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Ambulante Pflege Pflege zuhause in Zeiten von Corona

Bei vielen Senioren kommt täglich ein ambulanter Pflegedienst vorbei. Andere setzen auf eine 24-Stunden-Betreuung, oft durch Pflegkräfte aus dem Ausland. Durch die Corona-Krise ist die Situation in der häuslichen Pflege sehr angespannt. Sind die Pflegedienste demnächst völlig überlastet?

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 06.04.2020

Es ist eine stille Zeit in den Büros des ambulanten Pflegedienstes AKB in München. Viele Mitarbeiter sind im Homeoffice, viele Patienten schotten sich ab.

"In der Tourenpflege war es so, dass sehr viele Patienten aus Angst abgesagt haben. Von den 73 Patienten, die wir sonst versorgen, haben erstmal 17 abgesagt."

Elke Dodenhoff, AKB Pflegedienst, München

Dass es nicht so ruhig bleiben wird, zeichnet sich jetzt schon ab. Ambulante Pflegedienste werden in Zukunft vieles auffangen müssen, was jetzt nach und nach an Betreuungs-und Pflegemöglichkeiten wegfällt: Tagespflege, neue Heimplätze, manche 24-Stunden Pflegekräfte.

Altenpfleger Stefan Lukas macht derzeit wie gewohnt seine tägliche Tour für die ambulante Pflege. Der Schutz vor Ansteckung reicht bei ihm bis in sein Privatleben.

"Ich verhalte mich selber, als ob ich zur Risikogruppe gehören würde. Ich habe schon lange keinerlei Kontakte, fahre keine öffentlichen Verkehrsmittel, reduziere das Einkaufen auf ein Minimum."

Stefan Lukas, Altenpfleger, AKB Pflegedienst, München   

Mundschutz und Handschuhe sind selbstverständlich, aber Pflege mit Sicherheitsabstand, das geht einfach nicht. 100-prozentige Sicherheit kann in diesen Tagen niemand haben. Johannes F. aus Vaterstetten, der seine Frau seit 24 Jahren pflegt, vertraut seinem Pflegedienst.

"Wir hoffen, dass wir verschont bleiben. Aber ohne Pflege, ohne normalen Alltag geht es einfach nicht."

Johannes F., pflegender Angehöriger

Kontakt zu Familie und Freunden - den gibt es im Moment nur durch geschlossene Fensterscheiben oder übers Telefon. Keiner weiß, wie lange das noch so gehen wird.

Pflegende Angehörige in der Isolation

Beim Beratungstelefon der Arbeiterwohlfahrt in München ist mehr und mehr zu spüren, dass pflegende Angehörige derzeit isoliert und so alleine sind, wie nie zuvor.

"Die Folge ist, dass dort, wo gerade auch die Demenzerkrankten sind, die Nerven langsam schon anfangen, etwas angespannter zu werden. Dass wir erste Anrufe bekommen: ‚Es geht nicht mehr, jetzt geht er nicht mehr in die Tagespflege, und ich schaffe das nicht.‘"

Maria Faber, Fachstelle für pflegende Angehörige, AWO München

Ein Gespräch kann manchmal helfen, Druck abzubauen. Konkrete Hilfen sind immer schwieriger zu vermitteln.

Betreuungskräfte aus Osteuropa: Offizielle Arbeitsverhältnisse bieten Sicherheit

Dazu kommt die Verunsicherung, angesichts der aktuellen Nachrichtenlage. Meldungen über Grenzschließungen zu osteuropäischen Nachbarländern werfen Fragen auf: Was ist mit osteuropäischen Betreuungskräften? Dürfen sie die Grenzen weiterhin passieren? Peter Blassnigg arbeitet bei einer der größten Vermittlungsagenturen für Betreuungskräfte aus Polen. Auch er kämpft mit Desinformation.

"In erster Linie dürfen laut Leitlinie der europäischen Union Betreuungskräfte in der ‚elderly care‘ nach wie vor die Grenze überschreiten. Man muss die Dokumentationen natürlich haben, wohin derjenige fährt. Und einen eigenen Transport sicherstellen, das ist auch wichtig. Letzten Freitag hat sich eines geändert: Wenn die Betreuungskräfte zurückkommen nach Polen, müssen sie sich auch in eine 14-tägige häusliche Quarantäne begeben. Es ist sehr wichtig, offen und transparent mit den Angehörigen hier und mit den Betreuungskräften zu reden, wie die Situation ist. Dann findet die Anreise dennoch statt."

