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Mögliche Lieferengpässe Werden durch das Coronavirus erste Medikamente knapp?

Wenn Medikamente nicht verfügbar sind, kann das für Patienten lebensbedrohlich werden. Und doch sind seit Jahren immer wieder einige Medikamente nicht zu haben. Verschärft der Ausbruch des Coronavirus die Lieferengpässe weiter?

Von: Monika Hippold

Stand: 16.03.2020

Atemschutzmasken gibt es kaum mehr, Desinfektionsmittel sind knapp – auch in Kliniken und Arztpraxen. Nachschub zu bekommen, dafür kämpft Christian Grams mit seinen Mitarbeitern jeden Tag. Rund 1.000 Kliniken und Ärzte in Bayern beliefert er mit Medizinprodukten. Er befürchtet: Der Engpass wird sich noch auf andere Produkte ausweiten.

"Wir werden sicherlich auch mit Handschuhen Versorgungsengpässe bekommen. Desinfektionsmittel sind sehr schwierig zu bekommen. Und die Fläschchen dazu kommen aus China. Da wird es schwierig, die Ware abzufüllen. Wenn neu produziert wird, was noch nicht absehbar ist, werden wir wiederum mit Lieferzeiten von vier Monaten rechnen müssen."

Dr. Christian Grams, Vorstand, SMS medipool, Gauting

Lieferengpässe steigen seit Jahren

Auch bei Medikamenten herrscht ein Mangel – und zwar schon seit Jahren. Rund 80 Prozent der Vorstufen von Arzneimitteln werden in Asien produziert, insbesondere in China. Deutschland ist abhängig von den Importen.

Und die Lieferengpässe nehmen seit Jahren zu. Betroffen sind immer wieder Medikamente für Epileptiker, Krebspatienten, Herz-Kreislauf, Schilddrüsen- und Schmerzmittel, Psychopharmaka, Antibiotika. Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sind rund 280 Medikamente im Moment nur eingeschränkt erhältlich.

Jetzt kommt das Coronavirus dazu. Verschärft das die Lage? Werden Lieferengpässe bei Medikamenten noch häufiger? Warum werden lebenswichtige Arzneimittel nicht in Deutschland produziert?

Epilepsie-Medikamente nicht lieferbar

Zweimal am Tag nimmt Dagmar Kuhn ihre Tabletten. Sie hat Epilepsie. Seit neun Jahren ist sie auf die Tabletten eines Herstellers eingestellt. Damit geht es ihr gut. Drei Jahre lang hatte sie keinen Anfall mehr – für sie ein großes Stück Lebensqualität.

Doch sie hat Angst, dass sich das ändern könnte. Kurz vor Weihnachten hörte sie zum ersten Mal in der Apotheke, dass ihr Medikament nicht lieferbar sei. Den Hersteller zu wechseln, kommt für sie nicht in Frage.

"Ich befürchte, dass ich sonst wieder einen Anfall bekomme. Für mich wäre dann wieder einiges kaputt, meine Selbstständigkeit wäre wieder eingeschränkt. Ich müsste sozusagen von vorne anfangen."

Dagmar Kuhn

Apotheker Ulrich Koczian bestätigt: Bei Antiepileptika sind zwei Wirkstoffe immer wieder nicht lieferbar. Epileptiker können aber nicht einfach den Hersteller wechseln.

"Das ist bei Epileptikern sehr dramatisch, weil das ein ganz fein austarierter Prozess ist."

Ulrich Koczian, Apotheker, Augsburg

Dagmar Kuhns Tabletten reichen noch für sechs Wochen.

"Jetzt wird es dann ganz knapp mit den sechs Wochen. Dann muss ich schauen, woher ich das bekomme."

Dagmar Kuhn

Insulin noch vorrätig

Auch einige Diabetes-Patienten sind verunsichert. Um seinen Insulinnachschub müsse aber momentan niemand bangen, sagt Diabetologin Dr. Veronika Hollenrieder.

