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Blutplasma Engpass wegen Corona?

Blutplasma und die daraus gewonnenen Medikamente sind für Menschen mit Autoimmunerkrankungen lebenswichtig. Doch Corona hat dazu geführt, dass das Spendenaufkommen eingebrochen ist. Dabei sollen aus Blutplasma Antikörper hergestellt werden, die Sars-Cov-2 selektiv angreifen.

Von: Veronika Scheidl, Florian Heinhold

Stand: 20.10.2020

Deutschland verzeichnet so viele Corona-Infektionen wie noch nie. Eine Folge der Pandemie: Blutspenden – ob Vollblut oder Blutplasma – sind rückläufig. Vor allem ein Mangel an Blutplasma würde die Risikogruppen treffen, die am meisten unter Corona leiden.

Patienten wie die 25-jährige Corinna. Sie hat einen angeborenen Immundefekt und nur 25 Prozent Lungenfunktion.

"Ich fühle mich in der Situation ziemlich machtlos, weil Infekte immer meine Lunge betreffen. Man kann davon ausgehen, wenn es mich erwischt, dass es ein sehr schwerer Verlauf würde und es vielleicht sogar tödlich enden könnte."

Corinna, Risikopatientin

Weniger Blutplasmaspenden

Sie ist auf Medikamente angewiesen. Einmal wöchentlich muss sie sich Immunglobuline, also Antikörper, spritzen. Ihr Medikament wird auf Basis von menschlichem Blutplasma gewonnen. Die dafür nötigen Blutplasmaspenden sind laut der Experten seit Beginn der Pandemie aber rückläufig – bei steigendem Bedarf.

Auch Pharmahersteller und Patientenorganisationen schlagen Alarm: Schlimmstenfalls könnte es zu einem Engpass an Medikamenten und weiteren Blutplasma-Präparaten kommen. Auf diese sind rund vier Millionen Menschen in Deutschland angewiesen.

"Ich habe schon Angst. Ohne dieses Medikament könnte ich nicht überleben. Es sollte einfach für alle verfügbar sein."

Corinna, Risikopatientin

Blutplasma in der Notfallversorgung

Blutplasma ist für etliche Medikamente unabdingbar, es enthält über 120 verschiedene Eiweißstoffe. Deswegen beobachtet auch der Erlanger Transfusionsmediziner Prof. Holger Hackstein die Entwicklung der Blutspenden genau. Eine Knappheit wäre fatal.

"Blutplasma ist ein Notfallmedikament, das wir in der Notfallversorgung einsetzen. Für die Behandlung von Patienten, die akut einen großen Blutverlust erlitten haben, zum Beispiel nach einem schweren Verkehrsunfall. Darüber hinaus ist es auch ein ganz wichtiges Ausgangsprodukt für die Herstellung von anderen Arzneimitteln. Insgesamt ist es natürlich schon ein Problem, wenn so ein Engpass über mehrere Monate anhält. Das kann zu erheblichen Problemen führen."

Prof. Dr. med. Holger Hackstein, Transfusionsmediziner, Universitätsklinikum Erlangen

Mit der aktuellen Zunahme der Corona-Infektionen drohen wieder Einbrüche bei den Spendenzahlen – wie schon während der ersten Welle, sagen Experten.

"Verstärkte Hygieneregeln führen dazu, dass man nicht so viele Blutspender in der gleichen Zeit bearbeiten kann. Und auch in der Bevölkerung hatte der ein oder andere Spender erstmal andere Probleme, als zur Blutspende zu gehen."

Prof. Dr. med. Holger Hackstein, Transfusionsmediziner, Universitätsklinikum Erlangen

Blutplasma nach der Spende zwei Jahre haltbar

Nur: Blutplasma kann nicht künstlich hergestellt werden – ohne Spender geht nichts. 

Mit bis zu 45 Minuten dauert eine Plasmaspende länger als eine normale Vollblutspende. Denn das Plasma und die anderen Blutbestandteile müssen gefiltert und voneinander getrennt werden. Nach der Spende wird das Plasma gewogen, etikettiert und eingefroren. So ist es bis zu zwei Jahre lang haltbar, erklärt Dr. Sabine Arnold vom Haema-Blutspendezentrum in Nürnberg.

"Es ist so wichtig, Plasma zu spenden, weil daraus wichtige Medikamente hergestellt werden. Wie zum Beispiel Gerinnungshemmer für Bluter, Abwehrstoffe für Leute mit angeborenen oder mit erworbenen Abwehrerkrankungen und vieles mehr."

Dr. med. Sabine Arnold, leitende Ärztin, Haema Blutspendezentrum, Nürnberg

Blutplasma: Therapie bei Covid-19?

Und: Plasma ist auch eine Therapiehoffnung bei Covid-19. Genau daran forscht Prof. Hackstein seit Monaten. Er benutzt sogenanntes Rekonvaleszentenplasma, das genesenen Covid-Patienten entnommen und dann an besonders schwere Corona-Fälle intravenös verabreicht wird.

"Wir haben bei diesen Patienten, die wir bisher behandelt haben, zum Teil gesehen, dass die Entzündungsparameter rückläufig waren. Und wir haben bei einem Teil der Patienten auch gesehen, dass die Viruslast zurückgegangen ist und auch das Virus eliminiert werden konnte."

Prof. Dr. med. Holger Hackstein, Transfusionsmediziner, Universitätsklinikum Erlangen

 Die Ergebnisse sind ermutigend und werden jetzt in einer klinischen Studie überprüft.

Auch Hersteller forschen an Therapie

Parallel dazu setzen auch Pharmaunternehmen große Hoffnungen auf das Rekonvaleszentenplasma. So forscht CSL Behring zusammen mit anderen Herstellern weltweit an einer Hyperimmunglobulin-Therapie für Covid-19 Patienten.

"Das Medikament wird einmal am Anfang der Studie verabreicht. Dann beobachtet man nach sieben Tagen und nach 28 Tagen, welchen Effekt es hatte. Wir hoffen alle auf einen positiven Effekt."

Dr. Lutz Bonacker, Senior Vice President und General Manager Europe CSL Behring, Hattenstein

Hoffnung auf Solidarität

Das Coronavirus hat das knappe Gut Blutplasma noch begehrenswerter gemacht. Für Immunkranke wie Corinna Hummler ist das eine Belastung. Sie wünscht sich einfach nur eines:

"Für mich und alle anderen Betroffenen ist es superwichtig, dass die Spendenbereitschaft wieder steigt und mehr Leute Blutplasma spenden. Gerade auch jetzt, weil es einfach für viele die einzige Möglichkeit ist, ein Leben zu haben."

Corinna, Risikopatientin

Bleibt die Hoffnung, dass in der Krise auch die Solidarität wächst und sich genug Spender finden.


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