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Durchseuchung mit Covid-19 Corona-Antikörpertest bald für viele möglich?

Schnelltests für den Nachweis auf Antikörper von SARS-CoV-2 gibt es bereits. Solche Nachweise sollen aufzeigen, wer das Corona-Virus schon hatte und möglicherweise immun ist. Doch nicht alle Tests sind zuverlässig. Virologen und Labore arbeiten mit Hochdruck an der Zertifizierung aussagekräftiger Tests.

Von: Veronika Scheidl, Susanne Wimmer

Stand: 06.04.2020

Keiner weiß derzeit, wie viele Menschen unbemerkt das Coronavirus in sich tragen - und damit weitere Menschen infizieren könnten. Dabei hat Deutschland bislang schon ein vergleichsweise deutliches Bild von der Zahl der Infizierten, weil es viel testet. 

Doch der PCR-Test, also der Rachenabstrich, zeigt nur, ob jemand das Virus akut hat. Nicht aber, ob man Corona unbemerkt durchgemacht hat und womöglich bereits immun ist. Das zu wissen, wäre sehr hilfreich, erklärt BR-Betriebsarzt Dr. Tobias Benthaus.

"Denn diese Menschen nehmen wohl nicht mehr am Infektionsgeschehen teil. Sie sind damit ein Schutz für andere und auch für sich selber. Man könnte sie auch eher in Risikobereiche schicken. Bei uns zum Beispiel zu Drehs in Arztpraxen oder Altenheimen. Aber natürlich müssen diese Menschen, wie jeder andere auch, alle Schutzmaßnahmen weiter beachten - wie Abstand halten oder Händehygiene."

Dr. med. Tobias Benthaus, Betriebsarzt, Bayerischer Rundfunk, München

Wie gut sind Antikörper-Schnelltests aus dem Internet?

Schon jetzt gibt es im Netz eine Vielzahl von Antikörper-Schnelltests, die günstigsten bereits ab 20 Euro. Aber: Wie verlässlich sind solche Tests, die sich jeder im Verdachtsfall nach Hause schicken lassen kann?

"Die Panik der Leute wird ausgenutzt. Manche kaufen sich diese Tests ja auch privat."

Dr. med. Tobias Benthaus, Betriebsarzt, Bayerischer Rundfunk, München

Antikörper-Schnelltest beim Hausarzt

Doch nicht jeder Test ist schlecht. Der Münchner Hausarzt Dr. Michael Weier hat sich informiert. Er bietet trotz der Kritik einen Schnelltest in seiner Praxis an.

"Man muss natürlich bei diesem Test auch nachdenken, wie setze ich das in die Lebenssituation um. Wir machen das in unserer Praxis so, dass die Menschen nach dem Test noch beraten werden. Man kann jetzt nicht einfach sagen: ‚Sie sind immun, vergessen Sie die Corona-Krise, Sie sind raus.‘ So einfach funktioniert das nicht."

Dr. med. Michael Weier, Facharzt für Allgemeinmedizin, München

Wie sicher ist das Ergebnis eines Schnelltests?

Wer bereits Corona-Antikörper hat, kann nicht wieder an Covid-19 erkranken, so die Hoffnung. Deswegen lässt sich auch Assistenzärztin Jeannine Kramer testen. 

"Ich war zu Beginn der Corona-Zeit in Taiwan. Mein Freund wurde dort krank. Und es war gerade chinesisches Neujahr, viele Menschen waren unterwegs. Deshalb frage ich mich, ob wir das vielleicht beide schon durchgemacht haben."

Dr. med. Jeannine Kramer, Assistenzärztin

Nach zehn Minuten steht fest: Die Ärztin hat keine Antikörper gegen das Coronavirus. Doch wie sicher ist so ein Ergebnis?

Virologen: Schnelltests sind noch fehleranfällig

Virologen halten von den teils überteuerten Schnelltests wenig, weil sie vergleichsweise fehleranfällig und ungenau sind.