"Es gibt immer mal wieder Produkte, die nicht verfügbar sind, bei denen es aber kein Problem ist, auf andere Präparate auszuweichen."

Dr. Veronika Hollenrieder, Vorstandsvorsitzende Fachkommission Diabetes in Bayern (FKDB)

180 Medikamente in der Klinikapotheke sind knapp

Prof. Wolfgang Kämmerer besorgt am Universitätsklinikum Augsburg Medikamente für die stationäre Behandlung von Patienten. Die Klinikapotheke ist deutschlandweit die drittgrößte und versorgt 16 Krankenhäuser mit mehr als 4.300 Betten. Er hat beobachtet: Seit fünf Jahren gibt es immer wieder Lieferschwierigkeiten bei verschiedenen Mitteln.

"In den letzten zwei Jahren ist es dann richtig dramatisch geworden. Aus unserem Sortiment sind zurzeit 180 Medikamente knapp oder überhaupt nicht lieferbar. Es gelingt uns zwar meistens, diese auszutauschen oder gleiche Präparate von anderen Herstellern einzukaufen. Aber manchmal ist es auch nicht möglich. Da müssen wir improvisieren."

Prof. Dr. Wolfgang Kämmerer, Direktor Klinikapotheke, Augsburg

Verträge, Gespräche, Beziehungen, eine Einkaufsgemeinschaft: So schafft es das Team doch immer wieder, an Medikamente heranzukommen. Viel Aufwand: Eine Vollzeitstelle beschäftigt sich jeden Tag damit, bei Herstellern nachzuforschen und Ersatz-Medikamente zu suchen. Prof. Kämmerer befürchtet, das Coronavirus könnte die Situation weiter verschärfen.

Mangelware in der Klinikapotheke: Antibiotika und Krebsmedikamente

Manchmal wird es aber auch jetzt schon richtig knapp, etwa bei Krebsmedikamenten: Bei einem Mittel kann im Moment nur ein Hersteller liefern. Die Klinikapotheke hat 20 Päckchen bekommen. Das reicht für einen Monat. Ein weiteres Problem sind Antibiotika. Der letzte Produktionsstandort dafür in Deutschland wurde 2017 geschlossen.

"Wir brauchen unbedingt Antibiotika. Und wir hatten Anfang des Jahres tatsächlich das Problem, die Versorgungssicherheit für das ganze Jahr 2020 sicherzustellen."

Prof. Dr. Wolfgang Kämmerer

Antibiotika werden hauptsächlich in Asien produziert. In Wuhan werden laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte 19 Wirkstoffe für in Deutschland zugelassene Arzneimittel hergestellt. In der kompletten Provinz Hubei sind es 153. Indien hat in der vergangenen Woche ein Exportverbot für 26 Arzneistoffe verhängt, darunter auch Paracetamol und Antibiotika. Der Grund: das Coronavirus.

Weitere Lieferengpässe durch das Coronavirus

Apotheker Ulrich Koczian vermutet, dass er den aktuellen Produktionsausfall ab Mai vermehrt spüren wird.

"Noch ist alles vorrätig – abgesehen von den Engpässen, die wir schon seit Monaten haben. Wie sich das jetzt in den nächsten Wochen und Monaten entwickelt, ist schwer vorherzusehen. Das Coronavirus hat aber sicher Einfluss auf die Verfügbarkeit von Medikamenten. Diese Situation ärgert mich sehr. Man sieht diese Konzentration der Hersteller von Arzneistoffen auf einige wenige, die marktbeherrschend sind. Je mehr und je häufiger die Situation auftritt, desto besser sieht man, in welcher Abhängigkeit man sich befindet."

Apotheker Ulrich Koczian

Transparenz fehlt

Ob die Fabriken in Hubei mittlerweile wieder produzieren, ist nicht ganz klar. Pharmaexperten wie Morris Hosseini bemängeln die mangelnde Transparenz schon lange.

