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Von der Pandemie zur Endemie Corona ohne Ende?

Vor einem Jahr begann der erste Lockdown. Seither ist nichts ist mehr, wie es war. Aktuell explodieren die Zahlen in Indien, die Lage ist dramatisch. Andere Länder wie Großbritannien dagegen öffnen schon wieder. Bei uns sinkt die Zahl der Neuinfektionen und Intensivpatienten wieder leicht. Viele sind Corona-müde und fragen sich: Wird das Jahre so weitergehen? Wie könnte sich SARS-Cov2 entwickeln? Wissenschaftler sind sich einig: Das Virus wird bleiben. Aber wie gefährlich wird es in Zukunft sein?

Von: Antje Maly-Samiralow, Bernd Thomas

Stand: 12.04.2021

Noch vor wenigen Wochen machten Meldungen über ein Ende der Pandemie Hoffnung. Aktuell kommen alarmierende Zahlen aus Indien, hierzulande sinken dagegen die Zahlen der Neuinfektionen zumindest leicht, es gilt weiterhin die bundesweite Notbremse. Viele sind Corona-müde und fragen sich: Wie konkret ist das Ende der Pandemie? Wie sieht die Zukunft aus? Wird das Virus verschwinden?

SARS-Cov-2 wird bleiben - die Erkrankung wird sich verändern

Nein, aber Wissenschaftler wie Klaus Stöhr zeichnen schon lange ein Szenario, in dem SARS-CoV-2 seinen Schrecken verlieren könnte. Als Virologe und Epidemiologe hat er das Influenzaprogramm und die Pandemievorbereitung der WHO geleitet und die Forschung zum ersten SARS-Virus koordiniert. Für ihn sind Pandemien und deren Verlauf durchaus kalkulierbar.

"Das Gute an Pandemien ist, dass man ihren Verlauf gut vorhersagen kann. Sie beginnen lokal, das Virus lässt sich nicht stoppen, es breitet sich weltweit aus, infiziert innerhalb von zwei bis drei Jahren alle Menschen, die dann immun werden. Und nach zwei bis drei Jahren bricht diese Pandemiewelle ab und es kommt die Endemie."

Prof. Dr. Klaus Stöhr, Virologe, Epidemiologe, Berlin

Nach der Pandemie kommt die Endemie

Endemie bedeutet: Ein Virus zirkuliert weiterhin weltweit und verursacht saisonale Ausbrüche. Die damit verbundenen Reinfektionen verlaufen vergleichbar anderen bekannten saisonalen Atemwegsinfektionen.

Humanes Corona Virus OC43: Corona-Pandemie im 19. Jahrhundert?

Die renommierte Virologin und Krebsforscherin Karin Mölling, die in Europa die ersten genetischen Impfstoffe gegen Krebs und Viren einsetzte, bezieht sich auf eine frühere Corona-Pandemie.

"Es gab schon mal eine Pandemie im Jahre 1889. Und zwar wurde das überraschend jetzt erst herausgefunden. Sie wurde als Russische Grippe bekannt, war aber höchstwahrscheinlich eine Corona-Pandemie. Sie ging in Petersburg los und hat sich über die Eisenbahn weltweit ausgebreitet bis nach Asien. Sie hat eine Million Todesopfer gefordert und kam in mehreren Wellen. Heute gehört das Virus zu den normalen Winterviren, die zu Erkältungen führen und ist ungefährlich."

 Prof. Prof. h.c. Karin Mölling, Virologin, Zürich

Wie enden solche Pandemien?

Trifft ein neuer Erreger auf eine unvorbereitete Bevölkerung, kann er schwere Infektionen auslösen, die auch tödlich enden können. Der überwiegende Teil der Bevölkerung infiziert sich. Viele entwickeln dadurch einen Immunschutz, der mit jeder Reinfektion aufgefrischt und gestärkt wird. Ist ein Großteil der Bevölkerung immun, verbreitet sich der Erreger langsamer und die Erkrankung verläuft milder. Bleibt die Frage: Trifft das auch auf SARS-CoV-2 zu?

Experimentelle Studie: Wie wird sich SARS-CoV2 entwickeln?

Diese Frage hat die amerikanische Infektionsforscherin Jennie Lavine der Emory University in Atlanta schon vor einigen Monaten zu einer experimentellen Studie veranlasst, der folgende Hypothese zugrunde lag: SARS-CoV2 könnte sich analog zu den vier schon länger bekannten Corona-Erkältungsviren entwickeln und ebenfalls zum saisonalen Erkältungsgeschehen beitragen.

"Der Hauptgrund, warum SARS-Cov2 eine gewöhnliche Erkältung werden könnte, ist, dass eine Immunität zwar ernste Erkrankungen verhindern wird, aber nicht die Übertragung. Wir werden uns viele Male im Leben damit infizieren. Aber entscheidend ist: Die Erstinfektion wird dabei immer im frühen Kindesalter stattfinden. Was uns dabei optimistisch stimmt: Wir haben festgestellt, dass Infektionen bei kleinen Kindern sehr mild verlaufen."

PhD Jennie Lavine, Infektionsforscherin, Emory University, Atlanta, Georgia, USA

Dass SARS-CoV-2 nicht verschwinden wird, ist wissenschaftlicher Konsens. Doch es gibt Kontroversen etwa darüber: Wird es künftig nur Erkältungen oder ähnlich schwere Erkrankungen wie bei der Grippe geben?

