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Hausärzte und Coronavirus Zwischen Überforderung und leeren Wartezimmern

Angst haben viele: Wer Erkältungs- oder Grippesymptome hat, denkt in diesen Tagen sofort an das Coronavirus. Für die Hausarztpraxen eine Herausforderung. Wie erkennt man die echten Fälle? Und wie schützt man das Personal am besten?

Von: Veronika Keller

Stand: 09.03.2020

Erstkontakt an der Sprechanlage

Sprechstunde bei Hausarzt Dr. Abbushi in Oberhaching. Früher war die Tür hier offen, seit neuestem müssen die Patienten klingeln. Veikko Petersen kommt mit Erkältungssymptomen. Der erste Kontakt findet an der Sprechanlage statt: "Haben Sie Husten, Schnupfen...?" - "Ich bin erkältet. Ich hab alles außer Fieber." - "Okay, alles klar. Bitte bleiben Sie draußen, vielleicht einen Schritt zur Seite zur Tür, ich komm gleich zu Ihnen."

Vorerst müssen erkältete Patienten einen Mundschutz aufzusetzen. Wer erkältet ist und in die Praxis will, muss vor der Tür Fragen beantworten. Sie betreffen Auslandsreisen und Kontakte zu anderen Kranken und sollen eine Coronavirus-Infektion ausschließen. Drinnen wartet Dr. Abbushi. Die Sprechanlage hat er vor ein paar Tagen extra einbauen lassen.

Besser anrufen statt spontan vorbeikommen

"Anhand des Fragebogens versuchen wir potenziell gefährliche Fälle rauszufischen. Und wir möchten verhindern, dass solche Fälle in die Praxis reinkommen. Deswegen ist auch unser Apell an die Patienten: Wenn Sie einen stärkeren Infekt haben, kommen Sie nicht direkt in die Praxis, rufen Sie an, wir unterhalten uns mit Ihnen, arbeiten den Fragebogen am Telefon ab und dann entscheiden wir, wie wir Sie lenken."

Dr.med. Oliver Abbushi, Facharzt für Allgemeinmedizin Oberhaching

Veikko Petersen ist laut Fragebogen kein gefährlicher Fall und darf reinkommen. Er muss aber, wie jeder Patient, die Hände desinfizieren. Ihn beunruhigt die Coronawelle eher nicht.

"Also ich lass mich da nicht verrückt machen. Schweinegrippe haben wir überlebt, Vogelgrippe haben wir überlebt. Dadurch, dass ich weiß, dass ich nicht in den Gebieten war, und auch keinen Kontakt hatte zu jemandem in den Gebieten, ist das eine normale Erkältung für mich."

Veikko Petersen, Patient

Er ist ein typischer Patient für diese Jahreszeit. Er hat einen grippalen Infekt: Schnupfen und starke Halsschmerzen, die in den letzten Tagen schlimmer geworden sind. Dr. Abbushi hört ihn ab und misst Fieber.

Erhöhter Infektionsschutz ist Herausforderung für die Praxen

Die Arbeit in der Hausarztpraxis hat sich verdichtet, obwohl noch kein Coronavirus-Patient da war. Allein die Logistik des Infektionsschutzes macht viel Mühe.

"Es is tatsächlich deutlich mehr Aufwand, gerade jetzt am Anfang. Wenn sich das einspielt, dann ist es immer noch mehr. Gestern hatten wir hier Teambesprechung und wenn man in die Gesichter geschaut hat, da waren wirklich Fachangestellte, die alle maximal strapaziert waren, denen man angesehen hat: Die haben jetzt zwei Tage gekämpft."

Dr.med. Oliver Abbushi, Facharzt für Allgemeinmedizin Oberhaching

Trotz des Coronavirus muss die tägliche Versorgung der Patienten weitergehen. Dr. Abbushi verordnet Veiko Petersen Ruhe und schreibt ihn für den Rest der Woche krank. Als nächstes hat sich in der Praxis ein Patient mit Corona-Verdacht angemeldet. Bei ihm wird der Hausarzt einen Abstrich für den Test abnehmen.

Viele besorgte Patienten - leere Wartezimmer

Derweil in München Pasing: In der Hausarztpraxis Dr. von Specht ist es auffällig leer. Eine Patientin ist zur Kontrolle da, ansonsten ist wenig Betrieb.

"Der Corona-Virus ist auch bei uns ständig präsent, aber merkwürdigerweise verändert er die Arbeit in der Praxis so, dass eigentlich weniger los ist. Viele Patienten kommen gar nicht in die Praxis aus Angst. Termine die nicht dringlich sind - Routineuntersuchungen, Checkups und so weiter - all die Patienten sagen uns im Moment eigentlich eher die Termine ab."

Dr. med. Markus von Specht, Facharzt für Allgemeinmedizin München-Pasing

Umso häufiger bekommt Dr. von Specht Anfragen von Menschen, die einen Corona-Test wünschen. Der soll aber eigentlich nur unter bestimmten Bedingungen gemacht werden, wie: Aufenthalt in Risikogebieten oder Kontakt zu infizierten Menschen. Das rät das Robert Koch Institut. Aus Sicht von von Specht müssten mehr Tests gemacht werden. Er ist der Meinung, nur dann könne man tatsächlich auch unerkannte Fälle detektieren, Infektionsketten unterbrechen und die Infektionen zurückdrängen.

Mangel an angemessener Schutzkleidung

Mehr Abstriche scheitern bei ihm aber schon an der Schutzkleidung, die dafür vorgeschrieben ist – denn die ist vergriffen.

"Das Entscheidende sind jetzt hier bei mir die Schutzkittel, da kann ich mal zählen, das sind sieben. Also wenn ich jetzt jeden Tag ein, zwei Abstriche mache, dann bin ich Mitte der nächsten Woche am Ende mit den Abstrichen."

Dr. med. Markus von Specht, Facharzt für Allgemeinmedizin München-Pasing

Einen seiner Schutzkittel braucht Dr. von Specht jetzt. Denn gleich wird eine Patientin kommen, der er einen Corona-Test verordnet hat.

Auch in Oberhaching steht ein Test an. Dr. Abbushi nutzt dafür den Hintereingang. Hier kommen die Patienten rein, nur zur Testung, und gehen sofort wieder raus. Der Raum hat keine Verbindung zur sonstigen Praxis. Das soll Patienten und Personal noch besser abschirmen. Den Luxus eines so abgetrennten Raums hat aber nicht jeder Hausarzt. Die Schutzkleidung ist übrigens auch bei Dr. Abbushi langsam Mangelware.

Gleich testet er einen Patienten, der erkältet ist und nun besorgt ist, weil er kürzlich in Hongkong war. Dr. Abbushi hofft, dass er ihm die Sorgen nehmen kann. 

Auch Hausarzt Dr. von Specht hat einen Corona-Verdachtsfall. Die Patientin hat Fieber und Husten - und den Verdacht, sich mit dem Coronavirus infiziert zu haben, da sie auf einer internationalen Messe war. Dr. von Specht nimmt Abstriche aus dem Rachen und aus der Nase. Das Röhrchen wird er ans Labor schicken und rechnet mit einem Ergebnis am nächsten Tag. Und die Patientin hofft das beste. Mit drei Tagen Verzögerung bekommt sie Bescheid: Entwarnung - der Test ist negativ.


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