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Fakten statt Halbwissen Covid-19: Wie konkret ist die Gefahr?

Die Verunsicherung ist groß: Wie steckt man sich an? Ist die Infektion immer lebensbedrohlich? Der Epidemiologe Prof. Gérard Krause und die Virologin Prof. Ulrike Protzer klären auf: Fünf Fragen, fünf Antworten.

Von: Susanne Wimmer

Stand: 09.03.2020

1. Wie wahrscheinlich ist es, sich mit dem Coronavirus zu infizieren?

Wie ansteckend das neue Virus ist, lässt sich derzeit nur schwer beurteilen. Chinesische Behörden gehen davon aus, dass ein Infizierter durchschnittlich 1,4 bis 2,5 Menschen ansteckt. Also etwas mehr als bei der jährlich wiederkehrenden Grippe. An manchen Magen-Darm-Viren oder der verwandten Lungenkrankheit SARS steckt man sich schneller an. Von Masern ganz zu schweigen.

Prof. Gérard Krause arbeitet am Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Als Epidemiologe sammelt er genau solche Daten und versucht, diese zu bewerten. Er weiß: Die Verbreitungsfähigkeit eines Virus hängt von verschiedenen Faktoren ab.

"Wenn es wärmer wird, wenn die Luft trockener ist, dann hat es auch Einfluss auf die Übertragbarkeit des Erregers. Und dann kann es zum Beispiel sein oder ist sogar wahrscheinlich, wie wir es ja auch von vielen anderen Atemwegsinfektionen kennen, dass die dann im Frühjahr eher wieder abnehmen und im Sommer und dann im Herbst wieder zunehmen, wenn es feuchter und kühler wird."

Prof. Dr. Gérard Krause, Epidemiologe, Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung, Braunschweig

Fakt ist: Das neue Coronavirus wird von Mensch zu Mensch übertragen. Hauptübertragungsweg ist die Tröpfcheninfektion, also ein Einatmen von Erregern, die ein Erkrankter beim Nießen oder Husten verteilt. Dabei kann man sich auch bei Leuten anstecken, die selbst nur leichte oder gar keine Symptome zeigen, sagt Virologin Prof. Ulrike Protzer. Deshalb werden derzeit auch Großveranstaltungen, wie zum Beispiel Messen, abgesagt.

"Wir sind momentan in einer Phase, wo wir wirklich versuchen, die Ausbreitung dieses Virus zu verhindern. Unser Ziel ist nicht so sehr der Personenschutz des Einzelnen, sondern der Schutz der Gesellschaft und deshalb treffen wir die Maßnahmen, wo sich so ein Virus breit ausbreiten kann."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, Technische Universität München und Helmholtz Zentrum München

2. Wie lange überlebt das Virus außerhalb des menschlichen Körpers?

Das fragen sich momentan viele – und deshalb wird im Zweifel sofort desinfiziert. Aber sind Türklinken oder Geldautomaten per se gefährlich?

"Das Virus, das wir da haben, ist zum Glück relativ empfindlich gegenüber Umwelteinflüssen. Es ist ein sogenanntes behülltes Virus, das hat einen Lipid-, einen Fettmantel um sich herum und den kriege ich mit Seifen kaputt, den kriege ich mit Putzmitteln kaputt, der geht durch die Austrocknung in der Luft kaputt. Die Chance, dass ich mich an einer Türklinke anstecke oder an einem Drückknopf für den Aufzug oder am Geldschein, die ist wirklich minimal."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, Technische Universität München und Helmholtz Zentrum München

3. Welche Personengruppen sind besonders gefährdet?

Beim Corona-Ausbruch in China gab es bei den unter 50-Jährigen nur sehr wenige schwere Infektionen. Auffallend hoch waren sie bei Personen über 70. Besonders gefährdet sind Menschen mit Vorerkrankungen, wie einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung, einem Tumor oder Diabetes. Die Praxis, symptomfreie Personen zu testen, erscheint so fragwürdig.

"Die Kapazität im Gesundheitswesen, diese Laborproben zu untersuchen, überhaupt diese Proben müssen ja genommen werden. Die Ergebnisse müssen zurück kommuniziert werden. Das bindet ja Zeit, des bindet ja Ressourcen. Und diese Ressourcen sollten wir auf die Personen konzentrieren, die erwartungsgemäß eher dazu neigen, schwer zu erkranken."

Prof. Dr. Gérard Krause, Epidemiologe, Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung, Braunschweig

4. Wie lässt sich die Ausbreitung des Virus noch eindämmen?

Inzwischen kann man wohl nur noch verzögern. Am Helmholtz Zentrum in Braunschweig wurde ein System entwickelt, das die Kontaktpersonen eines Infizierten auch mobil erfasst. Anlass war der Ebola-Ausbruch in Westafrika 2015. Mittlerweile beherrscht das System 36 verschiedene Krankheiten. Seit Neuestem auch das neue Coronavirus. Die Kollegen in Nigeria melden gerade den ersten bestätigten Fall.

Das System wird gerade für die deutschen Bedürfnisse angepasst und soll in Kürze in ersten Gesundheitsämtern zum Einsatz kommen. Aber kann man die Ausbreitung so noch stoppen?

"Stoppen kann man so etwas mit so einem System nur dann, wenn man sehr früh einen solchen Ausbruch entdeckt. Dazu ist es jetzt schon längst viel zu spät. Aber man kann mit Kontaktpersonen-Management mit dieser direkten und personifizierten Nachverfolgung und Begleitung von Kontaktpersonen eine Verlangsamung der Ausbreitung erreichen."

Prof. Dr. Gérard Krause, Epidemiologe, Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung, Braunschweig

5. Wie wahrscheinlich ist es, dass man am Coronavirus stirbt?

Derzeit gehen Wissenschaftler von einer Sterberate aus, die etwas höher ist als bei einer durchschnittlichen saisonalen Influenza. Auch wenn es in China mancherorts mehr Tote gab.

"In der Region Wuhan, wo das Ganze ausgebrochen ist, da hat man doch einen deutlich höheren Prozentsatz an Todesfällen gesehen als außerhalb. Das hängt damit zusammen, dass das Gesundheitssystem in Wuhan bei den vielen Infizierten schlicht und einfach überfordert war. Zum Zweiten diskutiert man aber auch, ob es eventuell verschiedene Virus-Stämme sogar gibt, die vielleicht mehr oder weniger schwer krank machen."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, Technische Universität München und Helmholtz Zentrum München

Doch dazu weiß man noch zu wenig. Epidemiologe Gérard Krause hofft, dass Antikörper-Untersuchungen künftig Klarheit darüber bringen, wieviele Menschen tatsächlich Kontakt mit Covid-19 hatten. Wahrscheinlich lässt sich die Sterblichkeit dann weiter nach unten korrigieren.


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