"Man muss vorsichtig sein mit der Interpretation eines solchen Tests. Gerade die falsch positiven Tests sind gefährlich. Das heißt, wenn der Test mir anzeigt, ich habe Antikörper und ich glaube, ich bin geschützt, ich kann jetzt wieder alles machen. Das stimmt aber gar nicht, weil das Antikörper sind, die ich schon vor fünf Jahren hatte gegen irgendein anderes ähnliches Coronavirus."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, TU München, Helmholtz Zentrum München

Hoffnung durch neue Geräte

ELISA: Das Gerät soll erkennen, ob bereits Antikörper gegen das neuartige Coronavirus vorhanden sind.

Hoffnung stecken Virologen nun in Maschinen wie die automatisierten ELISA-Geräte. Sie schaffen bis zu 100 Proben die Stunde und erkennen sehr genau, ob Antikörper vorhanden sind oder nicht. Das Münchner Klinikum rechts der Isar hat so ein Gerät erhalten, als Ergänzung zum Rachentest. Das Gerät funktioniert folgendermaßen:  

Die Probengefäße sind mit Antigenen des Coronavirus beschichtet. Gibt man Serum von Patienten dazu, die schon Corona hatten und deshalb Antikörper gebildet haben, docken diese an. Nachweisen lässt sich das mit einem weiteren Antikörper. Der trägt einen Farbstoff. So verfärbt sich die Probe, wenn sie positiv ist.  

Der Test mit ELISA

ELISA - oder auch Enzyme-Linked ImmunoSorbent Assay – steht für ein antikörperbasiertes Nachweisverfahren. In der medizinischen Diagnostik ist es gut etabliert, etwa für virale Infektionen, Nahrungsmittelallergene, Toxikologie und Krebs. Das infektiöse Virus wird dabei durch Antikörper im Blut nachgewiesen.

Bislang hat man weitgehend von Hand auf ELISA-Platten pipettiert, was deutlich zeitaufwendiger ist. Die neue Generation von sogenannten on demand-Geräten hat einen automatischen Pipettier-Modus und arbeitet Proben schnell hintereinander ab. So können theoretisch bis zu 100 Proben in der Stunde ausgewertet werden.

ELISA-Tests auf das neue Sars-CoV-2 werden derzeit gerade zertifiziert – einige wenige sind bereits auf dem Markt. Was dazu führt, dass die Test-Kits sehr rar sind. Tests auf Antikörper sind vor allem wichtig, um mehr Erkenntnisse über das Corona-Virus zu sammeln. Virologen schätzen, dass etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung eine Infektion mit Covid-19 überstanden haben müssen, bis die Pandemie zum Stillstand kommt.

Antikörper-Test in Wuhan

In Wuhan kamen solche Maschinen in mehr als 100 Kliniken zum Einsatz. Die Forscher konnten damit die Corona-Dunkelziffer in China besser einschätzen.

"Mit der Antikörper-Testung hat man festgestellt: 19,1 Prozent der Bevölkerung haben Antikörper. Das heißt, sie haben diese Infektion durchgemacht. Wenn man das hochrechnet, ist es das 50-fache, verglichen mit den direkten Nachweisen. Deswegen: Wenn man sich im Nachhinein eine Durchseuchung anschauen will, dann ist so ein Antikörper-Test deutlich besser geeignet."

Prof. Dr. med. Ulrike Protzer, Virologin, TU München, Helmholtz Zentrum München

Labore bereiten sich auf Antikörper-Tests vor

Überall in Deutschland bereiten sich Labore und Forschungseinrichtungen auf die neuen Antikörper-Tests vor. Auch in einem Münchner Labor geht es demnächst los, die raren Test-Kits sind angekommen.

"Für die Gesamtbevölkerung können wir damit eine Aussage treffen, wie viele haben die Erkrankung durchgemacht, wie viele Patienten sind immun dagegen. Dieser Test ist absolut notwendig."

Dr. med. Stefan Kopf, Geschäftsführer Labor Staber, München

Genesene Covid-19 Patienten spenden Blut

Verschiedene Studien sollen nun Erkenntnisse über die Durchseuchungsrate in Deutschland liefern. In München sammeln Studenten dafür gerade Proben von 3.000 zufällig ausgewählten Haushalten ein.

Auch wieder genesene Covid-19-Patienten können an der Antikörper-Studie teilnehmen - und Blut spenden. Die Blutspenden sollen helfen, einen Impfstoff zu entwickeln oder schwerkranke Covid-19-Patienten mit Antikörper-Seren zu unterstützen.


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