Für den klinischen Immunologen Gerhard Krönke spricht einiges dafür, dass es Erkältungskrankheiten verursachen wird.

"Aus dem Grund, weil Coronaviren weniger stark mutieren als Influenzaviren und Influenzaviren vor allem rekombinieren. Diese Rekombinationsmöglichkeit der Influenzaviren führt zum Auftreten von Varianten, die dann auch pandemische Verläufe auslösen können. Und diese Eigenschaften haben Coronaviren an und für sich nicht."

Prof. Dr. med. Gerhard Krönke, klinischer Infektiologe, Rheumatologe, FA Universität, Erlangen-Nürnberg

Vielleicht hilft ein Blick auf schon erfolgte Reinfektionen. Aber kann man daran bereits die zukünftige Entwicklung ablesen?

"Das ist schwer zu sagen. Reinfektionen hat es eben noch nicht so viele gegeben, wir haben noch nicht so eine große Stichprobengröße. Da gibt es einige, selbst 80-Jährige, die sehr mild erkranken bei Reinfektionen. Aber es gibt auch Leute, die schwerer erkranken, bis hin zur notwendigen Behandlung im Krankenhaus. Deswegen muss man das Spektrum offen lassen."

Prof. Dr. Klaus Stöhr, Virologe, Epidemiologe, Berlin

Sars-Cov-2: zukünftig regelmäßige Impfungen?  

Nach der Schwere der Reinfektionen werden sich auch künftige Maßnahmen richten: Im Falle eines endemischen Erkältungsvirus könnte das Nutzen-Risiko-Verhältnis eher gegen Impfungen sprechen. Kommt es hingegen zu ernsten, grippeähnlichen Verläufen, wäre Impfen der Risikogruppen sinnvoll, so wie bei der Influenzaimpfung auch.

Doch welche Rolle spielen Mutationen für das Einsetzen der Endemie? Virologe Klaus Stöhr ist zuversichtlich.

"Sie werden zum Großteil keinen Unterschied machen, was die Infektiosität oder Pathogenität betrifft, aber es ist möglich. Deswegen muss man es beobachten."

Prof. Dr. Klaus Stöhr, Virologe, Epidemiologe, Berlin

Und auch die amerikanische Infektionsforscherin Jennie Lavine beobachtet die aktuellen Mutationen sehr genau. 

"Es sind ja Infektionen aufgetaucht, die deutlich infektiöser sind, etwa die britische oder die brasilianische Variante. Es gibt auch Hinweise, dass diese Mutationen schwerere Krankheitsverläufe verursachen. Aber: Wenn frühe Erstinfektionen oder Impfungen auch bei diesen Mutationen schwere Verläufe verhindern, gehen wir davon aus, dass wir in naher Zukunft mit der Endemie rechnen können."

PhD Jennie Lavine, Infektionsforscherin, Emory University, Atlanta, Georgia, USA

Und wann kommt die Endemie? Für die USA ist Jennie Lavine relativ optimistisch:

"Sofern Mutationen die Immunität nicht grundsätzlich beeinflussen, könnten wir in den nächsten fünf bis sechs Monaten die Endemie erreichen, wenn ein Großteil der Bevölkerung, zumindest die Risikogruppen, gegen schwere Verläufe immunisiert sind."

PhD Jennie Lavine, Infektionsforscherin, Emory University, Atlanta, Georgia, USA

Und welche Prognose gibt es für Deutschland? Auch Klaus Stöhr ist zuversichtlich.

"Mit dem Ende diesen Jahres, Anfang nächsten Jahres, wird das alles in die endemische Phase übergehen, wo wir nur noch die leichten Reinfektionen bei den meisten sehen werden."

Prof. Dr. Klaus Stöhr, Virologe, Epidemiologe, Berlin

Endemie durch Immunisierung

Wann wir die endemische Phase erreichen, hängt entscheidend davon ab, wie schnell die Immunisierung der Bevölkerung durch Infektion oder Impfung voranschreitet. Laut RKI haben sich bislang rund dreieinhalb Millionen Menschen mit Sars-Cov2 infiziert. Die Dunkelziffer dürfte jedoch deutlich höher sein. Rund dreißig Millionen Menschen haben hierzulande aktuell eine erste, knapp sieben Millionen Menschen davon auch die zweite Impfung erhalten.

Selbst wenn es in der aktuellen Situation seltsam klingt, die Virologin Karin Mölling plädiert dafür, Viren grundsätzlich nicht pauschal negativ zu betrachten. Sie wagt zwar keine Prognose, wann die Pandemie zu Ende sein wird. Ganz sicher ist aber auch sie: Das Virus wird bleiben. Und sie schließt auf lange Sicht nicht aus, dass es uns vielleicht sogar näherkommen könnte, als es viele für möglich halten. Denn klar ist: Viren sind ein wichtiger Teil des Lebens. Das zeigt ein Blick in unser Erbgut, unsere DNA.

"Fast die Hälfte unseres Erbgutes - und wir haben Gene gefunden, wo es noch mehr ist - bestehen aus Viren. Ihre Haupteigenschaft ist, uns zu schützen und Neuigkeiten zu bringen. Sie sind die Antreiber der Evolution und nicht primär Krankmacher. Das ist gar nicht das Interesse."

Prof. Prof. hc. Karin Mölling, Virologin, Zürich

Auch wenn Vieles spekulativ bleibt, fest steht: Wir werden auch mit diesem Virus leben, so wie das in der Vergangenheit mit vielen Erregern geschah und noch geschehen wird.


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