"Zwei Sachen sind im Moment nicht genau zu sagen: ob und wann es zu weiteren Lieferengpässen kommt. Das liegt daran, dass wir einen mehrstufigen Produktionsprozess haben, von Vorstufen zu Wirkstoffen bis zu den finalen Formulierungen, den Tabletten und den Kapseln. Da gibt es keine Transparenz, wo wir an welcher Stelle stehen. Deswegen wissen wir nicht, wann ein Engpass eintreffen wird und auch nicht, welchen Wirkstoff es zuerst trifft."

Dr. Morris Hosseini, Pharmaexperte, Unternehmensberatung Roland Berger, Berlin

Deutschland ist abhängig von Importen bei Medikamenten

In zwei Studien hat er bisher die Abhängigkeit Deutschlands von Importen bei Medikamenten untersucht. Das Ergebnis: Die Situation sollte sich so schnell wie möglich wieder ändern, Medikamente wieder in Deutschland produziert werden. Auch, wenn sie dann teurer werden.

Warum hat Deutschland die Produktion von lebenswichtigen Medikamenten aber überhaupt ausgelagert? Dr. Morris Hosseini erklärt es.

"Wir haben einen ruinösen Preiswettbewerb. In westlichen Ländern haben wir bei Generika Mechanismen, die den Preis sehr stark senken. Das sind zum Beispiel Rabattverträge oder Ausschreibungs-Mechanismen. Das hat dazu geführt, dass es einfach nicht mehr wirtschaftlich ist, solche Stoffe in Deutschland oder in Europa herzustellen. Die Folge: Viele Produktionsanlagen wurden hier geschlossen. Die Hersteller sind gezwungen, die Grundstoffe sehr günstig in China zu beziehen."

Pharmaexperte Dr. Morris Hosseini

Geringere Löhne und Investitionskosten, weniger Umweltauflagen: In China kostet die Produktion weniger.

Krebsmedikamente fehlen

Das geht zu Lasten der Patienten, und die haben kein Verständnis für den Medikamentenmangel. So wie Klaus Albertshofer. Seit Anfang 2018 weiß er, dass er Leukämie und Prostatakrebs hat. Ein Jahr nach der Diagnose kam für ihn der nächste Schock – in der Apotheke:

"Der schlimmste Moment war, als ich in die Apotheke ging und meine Medikamente abholen wollte. Die Apothekerin sagte: nicht lieferbar! Die Medikamente sind für mich mit zwei Krebsarten lebensnotwendig. Ich habe Angst, dass die Medikamente in Zukunft wegen des Coronavirus komplett ausgehen."

Klaus Albertshofer

Er hat wegen der Lieferengpässe Strafanzeige gestellt – gegen den Gesundheitsminister und die Bundeskanzlerin. Der Vorwurf: versuchte Körperverletzung durch Unterlassen. Bisher hat die Staatsanwaltschaft Berlin es abgelehnt, Ermittlungen aufzunehmen. Sein Anwalt hat dagegen bei der Generalstaatsanwaltschaft Beschwerde eingelegt.

Medikamente wieder in Deutschland herstellen

Gibt es eine Lösung für die Lieferengpässe? Lebensnotwendige Arzneien müssten wieder in Deutschland produziert werden, fordern die Experten.

"Bisher ist leider nicht viel geschehen. Jetzt ist natürlich durch das Coronavirus eine andere Situation gegeben. Wir hoffen, dass sich jetzt auch mehr tut. Das Coronavirus ist aber nicht die Ursache. Es bringt dieses Problem nur deutlicher zum Vorschein."

Pharmaexperte Dr. Morris Hosseini

Arzneien in Deutschland zu produzieren, wäre möglich. Doch es kostet Geld. Der Staat müsste die Produktion unterstützen durch Subventionen, in den Markt eingreifen. Ob Politik, Unternehmen und Krankenkassen bereit dazu sind, wird sich erst noch zeigen.


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