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Corona: Kita- und Grundschulöffnungen Gefahr oder gesundheitliche Notwendigkeit?

Seit gestern sind Kitas und Grundschulen wieder geöffnet, wenn auch mit Einschränkungen. Doch befeuern die Öffnungen den Anstieg der Covid-Infektionszahlen oder sind sie gesundheitlich dringend notwendig, wie Kinderärzte meinen?

Von: Antje Maly-Samiralow, Bernd Thomas

Stand: 22.02.2021

Große Freude bei vielen Kindern und gestressten Eltern. Kitas und Grundschulen sind wieder geöffnet, wenn auch mit Einschränkungen. Doch manche Erwachsene sind besorgt. Steigen durch die Öffnungen der Grundschulen und Kitas die Infektionszahlen?

Geschlossene Kitas und Schulen: Schädlich für die Gesundheit von Kindern

Kinderärzte dagegen fordern schon lange die Öffnung, denn Kitas und Schulen sind wichtig für die Gesundheit, vor allem jedoch für die Entwicklung von Kindern.  

"Kinder brauchen Kinder. Das ist ganz wichtig für die soziale Entwicklung, für das soziale Lernen. Viel Sozialverhalten wird mit den Gleichaltrigen eingeübt. Das können die Klassenkameraden sein. Das können auch die Spielkameraden sein. Aber es ist eben der Sozialkontakt. Und wenn der wegfällt, dann merkt man, wie Kinder vereinsamen, wie Kinder vermehrt traurig werden, größere Kinder Depressionen entwickeln."

Prof. Dr. med. Johannes Hübner, Pädiatrische Infektiologie, Haunersches Kinderspital, Klinikum der LMU München

Fehlende Sozialkontakte bergen erhebliche Gesundheitsrisiken gerade für Kinder, warnen immer mehr Ärzte und Psychologen, so auch Christian Schubert vom Universitätsklinikum Innsbruck.

"Wir müssen davon ausgehen, dass Kinder sich in einer Immunentwicklung befinden. Das heißt, sie brauchen die Erreger und die Antigene anderer, um ihr eigenes Immunsystem zu trainieren. Was aber für meine Begriffe besonders problematisch ist: Viele Kinder befinden sich momentan auch in einem chronischen Stresszustand. Das heißt, die Isolation, die Depression bei vielen Kindern, die schlägt jetzt zu. Und die hat einen Effekt auf das Immunsystem, so dass es zu einem erhöhten Risiko kommt von viralen Erkrankungen, aber auch von Allergien und Autoimmunerkrankungen."

Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. M. Sc. Christian Schubert, Labor für Psychoneuroimmunologie, Universitätsklinikum Innsbruck

Kinder und Corona: Welche Rolle spielen sie im Infektionsgeschehen?

Doch welche Rolle spielen Kinder im Infektionsgeschehen von Covid-19?

Eine heiß diskutierte Frage. Die beschäftigt auch den Kinderinfektiologen Johannes Liese von der Universitätsklinik Würzburg. Er leitet aktuell zwei Studien zu diesem Themenkomplex, darunter die Würzburger Kita Studie Wü-Kita-Cov. Diese Studie begleitet Kitas schon seit einigen Monaten und überprüft mögliche Infektionsrisiken sowie die Wirkung der Hygienemaßnahmen. Die Studie ist noch nicht abgeschlossen, aber eine Tendenz ist bereits deutlich auszumachen.

"Bei unserer großen Kindergartenstudie haben wir mehrere tausend Untersuchungen gemacht und haben nur sehr, sehr wenige, vereinzelte Infektionen mit dem neuen Coronavirus nachweisen können."

Prof. Dr. med. Johannes Liese, Pädiatrische Infektiologie, Kinderklink der Universität Würzburg

Ein Trend, der sich auch bei der routinemäßigen Untersuchung der Patienten der Würzburger Kinderklinik wiederfindet.  

"Wir untersuchen jedes Kind, das bei uns in der Klinik aufgenommen wird, auf das neue Coronavirus. Und bei über 1.500 Aufnahmen und Untersuchungen haben wir lediglich zwei positive Nachweise gehabt. Beide Kinder waren asymptomatisch, kamen also aus einem anderen Grund und waren die einzigen, die wir hier in diesen Screening-Untersuchungen identifizieren konnten."

Prof. Dr. med. Johannes Liese, Pädiatrische Infektiologie, Kinderklink der Universität Würzburg

Corona: Kinder sind keine Infektionstreiber

Während Kinder maßgeblich zur Verbreitung von Grippe beitragen, spielen sie beim Infektionsgeschehen von Covid-19 kaum eine Rolle. Kinderärzte wie Johannes Liese differenzieren dabei nach Alter. Je kleiner die Kinder sind, desto weniger sind sie betroffen. Erst wenn Kinder zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen heranwachsen, gleicht sich ihre Rolle im Infektionsgeschehen dem der Erwachsenen allmählich an.

Kinder mit Erkältungssymptomen: Welche Erreger stecken dahinter?

Kinderarzt Uwe Sack ist einer von fünf Würzburger Kinderärzten, die Daten für eine weitere Studie der Universität Würzburg, der Co-Pra-Kid, erheben. Getestet werden Kinder bis 14 Jahre, die an akuten Atemwegsinfekten und/oder Fieber leiden. Ziel ist es, herauszufinden, welche Erreger die Infektionen verursacht haben. Dabei werden zwei Abstriche genommen. Eine Probe wird auf SARS-CoV-2 untersucht, die andere auf 20 andere Erkältungsviren und -bakterien.

