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Post-Covid-Syndrom Long Covid: Beeinträchtigungen im Alltag

Etwa 10 Prozent der ehemals Corona-Infizierten spüren Langzeitfolgen: Atemnot, mangelnde Belastbarkeit, chronische Müdigkeit, Verlust des Geruchs- und Geschmacksinns, Herzbeschwerden, Konzentrationsprobleme oder Depressionen. Experten schätzen, dass es in Deutschland derzeit etwa 350000 Long Covid Patienten gibt.

Von: Florian Heinhold

Stand: 01.06.2021

Wenn Simone mit ihrer Familie einen Ausflug macht, wird es körperlich schnell zu viel. Für Birgit ist der ganz normale Alltag eine echte Herausforderung. Und Michael kommt bei der kleinsten Anstrengung an seine Grenzen. Drei Menschen, ein Syndrom: Long Covid.

"Ich habe immer im Hinterkopf: Schaff ich das, kann ich mich da ausruhen, bin ich da belastbar genug? ...
Dann kommt der Hammer buff! Dass mir jemand den Stecker rauszieht und ich kann nicht mehr. Wie wenn mir jemand einen Zementsack auf die Lunge drauflegt ...
Das ist schlimm, wenn man keine Luft bekommt ..."

Simone, Birgit und Michael, Post Covid Patienten

Vor Corona: aktiv und gesund

Birgit Birner war immer aktiv, eine ambitionierte Radfahrerin und Schwimmerin. Bis zum April 2020. Damals infizierte sie sich mit Corona. Doch das schlimmste kam erst Wochen später. Heute, über ein Jahr später, leidet sie immer noch an ständigem Reizhusten, Abgeschlagenheit und Atemnot.

"Das sind mein Mann und ich bei unserer früheren Lieblingsbeschäftigung, dem Radlfahren. Ah! Das war in Südtirol. Da bin ich noch den Berg raufgefahren. Das Rennrad ist jetzt mittlerweile schön brav im Keller, das ist eingemottet.
Ich bekam Corona und dachte, sobald ich mich hingelegt habe, ich ersticke. Und deswegen habe ich viel im Sitzen geschlafen, oder in der erhöhten Position. Weil ich dann nicht das Gefühl hatte, dass ich so ersticken muss, wie wenn ich liege. Und das ging über Wochen und das habe ich teilweise, wenn es bei mir wieder schlimmer wird, jetzt noch. Ich habe das Gefühl, also ob die Luft nicht in den Bauch runterkommt, sondern irgendwo an der Brust steckenbleibt. Das ist wie wenn dir jemand die Kehle zuschnüren, oder etwas auf die Brust legen würde."

Birgit Birner

Long Covid: oft vernachlässigt

Nach wie vor wird Long Covid oft vernachlässigt, denn wer nach der Erkrankung nicht mehr positiv getestet wird, gilt als geheilt. Die unterschiedlichen Symptome machen es den behandelnden Medizinern zudem schwer.

"Das hat ja auch niemand geglaubt, weil damals hieß es ja noch: Negativ getestet, die hat nichts, Haken dahinter. Auch mit der Psyche denkst du: Bist du Simulant, oder bildest du dir das Ganze nur ein?"

Birgit Birner

Ihr Hausarzt hilft ihr in der jetzigen Situation viel.

"Das ist das große Problem, die Erkrankung gibt’s noch nicht so lange, sie ist neu. Und entsprechend weiß man auch nicht, wie der Verlauf ist und es gibt auch keine ursächliche Therapie."

Jürgen Schlenker, Facharzt für Allgemeinmedizin, Hirschau

Long Covid trifft rund zehn Prozent der Erkrankten

Long Covid könnte sich zu einem echten Problem entwickeln. Schätzungen zufolge sind rund zehn Prozent der ehemals Corona-Infizierten von Folgesymptomen betroffen. An der Lungenfachklinik in Donaustauf bei Regensburg leitet Prof. Michael Pfeifer eine der wenigen Spezialambulanzen für Long Covid Patienten in Deutschland. Und nicht nur körperlich setzt Long Covid den Patienten zu. Auch neurologische Probleme, wie langanhaltender Geschmacksverlust und Vergesslichkeit sind häufig.

