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Cholesterinsenker Was tun bei Statin-Unverträglichkeit?

Statine sind Medikamente, die den Cholesterinspiegel senken. Damit soll die gefährliche Bildung von Plaques in den Gefäßen vermindert werden. Doch schätzungsweise zehn Prozent aller Patienten leiden an mehr oder weniger starken Nebenwirkungen, wie Muskelschmerzen. Oft setzen Patienten die Statine dann einfach ab. Aber: Muss das sein, und welche Alternativen gibt es?

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 07.04.2019

Der Einsatz von cholesterinsenkenden Medikamenten sorgt immer wieder für Schlagzeilen. Relativ unumstritten ist der Einsatz bei Patienten, die bereits einen Herzinfarkt erlitten haben. Doch einige Patienten, die vom Einsatz der Statine profitieren würden, vertragen die Medikamente nicht.

Muskelschmerzen: häufigste Nebenwirkung von Statinen

Anna L. versucht, sich möglichst viel zu bewegen. Aber die zwei Kilometer zum Einkaufen fallen ihr immer noch schwer. Der Grund ist die Nebenwirkung eines Medikaments, das die Ärzte Anna L. nach ihrem Herzinfarkt verschrieben haben: Statine. Die Medikamente senken den Cholesterinspiegel – und sollen dadurch die gefährliche Bildung von Plaques in den Gefäßen vermindern. Doch schätzungsweise zehn Prozent aller Patienten leiden an Nebenwirkungen.

Patienten wie Anna L. berichten von starken Schmerzen in den großen Muskeln der Arme und Beine. Für Anna L. ist klar: Ähnliche Schmerzen hat sie noch nie zuvor erlebt.

"Ich war Krankenschwester, ich weiß was Rückenschmerzen sind. Und das sind andere Schmerzen. Bei Rückenschmerzen macht man seine Übungen und dann geht’s meist wieder besser. Aber ich habe wirklich Schmerzmittel gebraucht, ich musste nachts aufstehen, und etwas einnehmen."

Anna L.

Weiteres Indiz: als Anna L. die Statine absetzte, verschwanden die Schmerzen wieder. Um seltene, schwere Nebenwirkungen (Rhabdomyolyse) und bleibende Schäden zu vermeiden, sollten Patienten sich umgehend an einen Arzt wenden insbesondere beim Auftreten von heftigen Muskelschmerzen und dunkel verfärbtem Urin.

Was tun bei Muskelschmerzen durch Statine: ein Präparatwechsel kann helfen

Muskelschmerzen sind die häufigste Nebenwirkung von Statinen – was oft dazu führt, dass Patienten das Medikament absetzen. Aber muss das sein? Welche Alternativen gibt es?

Kardiologe Dr. med. Diethmar Antoni von der München Klinik Bogenhausen, versucht bei Patienten, die an Statin-Muskelschmerzen leiden, zunächst die Medikamente verträglicher zu machen: zum Beispiel durch eine Verringerung der Dosis oder den Wechsel zu einem anderen Statinpräparat. Ein Absetzen versucht er zu vermeiden: Denn die Einführung der Statine vor rund 20 Jahren hat die Behandlung von Herzinfarkt-Patienten verändert.

"Diese Patienten neigen nicht so schnell zu einem Rezidiv oder zu einem Wiederholungsinfarkt. Nicht so wie früher, als sie nach einem viertel oder halben Jahr wieder mit Schmerzen aufgetaucht sind, wieder mit der Gefahr eines Herzinfarktes oder sogar mit einem neuen Herzinfarkt. Diese Patienten sind stabiler geworden."

Dr. med. Diethmar Antoni, Kardiologe, München Klinik Bogenhausen

Sieben Statine sind in Deutschland derzeit auf dem Markt. Dass ein Patient keines davon verträgt, kommt selten vor. Ob wirklich alle sieben Präparate durchprobiert werden müssen, ist vom individuellen Fall abhängig.

"Ich hatte in den letzten zwei Jahren einige Patienten, bei denen ich vier Statine durchprobiert habe, aber alle waren nicht verträglich. Meine Erfahrung ist eher die, dass die Mehrzahl der Patienten, wenn mal so eine Statinunverträglichkeit auftritt, leider ein hohes Risiko haben, auch auf andere Statine zu reagieren. Aber man sollte mindestens ein bis zwei gut verträgliche Statine ausprobieren, in niedriger Dosis, bevor man die Statine ganz verlässt."

Dr. med. Diethmar Antoni, Kardiologe, München Klinik Bogenhausen

Ernährung oder „natürliche Cholesterinsenker“: Alternativen zu Statinen?

