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Coronakrise und ausländische Mitbürger Getrennte Familie, geschlossene Moscheen, gefährdete Jobs

Corona hat Deutschland fest im Griff: Und natürlich trifft das Virus auch ausländische Mitbürger. Es verändert nachhaltig deren Leben, Kultur und das religiöse Praktizieren – führt aber auch zu kreativen Ideen. Ein Stimmungsbild.

Von: Veronika Scheidl

Stand: 30.03.2020

Raquel Mozo Vicente lebt und arbeitet seit sechs Jahren in München. Die Corona-Krise trifft die 31-jährige Spanierin sehr. Denn ihre Familie lebt nahe Madrid, das extrem vom Coronavirus betroffen ist. Täglich telefoniert und videochattet Raquel mit ihren spanischen Verwandten – noch sind alle in der Familie und ihre Freunde gesund, aber das kann sich jederzeit ändern.

"Mein Bruder arbeitet noch, er wohnt bei meinen Eltern und meinem Opa, der 93 Jahre alt ist und Vorerkrankungen hat. Jeder hat ein bisschen Angst."

Raquel

Die junge Spanierin vermisst ihre Familie und ihre Freunde sehr, an Ostern wollte sie in die Heimat fliegen und sie besuchen: Das geht jetzt wegen Corona nicht mehr.

Raquel ist normalerweise viel unterwegs, liebt geselliges Beisammensein. Sie arbeitet als Sportlehrerin in einem Münchner Verein, bereitet derzeit Kurse und Workshops für Pfingsten vor. Ob die jemals stattfinden werden? Ungewiss. Auch, ob Raquel ihren Job behalten kann, weiß niemand.

"Wenn keiner Sport machen kann, dann werde ich nicht mehr gebraucht. Wenn das Ganze vier oder fünf Monate dauert, dann verliere ich vielleicht meinen Job."

Raquel

Geflüchtete und Betreuer dürfen sich nicht mehr sehen

Angst um die Familie in der Heimat hat auch die 20-jährige Abeer Alsalk. Vor vier Jahren ist sie mit ihren Eltern und Geschwistern aus Syrien nach Deutschland gekommen.  Sie leben in Augsburg in einer privaten Unterkunft, in Sicherheit, wie sie lange glaubten.

"Wir sind vor dem Krieg geflohen. Und das jetzt mit dem Corona-Virus ist auch schlimm: Wir sind so weit weg vom Krieg und dachten, es passiert nichts mehr, wir können ohne Angst weiterleben. Und jetzt das."

Abeer Alsalk

Das Augsburger Freiwilligen-Zentrum begleitet geflüchtete Familien, auch die von Abeer Alsalk. Doch wegen Corona dürfen die Betreuer die Geflüchteten nicht mehr besuchen. Sowohl für die Geflüchteten als auch die Betreuer sei das ein harter Schnitt, sagt Flüchtlingslotse Herbert Niedermirtl.

"Es ist total ungewohnt, ich gehe eigentlich in der Woche zwei bis vier Mal zu den Familien und habe feste Rhythmen. Der Kontakt fehlt natürlich, wertvolle Beziehungen sind jetzt unterbrochen."

Herbert Niedermirtl, Flüchtlingslotse, Augsburg

Man werde aber weiterhin fest an der Seite der Geflüchteten stehen, auch wenn es jetzt nur noch telefonisch oder online möglich ist.

Arzt-Sprechstunde auf Englisch

Telefon und Videochat sind zu Corona-Zeiten auch in den Arztpraxen das Mittel der Wahl, um Diagnosen zu stellen und Patienten krank zu schreiben. So manche Arztpraxis bietet Sprechstunden explizit auch auf Englisch an, um ausländischen Patienten zu helfen.

So macht es auch Allgemeinarzt Michael Weier, denn München ist international und interkulturell. Fast täglich hat der Arzt mit ausländischen Patienten zu tun.

"Die Leute sind froh, gerade weil wenn man nicht in der eigenen Stadt, dem eigenen Land ist, dann ist man vielleicht besonders verunsichert."

Dr. med. Michael Weier, Facharzt für Allgemeinmedizin, München

Der Münchner Allgemeinarzt hat festgestellt, dass Informations-Webseiten über Corona oft nur dürftig fremdsprachig ausgestattet sind. Auch das Auffinden wichtiger Informationen ist seiner meinung nach oft zu kompliziert.

"Man bekommt auf den deutschen Seiten viele wichtige und umfassende Informationen zu Corona. Aber auch bei großen Institutionen, wie dem Robert Koch Institut, oder auf den Seiten des Bundesgesundheitsministeriums, lande ich immer wieder sehr schnell auf Seiten, die ausschließlich in deutsch informieren. Wenn ich die Sprache nicht beherrsche, finde ich mich nicht mehr zurecht."

Dr. med. Michael Weier, Facharzt für Allgemeinmedizin, München

Michael Weier mahnt klare und leichtere Strukturen der Webseiten an. So solle zum Beispiel die jeweilige Landesfahne angezeigt werden, um in der entsprechenden Sprache schneller zu wichtigen Informationen gelangen zu können.

Moscheen geschlossen, gemeinsames Gebet verboten

Das Coronavirus trifft auch Muslime sehr hart. Normalerweise wäre die Pasinger Moschee zum Freitagsgebet gefüllt mit bis zu 700 Gläubigen. Jetzt aber betet der Imam der türkisch-islamischen Gemeinde ganz alleine. Er wirkt dabei etwas verloren. Versammlungen sind wegen der Coronapandemie verboten, auch Muslime müssen jetzt zu Hause beten. Viele Mitglieder der Gemeinde haben die Brisanz des Coronavirus anfangs nicht verstehen können, sagt Dursun Tosun, Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Gemeinde München-Pasing.

"Viele konnten es nicht fassen. Wie kann das sein, dass man nicht in der Moschee beten darf? Dass man sich nicht mehr die Hände schütteln, sich umarmen darf?"

Dursun Tosun, Türkisch-Islamischen Gemeinde München-Pasing

Der Gemeindevorsitzende informiert seine Mitglieder auf Deutsch und Türkisch über Corona, die Verbote und nötige Hygienemaßnahmen. Die Situation sei für viele Muslime belastend.

"Unsere Moschee ist eine nicht nur eine Einrichtung fürs Gebet, sondern auch für den sozialen Kontakt, das Zusammenkommen."

Dursun Tosun, Türkisch-Islamischen Gemeinde München-Pasing

Das Beisammensein, das Reden, der soziale Kontakt, das fehle den Menschen sehr.

Augsburger Moschee: Online-Koran-Unterricht und Zusammenhalt

Wie in Pasing ist auch die Augsburger Bait-un-Naseer Moschee geschlossen, die normalerweise überwiegend von Menschen aus Pakistan besucht wird. Imam Luqman Shahid möchte, dass trotz Corona das Gemeindeleben weitergeht. Er hält den Koran-Unterricht jetzt via Video-Konferenz ab. Nach ersten technischen Startschwierigkeiten soll das Angebot weitergeführt werden, sagt Shahid. Dem 30-jährigen Imam ist Kreativität wichtig. Die Leute sollen weiterhin Kontakt zueinander haben, wenn auch nur telefonisch oder online.

"Man versucht alle, besonders ältere Personen zu erreichen, damit die zu Hause allein nicht depressiv werden. Es ist wichtig, sich nicht nur vor der Corona-Krise zu schützen, sondern auch davor, dass man depressiv werden kann. Gemeinde bedeutet, in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da zu sein."

Luqman Shahid, Imam der Bait-un-Naseer Moschee, Augsburg


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