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Blinddarmentzündung Wann muss der Wurmfortsatz raus?

Er ist klein - kann aber großen Ärger verursachen: der kleine Wurmfortsatz des Blinddarms. Entzündet er sich, geht das meist mit heftigen Schmerzen im Unterbauch einher. Dann muss in der Regel operiert werden.

Von: Julia Richter

Stand: 17.12.2018

Wenn eine Blinddarmentzündung nicht erkannt wird, kann es gefährlich werden. Der Blinddarmdurchbruch ist eine gefürchtete Komplikation.

Ursachen einer Blinddarmentzündung

Bei einer Blinddarmentzündung - einer sogenannten Appendizitis - ist nicht der Blinddarm selbst entzündet, sondern der Wurmfortsatz des Blinddarms, ein kleines Anhängsel. Welche Funktion er genau hat, ist nicht ganz klar. Prinzipiell gilt der Wurmfortsatz als entbehrlich, eine lebenswichtige Funktion hat er nicht. Auch wenn er als Teil des Immunsystems eine Rolle zu spielen scheint.

Die häufigste Ursache für eine Appendizitis ist eine Verstopfung der winzigen Öffnung zwischen Wurmfortsatz und Blinddarm; zum Beispiel durch Kotsteine. Sammeln sich dort Bakterien, kann es zu einer Entzündung kommen. Im Volksmund ist von einer Blinddarmentzündung die Rede, betroffen ist aber nur der Wurmfortsatz.

Blinddarm-Operation: Eine der häufigsten Bauch-OPs

Eine Blinddarm-Entzündung tritt relativ häufig auf: In Deutschland gibt es jedes Jahr fast 140.000 Blinddarm-Operationen. Damit ist sie eine der häufigsten Bauch-OPs.

Eine Blinddarmentzündung kann jeden treffen. Besonders häufig tritt sie in jüngeren Jahren auf. Eine Appendizitis kann verschiedene Stadien durchlaufen. Grundsätzlich kann man zwischen einer einfachen und einer zerstörerischen Blinddarmentzündung unterscheiden.

Beginnen kann es als leichte Reizung, die sich zu einer Entzündung weiterentwickeln kann. Im schlimmsten Fall kommt es zu einem Durchbruch des Blinddarms. Dann droht eine lebensbedrohliche Bauchfellentzündung. Wie heftig sich eine Blinddarmentzündung entwickelt, kann man nicht vorhersagen.

Oft untypische Symptome

Ein Problem ist, dass die Entzündungsanzeichen höchst unterschiedlich ausfallen können.

"Klassischerweise ist es bei der Blinddarmentzündung so, dass der Schmerz eher im Oberbauch beginnt und dann in den rechten Unterbauch wandert. Patienten entwickeln Fieber, fühlen sich krank, abgeschlagen. Aber den einen typischen eindeutigen Befund, der sagt, das ist jetzt 100 Prozent eine Blinddarmentzündung, den gibt es eigentlich nicht."

Prof. Dr. med. Thomas Horbach, Chirurg, Schön Klinik Nürnberg-Fürth

Die Symptome sind also sehr unspezifisch. Besonders bei Frauen ist deshalb nicht immer klar, dass der Blinddarm die Probleme verursacht hat. Experten betonen, dass Blinddarmentzündungen zu den schwierigsten Diagnosen überhaupt gehören.

Die sichere Diagnose - eine Herausforderung

Beim Verdacht auf eine Blinddarmentzündung wird als erstes der Bauch abgetastet und der Patient eingehend befragt. Es gibt charakteristische Druckpunkte, die auf eine Appendizitis deuten können.

Ein wichtiger Hinweis: Der sogenannte Loslass-Schmerz. Durch die provozierte ruckartige Erschütterung auf der linken Bauchseite schmerzt es auf der rechten Seite, dort, wo der Blinddarm ist. Auch beim Laufen oder Hüpfen kommt es typischerweise zu einem Erschütterungsschmerz. Bei manchen Patienten zeigt sich ein Schonhinken. Betroffene winkeln außerdem oft das rechte Bein zum Bauch hin an.

Beim Verdacht auf eine akute Entzündung wird immer ein Ultraschall gemacht. Ist der Wurmfortsatz entzündet, zeigt sich das daran, dass er verdickt ist und sich Flüssigkeit drum herum gebildet hat. Allerdings kann der Befund auch unauffällig sein und der Patient trotzdem eine akute Blinddarmentzündung haben.

Deswegen wird außerdem ein Blutbild erstellt: Ist die Anzahl der weißen Blutkörperchen - der Leukozyten - erhöht oder das C-reaktive Protein C, dann sind das wichtige Hinweise auf eine akute Entzündung.

Wann muss der Blinddarm entfernt werden?