Die 85-jährige Barbara Stoßberger hat schon fast alle auf dem deutschen Markt erhältlichen Statin-Präparate ausprobiert. Immer wieder traten Nebenwirkungen auf.

Ihr Hausarzt Dr. Oliver Abbushi, Vorsitzender des Bezirkes München im Bayerischen Hausärzteverband, bemüht sich trotzdem immer wieder, ihren hohen Cholesterinspiegel mit Medikamenten zu senken. Denn, die Cholesterinwerte über die Ernährung zu beeinflussen, würde bei ihr nur begrenzt funktionieren, da das hohe Cholesterin wahrscheinlich in ihren Genen liegt.

"Patienten, die genetisch belastet sind, können ihr Cholesterin nur zu einem Prozentsatz von zehn bis 15 Prozent durch Ernährung runterbekommen. Dann ist Schluss, dann geht nicht mehr - egal, wie gesund sich diese Menschen ernähren."

Dr. med. Oliver Abbushi, Facharzt für Allgemeinmedizin, Deisenhofen

Meist sind es Patienten mit besonders hohen Cholesterinwerten, die man sich nicht durch einen besonders ungesunden Lebensstil erklären kann. Wenn solche Patienten Statine nicht vertragen - könnten sie versuchen, ihre Cholesterinwerte mit sogenannten „natürlichen Cholesterinsenkern“ zu beeinflussen?

„Natürliche“ Cholesterinsenker: Alternative bei Statin-Unverträglichkeit?

„Natürliche“ Cholesterinsenker

Als „natürliche“ Cholesterinsenker bezeichnet man konzentrierte Wirkstoffe aus Lebensmitteln, die Cholesterin senken können - wie Fisch, Artischocken, Algen, Bergamotte oder Sojabohnen. Der besseren Verfügbarkeit wegen werden sie in Pillen verpackt, als Nahrungsergänzungsmittel.

Roter Reis als Cholesterinsenker?

Aber wirken sie auch? Experten haben sich das vor kurzem näher angeschaut. Am besten schnitten dabei Produkte aus „rotem, fermentiertem Reis“ ab, darin enthalten als Wirkstoff ist ein Statin. Manche Patienten berichten zwar von einer besseren Verträglichkeit als bei Arznei-Statinen. Eine EU-Behörde hat 2018 aber gewarnt: Produkte aus rotem Reis können die gleichen schweren Nebenwirkungen haben, wie die Medikamente -  auch bei geringen Dosierungen.

Die Erfahrungen mit solchen Präparaten in der Praxis sind unterschiedlich. Da die Wirkstoffmenge und auch die Reinheit des Präparats längst nicht so gut überwacht wird, wie bei Medikamenten, ist das nicht verwunderlich:

"Es gibt Ärzte, die sagen, ich verwende das seit Jahren, ich habe noch nie eine Nebenwirkung gesehen. Das mag so sein, aber es ist nicht wissenschaftlich untersucht. Man kann den roten Reis nehmen. Man sollte aber darauf achten, dass man ein gut gereinigtes Präparat nimmt, bei dem keine Quecksilber- und Bleivergiftung droht. Und wenn man ein solches Präparat hat, kann man damit ganz klar über den Statineffekt das Cholesterin messbar senken."

Dr. med. Diethmar Antoni, Kardiologe, München Klinik Bogenhausen

Link zu den Warnungen verschiedener Behörden vor Produkten auf der Basis von „Roten Reis“:

Weitere Cholesterinsenker

Artischocken

Andere Nahrungsergänzungsmittel zum Beispiel mit Omega-3 Fettsäuren, Phytosterinen, Bergamotte oder Soja können den Cholesterinspiegel ebenfalls senken. Allerdings ist der Effekt im Vergleich zu Medikamenten nicht hoch, er liegt schätzungsweise zwischen drei und zehn Prozent. Zu anderen Wirkstoffen, wie Artischocken oder Algen, gibt es noch zu wenige verlässliche Untersuchungen, so die Experten.

Die Experten befassen sich nicht nur mit der Wirksamkeit, sondern auch mit möglichen, bereits bekannten Nebenwirkungen der Präparate:

Ernährungsumstellung und Lebensstiländerungen

Statt auf Nahrungsergänzungsmittel setzt der Allgemeinmediziner Dr. med. Oliver Abbushi eher auf Ernährungsumstellung und Lebensstiländerungen:

"Wir haben in den letzten Jahren gemeinsam mit den Patienten diverse Produkte ausprobiert. Der Patient hat sie auch über Monate eingenommen und ich habe immer das Angebot gemacht, lassen Sie uns die Werte kontrollieren, schauen wir, ob wir einen Effekt haben. Aber ich musste die Leute leider immer wieder enttäuschen. Wir konnten leider im Labor keinerlei Effekte beobachten. Nicht ein einziges Mal ist hier eine nennenswerte Senkung von Cholesterin oder LDL Cholesterin erfolgt."

