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Corona-Pfunde, Übergewicht, Abnehmen Wie wird man Frust-Kilos wieder los?

Mehr Zeit zum Essen, mehr Süßes und Alkohol, weniger Bewegung: Die Corona-Krise hat den Alltag und die Ernährungsgewohnheiten umgekrempelt. Die Folge: Zusätzliche Kilos auf der Waage. Was tun? Tipps von der Ernährungsberaterin.

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 08.06.2020

Laut einer Online-Umfrage haben 27 Prozent der Deutschen schon zu Beginn der Corona-Zeit merklich zugenommen. Viele fragen sich jetzt: Wie wird man die zusätzlichen Kilos wieder los?

Seelenhunger: Wenn die Seele Trost im Essen sucht

Ernährungsberaterin Monika Bischoff vom Zentrum für Ernährungsmedizin und Prävention (ZEP) am Krankenhaus Barmherzige Brüder in München rät, mit der Frage anzufangen, warum man denn eigentlich in letzter Zeit so viel gegessen hat. Das könnte mit einem Phänomen zusammenhängen, das Fachleute als „Seelenhunger“ bezeichnen.

Mandy K. hat wegen Corona den Job verloren. Sich ein bisschen verwöhnen, sich trösten, das Bedürfnis ist bei ihr im Moment stärker als sonst. Auch die Art zu kochen hat sich bei vielen verändert: Sahne und Butter oder Süßigkeiten stehen häufiger auf dem Speiseplan als früher. Typisch für den „Seelenhunger“.

"Bei den Psychologen gibt es ein Schema mit sieben verschiedenen Arten von Hunger. Speziell der Seelenhunger ist bei vielen in der schwierigen Zeit vermehrt da, weil man einsam ist, die sozialen Kontakte sind nicht mehr so da, Berührungen fehlen vielleicht. Und da gibt es nicht so viel Ersatz. Das sind oft Genussmittel, Alkohol, Zigaretten, Süßigkeiten oder Essen."

Dipl. oec.-troph. Monika Bischoff, Zentrum für Ernährungsmedizin und Prävention (ZEP), Krankenhaus Barmherzige Brüder, München

Das Problem kennt auch Familie N.. Besonders die Kinder – den ganzen Tag zuhause – sind anfällig für essen aus Langeweile. Auf „Soulfood“ ganz verzichten, das muss zum Glück nicht sein. Doch die Hälfte der Ration tröstet manchmal genauso gut. Ein guter Trick: Mit einem kleineren Teller fällt es leichter, sich mit der halben Portion zufrieden und satt zu fühlen.

Kalorienbombe Alkohol

Es wird mehr getrunken: Nicht nur aus Frust, sondern manchmal auch, um das Essen, das man sich gekocht hat, gebührend zu würdigen. Selbst wenn das noch keine Suchtproblematik sein muss, für die schlanke Linie ist es schlecht.

"Alkohol liefert in erster Linie sehr viele Kalorien. Das haben die meisten gar nicht auf dem Schirm. Sie denken: ‚Ach so ein Glas Whisky, das sieht man gar nicht, das kann ja keine Kalorien haben.‘ Aber das wird oft unterschätzt."

Dipl. oec.-troph. Monika Bischoff, Zentrum für Ernährungsmedizin und Prävention (ZEP), Krankenhaus Barmherzige Brüder, München

Monika Bischoff rät, sich auch hier zu beschränken und zum Beispiel anstatt an sieben Tagen in der Woche nur an zwei oder drei Tagen Alkohol zu trinken. Oder den täglichen Konsum auf ein halbes Glas zu beschränken.

Bewegungsmangel: Turbo für die Corona-Pfunde

Nicht alle bewegen sich seit der Corona-Krise weniger. Viele haben sogar deshalb angefangen zu laufen. Auch Mandy K. hat sich vom Lauffieber anstecken lassen – die guten Vorsätze reichten allerdings nur bis zur Anschaffung neuer Laufschuhe. Gleichzeitig fielen der tägliche Weg zur Arbeit per Fahrrad und gewohnte Sportarten, wie Schwimmen, weg.

Die mangelnde Bewegung ist eine Art Turbo für die Gewichtszunahme. Das zeigt der Check im Münchner Zentrum für Ernährungsmedizin und Bewegung.

"Die biometrische Impedanzanalyse zeigt uns viel mehr, als wieviel Fett wir haben. Ganz wichtig ist auch die körpereigene Muskulatur. Denn je mehr Muskulatur ich habe, desto mehr Kalorien verbrenne ich über den Tag automatisch."