Grundsätzlich kann sich jede Entzündung verschlimmern. Deshalb tendieren Ärzte dazu, den Blinddarm im Zweifel zu entfernen. Nach dem Motto: Dann kann er keinen Schaden mehr anrichten. Dieser Ansatz führt allerdings dazu, dass manchmal auch operiert wird, wenn der Wurmfortsatz gar nicht entzündet ist. Im Durchschnitt stellt sich im Nachhinein etwa jede zehnte Blinddarm-OP als unnötig heraus.

"Das Problem ist, dass in einigen Fällen erst nach der OP wirklich gesagt werden kann, ob tatsächlich eine Blinddarmentzündung vorlag. Den einen Beweis gibt es nicht, es ist vielmehr der Gesamteindruck, der zählt. Der Untersuchungsbefund, der Laborwert, die Ultraschalluntersuchung und eben auch die Erfahrung des Klinikers sind ausschlaggebend für oder gegen die OP."

Dr. med. Daniel Hartmann, Klinik und Poliklinik für Chirurgie, Klinikum r. d. Isar, TU München

Antibiotika statt OP?

Um die Rate an unnötigen OPs zu senken, gibt es seit Jahren den Ansatz, unkomplizierte Blinddarm-Entzündungen mit Antibiotika zu behandeln. Eine große klinische Studie aus Finnland aus dem Jahr 2015 hat das zuletzt untersucht. Teilgenommen hatten mehr als 500 Patienten mit einer unkomplizierten Appendizitis. Etwa 70 Prozent der Patienten konnte mit einer Antibiotika-Therapie eine OP erspart bleiben. Doch viele Ärzte sind nach wie vor skeptisch:

"Bei einer akuten Appendizitis kann es grundsätzlich zu einem Durchbruch kommen mit potenziell lebensbedrohlichen Risiken. Vor dem Hintergrund empfehlen wir einem Patienten eine Operation. Das ist bei uns der Goldstandard. Trotzdem ist auch bei jungen, gesunden Patienten eine Antibiotika-Therapie vertretbar. Allerdings ist bei alten Patienten, bei Schwangeren und auch sonst gebrechlichen Patienten die OP ganz klar vorzuziehen."

Dr. med. Daniel Hartmann, Klinik und Poliklinik für Chirurgie, Klinikum r. d. Isar, TU München

Ob eine Blinddarm-Entzündung wirklich unkompliziert ist, kann nur ein CT belegen. Die Strahlenbelastung ist aber so hoch, dass das bei vielen Patienten als Standarduntersuchung ausscheidet. Der diagnostische Aufwand steht laut Experten in keinem Verhältnis. Außerdem gibt es keine Langzeitstudien, niemand weiß also bisher, wie die Rückfallquote aussieht. Kritiker weisen zudem auf die Risiken hin, die sich durch die Gabe von Antibiotika ergeben.

Im Zweifel gilt also: Eine Blinddarmentzündung wird operiert. Bei einer weiter entwickelten Appendizitis oder gar einem Blinddarmdurchbruch, gibt es sowieso keine Alternative: Zu so einer Komplikation kommt es in rund 15 Prozent der Fälle.

"Beim Blinddarm-Durchbruch kommt Darminhalt in die freie Bauchhöhle. Der Darminhalt enthält viele Bakterien, das macht eine Bauchfellentzündung, diese sorgt für eine Aktivierung des Immunsystems des Patienten. Es kommt zu einer Abszessbildung in der Bauchhöhle. Es wird Fieber auftreten und im schlimmsten Fall kommt es zu Multiorganversagen mit einer Sepsis."

Prof. Dr. med. Thomas Horbach, Chirurg, Schön Klinik Nürnberg-Fürth

OP-Methoden

Grundsätzlich gibt es zwei OP-Methoden: Bei der klassischen, also „offenen“ Operation, wird der rechte Unterbauch geöffnet und der Wurmfortsatz herausgeschnitten. Die Wundränder werden dann wieder vernäht. Diese Art der OP wird heutzutage selten gemacht. Zum einen aus kosmetischen Gründen, weil eine größere Narbe zurückbleiben kann. Zum anderen, weil die Patienten meist länger brauchen, um wieder fit zu werden.

Deshalb erfolgt der Eingriff in aller Regel minimal-invasiv, also laparoskopisch. Das heißt: Der Zugang erfolgt über winzig kleine Schnitte in der Bauchdecke. Mit dem sogenannten Klammernahtgerät wird der Wurmfortsatz gleichzeitig geklammert und abgetrennt. Die Patienten haben in der Regel, wenn überhaupt, kaum sichtbare kleine Punkte als Narben. Der Vorteil ist außerdem, dass sich die Patienten schneller erholen. Meistens können sie das Krankenhaus nach ein paar Tagen wieder verlassen. Die Gefahr von Wundinfektionen ist hier zudem geringer.

Generell gilt: Eine Blinddarmentfernung ist ein Routineeingriff, der meist harmlos ist. Trotzdem kann es zu Komplikationen kommen. So kann es, wie bei jeder OP, passieren, dass es nach dem Eingriff zu Vernarbungen, also zu Verwachsungen kommt. In so einem Fall muss unter Umständen erneut operiert werden.


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