. Wenn die Krankheit aktiver wird, dann passiert es, dass sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet. Und das Immunsystem ist dann mit etwas anderem beschäftigt als mit der Abwehr von Infekten."

 Prof. Dr. med. Christoph Fiehn, Facharzt für Rheumatologie, Baden-Baden

Das rezeptpflichtige Medikament wird vor allem in Asien produziert. Jetzt wollen Pharmakonzerne HCQ zusätzlich auch in Deutschland herstellen. Zu Engpässen kam es teilweise hierzulande, weil viele Patienten das Medikament auf Vorrat kauften und die Versorgung mit Beginn der Pandemie einbrach.

"Die Patienten haben dann schon plötzlich von den Apotheken die Nachricht bekommen Wir können das gar nicht mehr liefern."

Prof. Dr. med. Christoph Fiehn, Facharzt für Rheumatologie, Baden-Baden

Falls Marina Enders würde das bedeuten, ihre Therapie wieder von vorne beginnen zu müssen, zunächst mit hohen Dosen Cortison. In Zeiten von Corona wäre das besonders riskant.  

"Von allen Medikamenten, die wir geben, ist Cortison das, was am stärksten das Immunsystem dämpft. Und das merkt man eben daran, dass Patienten vermehrt Infektionen bekommen. Da ist Cortison das gefährlichste Medikament."

Prof. Dr. med. Christoph Fiehn, Facharzt für Rheumatologie, Baden-Baden

Damit Lupuspatienten wie Marina Enders nicht ohne ihr Medikament auskommen müssen, wurden erste Maßnahmen eingeleitet.

"Inzwischen ist es aber so, dass wir mit Hilfe der Bundesregierung und auch der deutschen Gesellschaft für Rheumatologie und der RheumaLiga, die Firmen dazu bewegt haben, das Medikament für unsere Patienten zurückzulegen. Die Apotheken können dann mit Angabe der Diagnose bei den Firmen direkt bestellen, sodass im Moment der Bedarf wirklich gedeckt ist."

Prof. Dr. med. Christoph Fiehn, Facharzt für Rheumatologie, Baden-Baden

Bisher ist der Einsatz von Hydroxychloroquin in einigen Ländern für Corona-Notfälle genehmigt. Umfassende Studien über die Wirksamkeit gibt es allerdings noch nicht.


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