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Burnout-Syndrom Bis zur völligen Erschöpfung

Anhaltende Müdigkeit, nachlassende Leistungsfähigkeit im Job und das Gefühl der emotionalen Erschöpfung: häufige Symptome beim Burnout-Syndrom. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat das Erschöpfungssyndrom jetzt neu bewertet.

Von: Julia Grantner

Stand: 15.07.2019

Sich einfach mal eine Auszeit nehmen, die Seele baumeln lassen – das war für Edgar, selbst nach Feierabend, undenkbar. Sein Leben führte der frühere Projektmanager jahrelang am Limit, pendelt für die Arbeit von Hamburg nach München. Damals arbeitet der 40-Jährige in einem Buchverlag. 12-Stunden-Arbeitstage sind völlig normal. Dass er am Wochenende seine Mails liest, ebenso. Er ist erfolgreich – und zahlt dafür einen hohen Preis. 

"Du gehst durch dein Leben wie so ein Zombie, wie ein Halbtoter. Weil du nur noch ein Ziel hast: der Wecker geht, du stehst auf, automatisch und funktionierst nur noch. Ich weiß ganz genau, die Farben habe ich zum Beispiel gar nicht mehr wahrgenommen. Für mich war alles grau, die Gefühlswelt war taub, ich habe mich selber nicht mehr gespürt."

Edgar, Burnout-Patient

Zur psychischen Belastung kommen fast immer ausgeprägte körperliche Beschwerden: Rückenschmerzen, Tinnitus oder Schwindel. Bei Edgar sind es starke Kopfschmerzen: Ständig nimmt er Tabletten, um weiter arbeiten zu können.

Wie erkennt man ein Burnout?

Viel zu oft wird Burnout erst spät erkannt, warnen Experten. Es gibt 3 Stufen: In Stufe 1 achten Betroffene nicht mehr auf die eigenen Bedürfnisse. Löst eine Stressphase die nächste ab, stimmt etwas nicht. Und kann sich der Erschöpfte in der Freizeit nicht mehr regenerieren, sollten die Alarmglocken läuten.

Die typische Erschöpfung des Burnout-Syndroms in der ersten Phase

"Dann beginnt es: Ich kann nicht mehr regenerieren, ich kann nicht mehr so gut schlafen. Oder der Sport, den ich gern gemacht habe, der ist mehr Anstrengung als Erholung. Oder am Wochenende mit der Familie, denke ich nur noch: Die gehen mir auf den Geist."

Dr. Dagmar Ruhwandl, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, München

Gereiztheit und Gleichgültigkeit bestimmen in der zweiten Burnout-Phase das Berufs- und Privatleben. Gefühllosigkeit und Resignation kommen hinzu. Schließlich kommt es zu einer weitgehenden Kontaktvermeidung.

Leistungseinschränkung erst im fortgeschrittenen Stadium von Burnout

Zu viel Stress am Arbeitsplatz kann zum Burnout-Syndrom führen.

Jetzt ist der psychische und meist auch körperliche Zusammenbruch nicht mehr weit. In der letzten und dritten Phase des Burnout führt der Verlust von Selbstvertrauen zu mangelnden positiven Erlebnissen und schließlich zu Misserfolgen im Beruf. Leistungsfähigkeit und Produktivität nehmen rapide ab. Schließlich ist Arbeitsunfähigkeit, oft über Wochen und Monate, nicht mehr zu vermeiden.

Burnout ist keine eigenständige Erkrankung. Auch eine klare Definition gab es bisher nicht. Das könnte sich aber ändern: Ab Januar 2022 tritt die neue internationale Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation WHO (ICD-11) in Kraft.

Gebäude der Weltgesundheitsorganisation WHO

Diese beschreibt Burnout als Syndrom aufgrund von "chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich verarbeitet wird.“ Laut WHO soll der Begriff Burnout ausschließlich im beruflichen Zusammenhang und nicht „für Erfahrungen in anderen Lebensbereichen“ verwendet werden.  

"Meine Hoffnung ist, dass es dadurch zum einen von Arbeitnehmern klarer gesehen werden kann. Also nicht nur, denke ich das, oder bilde es mir ein, oder da gibt’s ja Burnout, sondern es steht jetzt in einer internationalen Klassifikation, die alle Ärzte verwenden."

Dr. Dagmar Ruhwandl, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, München

 Im Durchschnitt liegt das Burnout-Risiko bei 15 bis 20 Prozent. Führungskräfte sind besonders häufig betroffen.

Genau so geht es Edgar. Er soll eine neue Abteilung aufbauen, der Chef will Fortschritte sehen. Die Belastung ist hoch, aber er macht weiter – bis zu jenem Tag, an dem sein Körper ihm zeigt, dass es so nicht weitergeht. Er war auf dem Weg zu einem Termin:

"Auf der Hälfte der Strecke ist es passiert: Es ging einfach nicht mehr. Ich konnte nicht mehr gehen, der Körper ging nicht mehr. Es war wie so ein Blitz – es war der so oft beschriebene Moment der totalen Erschöpfung. Du bist in einem ganz tief schwarzen Loch und du weißt nicht, ob es einen Ausgang gibt."

Edgar, Burnout-Patient

"Hinter dem Phänomen steht zu 90 Prozent eine depressive Erkrankung. Das nennt sich depressive Reaktion. Ich reagiere mit depressiven Symptomen auf belastende Lebensereignisse."

Dr. Dagmar Ruhwandl, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, München

Edgar zieht die Reißleine. Er verbringt einige Woche in einer Klinik am Chiemsee. Arbeiten kann er für die nächsten eineinhalb Jahre nicht. Anschließend macht er eine sogenannte Verhaltenstherapie - neben der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie, eine der beiden anerkannten Therapieformen, um Burnout zu behandeln. In vielen Gesprächen mit einem Psychologen lernt der Betroffene, sich Auszeiten zu nehmen und wie er besser mit Leistungsdruck und Stress umgehen kann.

Bei Burnout: eigene Schwächen und Stärken erkennen

Je nach Schweregrad wird eine Behandlung entweder ambulant oder stationär durchgeführt. Manchmal können auch Medikamente wie Antidepressiva zum Einsatz kommen. Bei ersten Burnout-Anzeichen helfen bereits kleine Maßnahmen: Entspannungstechniken wie Progressive Muskelentspannung, Yoga oder Pilates können zur Anwendung kommen. Betroffene können lernen, gezielt auf sich zu achten, eigene Stärken und Schwächen zu kennen und Warnsignale ernst zu nehmen, damit es erst gar nicht bis zum richtigen „Ausbrennen“ kommt.


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