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Rauchen und Corona Rauchen: Schützt Nikotin vor Corona-Virus?

Kann Nikotin möglicherweise vor einer Corona-Infektion schützen? Diese Meldung aus Frankreich sorgte für lebhafte Reaktionen. Was ist dran an dieser Hypothese? Und wie steht es insgesamt um die Infektionsgefahr für Raucher bei Covid-19, besonders für die, die schon Vorerkrankungen haben?

Von: Veronika Keller, Bernd Thomas

Stand: 01.06.2020

Die Chance beim Lotto den Jackpot zu gewinnen liegt bei circa eins zu mehreren Millionen, aber bei eins zu wenigen hundert durch Rauchen krank zu werden. Heute weiß jeder: Rauchen kann der Gesundheit massiv schaden. Wer raucht, tut das oft mit schlechtem Gewissen und die wenigsten sind stolz darauf.

Corona: Schützt der blaue Dunst?

Aber kann Rauchen auch schützen? Zum Beispiel vor Corona? Eine Frage zu der allein Google über 16 Millionen Ergebnisse ausspuckt. Sie scheint viele zu beschäftigen. Kein Wunder, denn seit Wochen gibt es immer wieder neue, teils widersprüchliche Nachrichten: Raucher gelten als Risikogruppe für Corona-Infektionen. Dann plötzlich das Gegenteil: Raucher seien besonders geschützt vor Covid19. Eine diesbezügliche Meldung aus Frankreich sorgte für lebhafte Reaktionen nicht nur in der Raucher- und Dampferszene. Schnell gab es einen Run auf Nikotinpflaster, die angeblich gegen die Infektion helfen sollen.

Rauchen und Corona: zusätzliches Gesundheitsrisiko?

Wie ist es wirklich? In den Asklepios Fachkliniken in Gauting bei München behandelt Dr. Sarah-Christine Mavi Menschen, die durch das Rauchen krank geworden sind. Rauchen kann das Immunsystem, die Gefäße und das Herz schädigen, Krebs verursachen und zu einer COPD führen, einer chronic obstructive pulmonary disease oder zu deutsch chronisch-obstruktiven Bronchitis.  

"Bei der COPD kommt es dazu, dass im Laufe des Lebens durch das jahrelange Zigarettenrauchen die Lungenbläschen zerstört werden. Durch die verminderte Anzahl der Lungenbläschen kann der Sauerstoff aus der Luft schlechter in den Körper aufgenommen werden."

Dr. med. Sarah-Christine Mavi, Pneumologin, Oberärztin COPD & Asthma, Asklepios Fachkliniken München-Gauting

Die Folgen für das Leben der Patienten sind gravierend. Sie bekommen bei kleinsten Anstrengungen Atemnot und sind oft zweitweise oder dauerhaft auf die Gabe von Sauerstoff angewiesen. Stecken sich COPD-Patienten leichter mit Covid-19 an?

"Zahlen dazu gibt es noch nicht, da ist die Datenlage noch nicht so groß. Aber es gibt schon allein in Deutschland Millionen Menschen, die eine COPD haben. COPD ist ja eine so genannte Volkskrankheit. Und damit sind auch diese Menschen natürlich besonders gefährdet."

Dr. med. Sarah-Christine Mavi, Pneumologin, Oberärztin COPD & Asthma, Asklepios Fachkliniken München-Gauting

Sicher ist: Eine COPD-Erkrankung kann eine mögliche Covid-19-Infektion deutlich verkomplizieren. Die Patienten verfügen über schlechtere gesundheitliche Reserven, ihre Atemmuskulatur ist schneller erschöpft und es muss mit mehr Komplikationen während und nach einer maschinellen Beatmung gerechnet werden.

Gesunde Raucher und Corona: möglicher Schutz?

Rauchen kann krankmachen, und wer krank ist, gehört zur Risikogruppe. Das leuchtet ein. Aber steckt man sich auch als gesunder Mensch, der raucht, schneller mit Corona an? Oder anders formuliert, schützt  Nikotin ansonsten gesunde Raucher vor Corona-Infektionen?

Eine mögliche Schutzwirkung von Nikotin kam ins Gespräch, weil Ärzte im Pariser Krankenhaus La Pitié Salpetrière feststellten, dass erstaunlich wenige Raucher unter den stationären Covid-Patienten waren, insgesamt deutlich weniger als der Anteil der Raucher an der Gesamtbevölkerung. Die Ärzte stellten deshalb die Hypothese auf, dass Nikotin auf den Rezeptor einwirkt, über den das Coronavirus in die menschliche Zelle gelangt. Das Virus würde sozusagen durch das Rauchen abgeblockt.

Dr. Marion Heiß-Neumann ist Lungenärztin in den Asklepios Fachkliniken in München und Spezialistin für Infektionen. Sie hält die These für fragwürdig und nicht ausreichend belegt.  

"Dass Nikotin vor Coronainfektionen schützen soll, ist eine mutige These. Denn es gibt auf der anderen Seite Daten, die sagen, Raucher haben auch mehr von diesen Rezeptoren, weil eben diese Rezeptoren hochreguliert werden, um diese Blockade zu umgehen. Ich persönlich würde mich nicht darauf verlassen, dass das Virus nicht den Rezeptor überwinden kann."

Dr. med. Marion Heiß-Neumann, Pneumologin, Oberärztin Infektiologie, Asklepios Fachkliniken München-Gauting

Außerdem bezweifeln Experten, ob das französische Studiendesign überhaupt erlaubt, Rückschlüsse auf die Gesamtzahl der an Corona erkrankten Raucher zu ziehen. Denn, neben anderen Kritikpunkten: Bisher wird nicht systematisch erfasst, ob es sich bei stationären Corona-Patienten um Raucher oder Ex-Raucher handelt. Auch in Deutschland ist das bisher nicht überall der Fall. Bei manchen Patienten war und ist das aufgrund der Schwere der Erkrankung bei der Einlieferung in die Klinik gar nicht möglich.  

Belastbare Zahlen von Rauchern und Ex-Rauchern unter den Covid-19 Patienten gibt es noch nicht. Die Asklepios-FachKliniken in München sind Lungenfachzentren. Viele der Patienten - auch zu normalen Zeiten -  sind Raucher oder Ex-Raucher. Und das scheint auch jetzt in dieser Klinik so zu sein.

"Die Datenlage ist noch unklar, aber in unserer ersten Auswertung hier im Haus ist es jetzt so, dass über die Hälfte unserer Covid Patienten Raucher oder Ex-Raucher sind."

Dr. med. Marion Heiß-Neumann, Pneumologin, Oberärztin Infektiologie, Asklepios Fachkliniken München-Gauting

Rauchen: Aufhören lohnt sich immer

Also, auf keinen Fall rauchen oder sogar mit dem Rauchen beginnen. Denn damit schützt man seine Gesundheit ganz bestimmt nicht. Das gilt auch in Zeiten der Corona-Pandemie. Rauchen ist eine Sucht und davon loszukommen, ist nicht gerade leicht. Aber auch, wenn es jetzt besonders schwerfällt: Mit dem Rauchen aufzuhören, lohnt sich immer, meint Dr. Sarah-Christine Mavi, selbst wenn schon gesundheitliche Auswirkungen zu spüren sind. Und es lohnt sich immer auch, dazu Hilfe und Unterstützung in Anspruch zu nehmen.


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