Dipl. oec.-troph. Monika Bischoff, Zentrum für Ernährungsmedizin und Prävention (ZEP), Krankenhaus Barmherzige Brüder, München

Zu wenig Muskulatur, zu viel Kalorienzufuhr - das ist bei vielen das Problem, das zu den zusätzlichen Corona-Kilos geführt hat. Die Ernährungsexpertin errechnet für Mandy K., dass sie mit einem Minus von 500 Kalorien pro Tag schon bald wieder ihr Wohlfühlgewicht erreichen könnte. Das klappt durch weniger Kalorienzufuhr über die Ernährung und mehr Bewegung. Mandy K. will es versuchen.

"In drei Monaten müsste ich mein altes Gewicht wiederhaben. Das ist natürlich eine Motivation, wenn die Ernährungswissenschaftlerin einem vorrechnet, in dieser Zeit kannst du die fünf Kilo wieder runterbringen. Das möchte ich jetzt mir und allen anderen beweisen."

Mandy K.

Ganz wichtig : Geduld. Von Crash-Diäten rät die Expertin dringend ab. Die Faustregel: Fürs Abnehmen sollte man sich genauso viel Zeit lassen, wie man fürs Anfuttern gebraucht hat.

Mehr Zeit zum Essen: Die „Frühstücksfalle“

Es ist bestimmt keine schlechte Gewohnheit, dass viele Familien öfter als sonst gemeinsam am Tisch sitzen. Wenn die Eltern im Homeoffice sind, und die Kinder zuhause lernen, wird aber plötzlich gefühlt doppelt so viel gegessen und gekocht wie sonst. Dann auch noch gesunde Lebensmittel auf den Tisch zu bringen, ist für viele eine kleine Herausforderung, die mehr Planung als sonst erfordert. So ging es auch Marina N.:

"Die Gedanken kreisen ständig ums Essen, weil man den Eindruck hat, man isst ständig das gleiche. Dann habe ich beschlossen, einen Plan zu machen, damit es nicht zu einseitig wird. Weil ständig Nudeln oder eine Pizza, das ist auch nicht des Richtige."

Marina N.

Problematisch kann es werden, wenn die zusätzliche Zeit in zusätzliche, ausgedehnte Mahlzeiten investiert wird. Klassischerweise: für ein entspanntes Frühstück mit Speck, Eiern, Brötchen und einem Glas Saft.

"Grundsätzlich ist dieses ‚mehr Zeit mit gesundem Essen zu verbringen‘ schon sehr gut: Ich kann wieder bewusster essen, ich kann meine Achtsamkeit wieder mehr aufs Essen lenken. Wieder frühstücken, kann auch gut sein. Aber wenn ich vorher nicht gefrühstückt habe, dann habe ich jetzt eine Mahlzeit mehr, wenn ich nicht woanders einspare. Dadurch erhöht sich mein Kalorienkonto."

Dipl. oec.-troph. Monika Bischoff, Zentrum für Ernährungsmedizin und Prävention (ZEP), Krankenhaus Barmherzige Brüder, München

Muskulatur aufbauen

Mandy K. will auf solche „Ernährungsfallen“ in Zukunft verstärkt achten. Insgesamt weniger essen, aber dafür mehr Proteine, damit ihre Muskulatur nicht durch die Diät abgebaut wird.

"Die Proteine brauchen wir, damit wir die Muskulatur aufrechterhalten. Denn wenn wir zu wenig Proteine essen, holt sich der Körper das Eiweiß aus dem Muskel, und wir bauen Muskulatur ab. Darum muss der persönliche Proteinbedarf gedeckt sein, ob man dann weniger Kohlenhydrate oder Fett isst, das ist egal."

Dipl. oec.-troph. Monika Bischoff, Zentrum für Ernährungsmedizin und Prävention (ZEP), Krankenhaus Barmherzige Brüder, München

Bewegung als Appetitzügler?

Familie N. hat schon damit angefangen, die Süßigkeiten zugunsten der gesunden Ernährung zu beschränken - auch wenn das nicht immer einfach durchzusetzen ist.

Zumindest für Kinder gibt Ernährungsexpertin Bischoff aber grundsätzlich Entwarnung. Denn mit mehr Bewegung wird auch der Hunger auf Süßes automatisch wieder abnehmen. Das funktioniert am besten bei Kindern. Es könnte aber auch manchem Erwachsenen dabei helfen, die zusätzlichen Corona-Pfunde wieder loszuwerden.


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