"Bei den Untersuchungen ist herausgekommen, dass bei 200 Tests lediglich zwei Kinder positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Die übrigen hatten zu zwei Dritteln Rhinoviren und zu einem Drittel Adenoviren. Das sind ganz normale Erkältungsviren, die es schon seit 100 Jahren gibt und die wir in den vorigen Jahren genauso gefunden hätten."

Dr. med. Uwe Sack, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde, Würzburg

Ähnliche Ergebnisse wie in Würzburg zeigten sich auch in der Münchner Virenwächterstudie, in der Kinder, Lehrer, Erzieher und Pädagogen in jeweils fünf Kindertagesstätten und Grundschulen getestet wurden. Mit diesem Studiendesign sollte vor allem geprüft werden, ob eine Öffnung von Kitas und Grundschulen unter Einhaltung von Hygieneregeln machbar ist. 

"Im Rahmen der Studie haben wir circa 3.000 Personen untersucht, 2.000 Kinder und 1.000 Betreuer zu zwei Zeitpunkten, im Herbst und im November. Und in der ganzen Zeit sind lediglich nur zwei Personen positiv getestet worden, ein Lehrer und ein Schüler. Das Ganze ist für uns ein Hinweis darauf, dass das Virus in Schulen auch in Hochinzidenzgebieten wie München nicht weit verbreitet ist."

Prof. Dr. med. Johannes Hübner, Pädiatrische Infektiologie, Haunersches Kinderspital, Klinikum der LMU München

Kinder und Covid-19: Warum sie seltener erkranken

Selbst wenn Eltern oder andere Erwachsene an Covid-19 erkrankt sind, stecken sich viele kleine Kinder in der Regel nicht an und schwere Krankheitsverläufe sind bei Kindern insgesamt sehr seltene Ausnahmen. Woran liegt das?

"Da gibt es eine ganze Reihe von Hypothesen. Eine ist die, dass Kinder ein anderes Immunsystem haben. Kinder setzen sich häufig mit respiratorischen, also mit Atemwegsviren, auseinander, haben vielleicht dadurch auch einen Antikörperschutz. Oder, was auch eine Überlegung ist: Das Protein, über das das Virus andockt an die Zellen, ist bei Kindern weniger exprimiert."

Prof. Dr. med. Johannes Hübner, Pädiatrische Infektiologie, Haunersches Kinderspital, Klinikum der LMU München

Diese Diskrepanz erkannte der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr bereits 2003, als er zusammen mit seinem Team für die WHO das erste SARS-Virus identifizierte.

"Bei den SARS-Viren haben wir das eigentlich 2003 schon beobachtet. Da gab es einige sehr gute Studien in China. Jetzt sehen wir in einigen sehr guten Studien in Deutschland, aber auch international, dass der Anteil der Kinder am Gesamtinfektionsgeschehen bei SARS geringer ist als der von Erwachsenen."

Prof. Dr. med. Klaus Stöhr, Koordinator der Arbeitsgruppe CoronaStrategie

Corona-Variante B1.1.7.: Wie stark sind Kinder davon betroffen?

Doch wie verhält es sich mit der britischen Mutante, die sich immer weiter  verbreitet? Sie soll infektiöser sein, auch für Kinder.

"Man hat tatsächlich in England gesehen, dass Kinder unter Umständen stärker am Infektionsgeschehen beteiligt waren. Aber diese Anfangsergebnisse haben sich bei weiteren Untersuchungen nicht bestätigt. Positiv sieht man auch, dass in den letzten sechs bis acht Wochen in Europa insgesamt die Gesamtzahl der Fälle ab- und gleichzeitig die Variante anteilmäßig zunimmt, ohne dass der Bekämpfungsfortschritt beeinflusst wird. Das ist eigentlich eine sehr positive Beobachtung."

Prof. Dr. med. Klaus Stöhr, Koordinator der Arbeitsgruppe CoronaStrategie

Dass Kinder durch die Mutante nicht stärker betroffen sind, zeigt auch eine aktuelle Veröffentlichung im Wissenschaftsmagazin Lancet.

Minimiertes Risiko: Hygienevorschriften in Kitas und Grundschulen

CO2-Melder

Trotz dieser beruhigenden Daten gelten in Kitas und Grundschulen verbindliche Hygienekonzepte, um eventuelle Infektionsrisiken auszuschließen. In der Kindertagesstätte Plecherstrasse in München bedeutet das: Die Gruppen sind auf unterschiedlichen Ebenen räumlich getrennt. Eltern bleiben draußen, außer in der Eingewöhnungsphase. Neben obligatorischer Händedesinfektion gelten Maskenpflicht und Abstandsregeln für Erwachsene, auch für Pädagoginnen und Erzieherinnen. Zusätzlich werden in wöchentlichem Turnus Reihentestungen vorgenommen und in jedem Raum gibt es CO2-Melder, die anzeigen, wann spätestens gelüftet werden muss.

Gemeinsam spielen und lernen, das ist laut der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) für Kinder systemrelevant und entscheidend für ihre soziale und gesundheitliche Entwicklung. Mediziner wie Johannes Liese sehen in der Öffnung von Kitas und Grundschulen auch keine Gefahr für das Pandemiegeschehen insgesamt:

"Ich denke, wir sind an einem Punkt, an dem wir genug wissen, um auch in der derzeitigen Situation Kitas und Grundschulen wieder öffnen zu können. Wir können das heute mit sorgfältigen Hygienemaßnahmen begleiten, die weitere Sicherheit gegen die Übertragung des Virus in den Kitas und Schulen vermitteln. Wir können den Prozess durch regelmäßige Begleituntersuchungen gut überwachen und damit einen sicheren Betrieb in Kindergärten und Schulen gewährleisten."

Prof. Dr. med. Johannes Liese, Pädiatrische Infektiologie, Kinderklink der Universität Würzburg

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