Dr. med. Oliver Abbushi, Facharzt für Allgemeinmedizin, Deisenhofen

Nahrungsergänzungsmittel oder mediterrane Ernährung?

Für nicht genetisch belastete Patienten gilt: Viel mehr als mit den bunten Pillen kann man mit einer Ernährungsumstellung erreichen. Anna L. ist motiviert: Statt Fleisch gibt es bei ihr jetzt Gemüse und Fisch.

"Durch eine vernünftige Ernährung kann man das LDL senken, und das HDL erhöhen. Wir haben da schon Möglichkeiten, das ist natürlich nicht so ganz einfach für viele Patienten. Im Übrigen wirkt sich auch Bewegung positiv auf den Cholesterinspiegel aus."

Dr. med. Oliver Abbushi, Facharzt für Allgemeinmedizin, Deisenhofen

Nach zwei Monaten zeigt sich bei Anna L. noch kein Effekt auf ihre Cholesterinwerte - soll sie trotzdem weitermachen? Welche Möglichkeiten bleiben ihr?

Ab wann sind PCSK9-Hemmer angezeigt?

Letzte Option ist ein neues, sehr teures Medikament, die sogenannten PCSK9-Hemmer. Sie müssen alle zwei Wochen gespritzt werden. Ob diese für Anna L. in Frage kommen, hängt auch von ihrem persönlichen Risiko ab. Kardiologe Dr. Antoni entdeckt weitere verengte Stellen in ihren Herzkranzgefäßen. Trotzdem rät ihr der Arzt, zunächst alle anderen Möglichkeiten auszuschöpfen - von Ernährungsumstellung bis hin zu mehr Bewegung.

"Also üblicherweise sollte man eigentlich ein viertel bis ein halbes Jahr warten, um beurteilen zu können, wieviel die Ernährungsumstellung wirklich gebracht hat. Ich würde Ihnen raten, das genauso weiterzuführen, und nach einem halben Jahr dann nochmal zu kontrollieren. Wenn der Wert dann immer noch so hoch ist, ist klar, dass sie auf jeden Fall zusätzlich Cholesterinsenker brauchen."

Dr. med. Diethmar Antoni, Kardiologe, München Klinik Bogenhausen

Die neuen PCSK9-Hemmer können den Cholesterinspiegel noch viel stärker senken als Statine. Bisher gibt es allerdings noch keine Studien zu den Langzeitwirkungen dieser neuen Medikamente.

Lebensstil: wichtiger Schutzfaktor bei kardiovaskulären Erkrankungen

Barbara Stoßberger hat die PCSK9-Hemmer bereits probiert – und ebenfalls nicht vertragen. Ein Statin steht nun noch auf ihrer Liste. Wenn auch das Nebenwirkungen hat, will ihr Arzt sich auf die Behandlung ihrer anderen kardiovaskulären Risikofaktoren konzentrieren.

"Wenn Frau Stoßberger gar kein cholesterinsenkendes Medikament verträgt, werden wir auf diese Option verzichten müssen. Dann konzentrieren wir uns auf die anderen wichtigen Punkte. Einer davon ist die Blutdrucksenkung, das kriegen wir bei ihr auch gut hin."

Dr. med. Oliver Abbushi, Facharzt für Allgemeinmedizin, Deisenhofen

Verantwortungsvolle Mediziner überlegen genau, wem Statine nützen. Dabei wird angeschaut, wie viele Risikofaktoren ein Patient für künftige kardiovaskuläre Ereignisse insgesamt hat. Ein hoher Cholesterinspiegel ist dabei nur ein möglicher Risikofaktor unter vielen anderen, wie zum Beispiel familiäre Belastung, Bewegungsmangel, Bluthochdruck, Übergewicht, Alter, Geschlecht.

Weitere wichtige Faktoren sind Lebensstiländerungen und Gewichtsreduktion – Faktoren, auf die Ärzte weniger durch Medikamente als durch eingehende Beratung Einfluss nehmen können. Und bei denen die Patienten mehr gefordert werden, als durch die regelmäßige Einnahme von Medikamenten.

Auch Kardiologe Dr. med. Antoni legt seiner Patientin ans Herz, dass sie einen Großteil ihrer Behandlung selbst übernehmen kann. Anna L. hat sich vorgenommen, neben der Ernährung auch das Thema Bewegung und Gewichtsreduktion anzugehen. Auf jeden Fall will sie neben den Medikamenten alle Möglichkeiten ausreizen: Damit sie eine fitte, gesunde Oma für ihre Enkelin sein kann - und das noch möglichst lange.


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