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Planbare Eingriffe in der Corona-Krise Welche Operationen werden wegen Corona verschoben?

Um die Krankenhäuser zu entlasten und für Covid-19-Patienten freizuhalten, sollen alle planbaren Operationen, Aufnahmen und Eingriffe verschoben werden. Wie sieht das in der Praxis aus? Welche OPs werden jetzt abgesagt? Wie priorisieren die Krankenhäuser? Sollten Patienten jetzt selbst ambulante OPs absagen?

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 23.03.2020

Betten, Beatmungsgeräte, Isolierstationen: Im Moment müssen alle Ressourcen für die Versorgung von Corona-Patienten mobilisiert werden. Doch woher sollen diese Ressourcen kommen? In einer Pressekonferenz verfügt der bayerische Ministerpräsident Markus Söder am 17. März, dass ab sofort alle "medizinisch nicht notwendigen" Operationen verschoben werden müssen.

Corona-Krise: Schönheitsoperationen müssen verschoben werden

Dazu zählt er Schönheits-OPs, orthopädische Eingriffe oder Eingriffe am Auge. Doch wann kann eine Operation verschoben werden? Wichtig ist nicht nur, wie lebensbedrohlich oder akut der Zustand des Patienten ist, sondern auch, ob eine Verschiebung der Operation "medizinisch vertretbar" ist, ob sie also irreversible Schäden nach sich ziehen würde.

"Medizinisch nicht notwendig": Was heißt das genau?

Der Fachbegriff für verschiebbare oder geplante Eingriffe lautet "elektiv". Doch was das bedeutet, ist nicht exakt definiert. Worauf genau müssen Patienten sich also einstellen?

Am Tag nach der Pressekonferenz laufen die Telefone in einer Münchner Augenarztpraxis heiß. Ministerpräsident Markus Söder hat als Beispiel für medizinisch nicht notwendige Operationen auch Augenoperationen erwähnt. Günther B. leidet an altersbedingter Makuladegeneration. Keine lebensbedrohliche Erkrankung. Ist der Eingriff damit "medizinisch nicht notwendig"?

Mit Spritzen ins Auge werden bei der sogenannten "feuchten Makuladegeneration" wirksame Medikamente an Ort und Stelle gebracht. Günter B. ist auf dem linken Auge fast blind. Als die Erkrankung bei ihm begann, gab es die Behandlung noch nicht. Auf dem rechten Auge konnte die Erkrankung mit Hilfe der Spritzen erfolgreich gestoppt werden. Augenarzt Prof. Koss warnt davor, solche Eingriffe nun zu verschieben.

"Gerade Patienten mit Netzhauterkrankungen sind betroffen. Also Patienten mit altersbedingter Makuladegeneration. Aber auch diabetische Patienten, die im Sehzentrum Schwellungen haben, also in der sogenannten Makula. Daran kann man potentiell erblinden, wenn die Therapie zu lange ausgesetzt wird."

Prof. Dr. med. Michael Koss, Augenzentrum Nymphenburger Höfe, München

Doch die augenärztliche Untersuchung bei Günther B. zeigt, dass diesmal nicht die Makula der Grund für seine aktuelle Sichtverschlechterung ist. Sondern eine Trübung der Linse.

Der "Graue Star" ist ein typisches Beispiel für eine gut verschiebbare Operation. Günter B. muss nun zwar noch Monate warten, bis eine Operation seine Sehkraft wieder verbessert. Aber es entstehen durch diese Verschiebung keine irreversiblen Schäden.

Herzpatienten: schnelle Operationen lebenswichtig

Was heißt "elektiv"? Diese Frage ist auch für Herz-Patienten entscheidend. Im deutschen Herzzentrum in München sind die Ambulanzen geschlossen. Die Operationen lassen sich aber kaum verschieben.

"In unserem Fachgebiet ist das eher die Minderheit der Operationen. Weil die Mehrheit der Operationen dringliche Operationen sind oder Notfalloperationen."

Prof. Dr. med. Rüdiger Lange, Deutsches Herzzentrum, München

Patienten, die fast keine Beschwerden haben, können bis zu drei Monate auf ihre Operation warten, zum Beispiel bei einer kleinen Undichtigkeit der Herzklappe. Für die meisten OPs aber gilt:

"Patienten mit schweren Klappenerkrankungen oder mit koronarer Herzerkrankung, die nicht operiert werden, können jederzeit tot umfallen und sterben. Das ist natürlich etwas, was man nicht aufwiegen kann gegen Corona. Man muss einfach versuchen, beides zu beherrschen. Und das ist der große Spagat, den wir im Moment bewältigen müssen."