Peter Blassnigg, Promedica Gruppe

Geregelte Arbeitsverhältnisse, aber auch Transparenz: Die Information der Betreuungskräfte ist jetzt wichtiger denn je. Diese Erfahrung hat auch die örtliche Franchise-Partnerin von Promedica Plus gemacht.  So ist es gelungen, dass alle Betreuungskräfte, bis auf eine, geblieben sind.

"Ich hatte eine junge Frau, die von ihren Eltern Hals über Kopf am Sonntag abgeholt worden ist. Weil in der Presse kam, dass die Grenzen zu sind. Aber sie waren nicht für die einheimischen Arbeiter zu."

Melanie Hambückers, Promedica Plus, Ebersberg

Betreuungskraft Anna D. aus Polen hilft schon einige Zeit einem Ehepaar aus Vaterstetten. Und sie will bleiben. Auch wenn das Ein- und Ausreisen für sie komplizierter geworden ist.

"Ich bin die ganze Zeit in Gedanken bei meiner Familie in Polen. Hier habe ich Angst. Geplant ist, dass ich bis zum 9. Juni bleibe. Vielleicht ist bis dahin das Corona-Virus wieder vorbei. Aber wenn nicht, muss ich für zwei Wochen in die häusliche Quarantäne, sobald ich wieder in Polen bin."

Anna D., Betreuungskraft

Manche Betreuungskräfte ohne offizielle Dokumente verlassen das Land oder können nicht mehr einreisen. Noch haben große Agenturen Kapazität für neue Kunden. Aber wie lange noch?

Notsituation für Pflegende Angehörige: nicht immer vermeidbar

In Notsituationen konnten Berater von Pflegefachstellen oder vom Beratungsdienst des medizinischen Dienstes der Kranken-und Pflegekassen bisher manchmal noch einen Platz im Pflegeheim vermitteln. Seit Samstag gibt es in bayerischen Pflegeheimen einen Aufnahmestopp.

"Es gibt die Überlegung, Rehaeinrichtungen, die jetzt nicht so gut besucht und belegt sind, zu nutzen für genau diese Notsituationen. Aber auch das wird wahrscheinlich den Bedarf nicht ganz auffangen können. Es wird Situationen geben, wo Angehörige Pflege zuhause übernehmen müssen. Obwohl sie vielleicht dafür nicht qualifiziert sind oder auch aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit eigentlich keine Zeit dafür haben."

Johanna Sell, Medizinischer Dienst der Krankenkassen, Bayern

Schließung der Tagespflege: problematisch für berufstätige Angehörige

So geht es derzeit Elke P. aus Nürnberg. Sie ist berufstätig. Ihre Mutter wurde bisher tagsüber in einer Einrichtung betreut. Doch die ist jetzt geschlossen.

"Ich hatte noch Resturlaub und habe Überstunden abgebaut. Aber wenn der 21. April kommt, dann weiß ich nicht, wie es weitergehen soll."

Elke P., Pflegende Angehörige

Unbezahlten Urlaub zu nehmen, das kann sich Elke P. eigentlich nicht leisten. Sie hofft, dass sich irgendwo doch noch ein Hilfsangebot auftun wird, das ihr zumindest stundenweise ermöglicht, Geld zu verdienen. Die Einrichtung, in der ihre Mutter betreut wurde, hat Unterstützung angeboten. Ob das klappt und wie viele Stunden abgedeckt werden können, ist noch völlig unklar.

Hoffnungsschimmer: Welle der privaten Hilfsbereitschaft

Neben Unsicherheit und Ängsten erlebt Elke Dodenhoff vom Pflegedienst AKB in München derzeit aber auch eine Welle der Hilfsbereitschaft. Zum Beispiel von Freiwilligen, die Masken für sie nähen.

"Alle möglichen Menschen, die nähen können oder die sich jetzt daran versuchen, kommen von alleine auf uns zu. Das finde ich wirklich großartig."

Elke Dodenhoff, Pflegedienst AKB, München

Es ist ein Notbehelf. Aber Pflegekräfte, Angehörige und die Patienten selbst brauchen gerade jetzt jede Hilfe, die sie bekommen können.


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