"Mit der Untersuchung können wir die Leistungsfähigkeit des Organismus als Ganzes erfassen. Weil wir nicht nur das EKG bestimmen und die Herzfrequenz, sondern auch wie gut die Sauerstoffabgabe ist. Das nennen wir Ergospirometrie.
Wir werden sicherlich mit diesem Syndrom in den nächsten Jahren weiterhin medizinisch beschäftigt sein. Sicherlich auch gesellschaftlich, weil das ja doch Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit, auf die berufliche Situation der Patienten hat. Viele Patienten berichten, dass sie, wenn sie tätig sind, sich nach einer Viertelstunde wieder hinsetzen müssen, dazu kommen noch Haarausfall, aber auch Schlafstörungen. Und viele haben Angst: Geht das wieder weg?"

Prof. Dr. med. Michael Pfeifer, Pneumologe, Klinik Donaustauf

Halten die Beschwerden länger als drei Monate nach einer Corona-Infektion an, sprechen die Ärzte von Post Covid. In Spezialambulanzen wie in der Klinik Donaustauf werden wichtige Erkenntnisse gewonnen. Denn immer noch gibt es viele Fragezeichen. 

"Was wir sehen, trotz der Luftnot, die viele Patienten haben, dass wir keine fassbare Störung der Herzfunktion haben oder auch der Lungenfunktion. Da sind kleine Veränderungen da, die wir messen können, aber die jetzt nicht so ausgeprägt sind, dass wir damit die Beschwerden erklären können."

Prof. Dr. med. Michael Pfeifer, Pneumologe, Klinik Donaustauf

Long Covid: Belastung in Beruf und Familie

Für Simone aus München ist Long Covid vor allem eine Belastung in der Arbeit.

"Gestern war ich wieder im Büro, das war sehr anstrengend. Irgendwann habe ich gemerkt, dass die Kräfte nachlassen und dann ging es einfach nicht mehr. Ich bin nach Hause gefahren und habe mich sofort ins Bett gelegt und ausgeruht. Das Schwierige ist, dass ich nie so richtig weiß: Wie belastbar bin ich eigentlich, was kann ich mir zumuten?"

Simone

Aber auch im Alltag mit ihrem fünjährigen Sohn Felix sind die Symptome ein Problem. Ihr Mann Bernhard muss jetzt noch mehr anpacken.

"Ich bring ihn zum Kindergarten, ich hol ihn vom Kindergarten, ich koche. Also es ist schon eine Belastung. Es ist gut, wenn man fit ist als Papa, vor allem wenn man schon ein bisschen älter ist, schon ein bisschen eingerostet."

Bernhard

Selbsthilfearbeit: Hilfe und Verständnis

Simone hat sich jetzt bei einer Selbsthilfegruppe gemeldet. Für sie ein wichtiger Schritt.

"Ich habe dadurch das Gefühl, ich bin nicht alleine. Da ist jemand, da sind andere, denen geht es genauso."

Simone

Auch Brigit Birner engagiert sich in der Selbsthilfegruppe. Sie hat sogar ihren Beruf wechseln müssen. Tausende Menschen in Deutschland stehen vor ähnlichen Problemen.

"Das ist einfach eine Krankheit, die auf uns zurollt. Das sind ja alles Leute, die mitten im Leben stehen. Ich muss und will ja auch noch 20 Jahre in die Rentenkasse einzahlen. Ich kann ja Gott sei Dank wieder arbeiten. Aber viele von uns können eben noch nicht wieder arbeiten. Und was machen die dann? Die sind arbeitslos."

Birgit Birner

Birgit Birner will sich von Long Covid auf jeden Fall nicht unterkriegen lassen. Als einen Schritt zurück in ein normales Leben hat sie sich jetzt ein E-Bike gekauft, denn normales Radfahren, so wie sie den Sport früher betrieben hat, geht nicht mehr.   


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