Prof. Dr. med. Rüdiger Lange, Deutsches Herzzentrum, München

Geburten und Knochenbrüche: Vorsorge für Notfälle in Zeiten von Corona

Seit zwei Wochen bereitet sich die München Klinik in Harlaching intensiv auf Corona-Patienten vor. Und auch darauf Notfälle, Geburten und nicht verschiebbare OPs trotzdem bewältigen zu können. Dazu muss gewährleistet sein, dass Notfallpatienten und Patienten, deren Eingriff sich nicht verschieben lässt, sich nicht bei Corona-Patienten anstecken. Das kostet viel Zeit. Im Vorfeld muss die Klinik zudem viele Fragen klären. Im normalen Krankenhausbetrieb lässt sich diese Aufgabe nicht stemmen.

"Wir sagen jeden Tag Operationen ab, um uns planerisch auf die erwartete hohe Kapazität an Intensivmedizin und Beatmungskapazitäten vorzubereiten."

Prof. Dr. med. Christoph Scholz, München Klinik Harlaching, Frauenklinik

Kinderwunschbehandlungen können verschoben werden.

Es trifft nicht nur Hüft- oder Knie-OPs, sondern auch Kinderwunschbehandlungen und Beckenboden- oder Inkontinenzbehandlungen. Die meisten Patienten haben dafür großes Verständnis. Die Frage, wann diese Operationen wieder möglich sein werden, bleibt offen.

"Wir können keinen konkreten Zeitpunkt nennen, weil wir einfach überhaupt nicht wissen, wie uns die Pandemie binden wird. Aber worauf die Patienten sich verlassen können, ist, dass wir keinen vergessen. Jeden, den wir kontaktieren, jeder, der bei uns vorstellig geworden ist, kommt auf eine Liste. Und wird kontaktiert, wenn wir wieder Kapazitäten haben."

Prof. Dr. med. Christoph Scholz, München Klinik Harlaching, Frauenklinik

Von "elektiv" zu "dringlich": Hausärzte beraten Patienten

Wenn die Pandemie länger andauert, könnte manche "elektive" OP doch wieder dringend werden. Prof. Antonius Schneider ist Professor für Allgemeinmedizin an der TU München. Er rät, dass Patienten in engem Kontakt zu ihrem Hausarzt bleiben. Denn Operationen können zwar oft um eine gewisse Zeit verschoben werden. Irgendwann wird die operative Therapie dann aber doch "dringlich". Der Hausarzt kann dann den Kontakt zu den Fachärzten herstellen.

"Häufig haben Hausärzte ja auch Kontakte zu den umliegenden Krankenhäusern. Sie können sich mit dem Chirurgenteam abstimmen, ob nun doch eine Operation erfolgen soll."

Prof. Dr. med. Antonius Schneider, Institut für Allgemeinmedizin, Klinikum rechts der Isar, TU München

Solche Beratungen und Abstimmungen können oft auch telefonisch erfolgen. Der Arzt darf sie auch in der Corona-Krise weiter durchführen, anders als Gesundheitschecks oder Routine-Laborkontrollen. Professor Schneider betont, dass Patienten von sich aus nicht die Termine absagen sollten. Sie sollten dem Arzt die Entscheidung überlassen, welche Termine aktuell verschoben werden können und welche nicht.

"Patienten, die mit Blutgerinnungshemmern wie Marcumar eingestellt sind, die kommen natürlich weiterhin regelmäßig zur Kontrolle.  Aber ein Diabetespatient, der ein gutes Blutzucker-Langzeitgedächtnis hat, den muss man jetzt nicht unbedingt nächste Woche kontrollieren. Da kann man sagen, kommen Sie doch mal in zwei Monaten. Und dann checkt man die Lage."

Prof. Dr. med. Antonius Schneider, Institut für Allgemeinmedizin, Klinikum rechts der Isar, TU München

Beatmungsspezialisten: Ressourcen dringend notwendig

Betten für Corona: In der Lungenfachklinik in Gauting gibt es genau die Geräte und die Fachleute, die schwere Verläufe optimal behandeln können. Doch gerade hier gibt es wenig Spielraum für Verschiebungen der üblichen Operationen.

"Wir machen viel Tumorchirurgie in der Klinik oder behandeln Entzündungen in der Thoraxhöhle. Das sind im Prinzip alles dringliche Operationen, so dass wir da praktisch keine Operationen verschieben."

Dr. med. Lorenz Nowak, Intensiv-, Schlaf- und Beatmungsmedizin, Asklepios Klinik Gauting

Zusätzliche Ressourcen konnten hier anders geschaffen werden, zum Beispiel durch den Stopp von Umbaumaßnahmen. Ein Glücksfall. Damit hier auch weiterhin alle Patienten behandelt werden können, ist man aber dringend auf die Mithilfe der Bevölkerung zur Eindämmung der Anzahl der Infektionen angewiesen. Und auf die Mithilfe von anderen Kliniken. Denn gebraucht werden nicht nur Intensivbetten. Sondern auch Isolierstationen für Patienten mit leichteren Verläufen, die Unterstützung durch Sauerstoff brauchen. Nur wenn jedes Krankenhaus jetzt solidarisch alle Ressourcen, die medizinisch vertretbar sind, freimacht, wird es gelingen, die Corona Krise zu meistern.


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