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Beinprothesen Aktiv bleiben nach einer Amputation

Nach Expertenschätzungen sind jedes Jahr etwa 60.000 Menschen in Deutschland von einer Amputation betroffen. Gründe dafür sind Unfälle und Erkrankungen wie Diabetes oder arterielle Verschlusskrankheiten. Wie kann man nach einer Beinamputation aktiv leben? Gesundheit! trifft Patienten, die in der Reha ihre Gehfähigkeit trainieren. Außerdem demonstriert ein Fahrradkurier, dem ein Unterschenkel fehlt, was moderne, individuell angepasste Prothesen heute leisten können.

Von: Carolin Lorenz

Stand: 26.10.2020

Sven Sittler aus Würzburg ist ein sportlicher Typ. Er ist täglich auf dem Fahrrad unterwegs. Und das nicht nur als Hobby oder um schnell von A nach B zu kommen: Im Nebenjob arbeitet er als Fahrradkurier. Und er trägt Beinprothesen. Denn von Geburt an fehlt ihm der rechte Unterschenkel, sein linkes Bein ist verkürzt.

"Radfahren ist kein Problem für mich, weil die Prothese gut sitzt, gut eingestellt ist, versteht, dass ich Rad fahre, und ich sehr viel und sehr gerne täglich Rad fahre."

Sven Sittler

Auch beruflich hat Sven Sittler mit Prothesen zu tun. Er ist gelernter Orthopädietechnikmechaniker in einem Würzburger Unternehmen.

Anpassung der Prothese

Dr. Thomas Knestel ist Arzt und trägt seit gut einem Jahr eine Unterschenkelprothese. Wegen eines bösartigen Tumors im Mittelfuß war bei ihm eine Amputation notwendig. Beim Orthopädietechnikbetrieb erfolgt die Anpassung der Prothese. Der Schaft ist dabei der Teil, der die Prothese mit dem Körper verbindet – und der muss sitzen.

"Wenn die Prothese nicht wirklich supergut gemacht ist und man eine leichte Druckstelle hat, wird das richtig unangenehm. Das fühlt sich so an, wie wenn Sie Blasen an den Füßen entwickeln von neuen Schuhen. Am Anfang brennt es und wenn man das nicht beachtet, entwickelt sich eine Druckstelle. Die Haut geht auf, das muss man natürlich unbedingt vermeiden."

Dr. Thomas Knestel, Betriebsarzt

Prothesen elektronisch steuern

Der Schaft ist maßgefertigt und kann erst endgültig geformt werden, wenn die Stumpfbildung nach der Amputation abgeschlossen ist - wenn also alles verheilt und abgeschwollen ist. Das kann bis zu zwölf Monate dauern. Über dem Stumpf tragen amputierte Menschen einen Liner, eine Art dicken Strumpf. Festgehalten wird die Prothese meist durch ein Vakuum, sie saugt sich praktisch am Stumpf fest.

Die restlichen Komponenten einer Prothese werden dann wie aus einem Baukasten zusammengesetzt – in der sogenannten Modularbauweise. Jede Prothese besteht aus dem Schaft, unterschiedlich langen Rohradaptern und einem Fuß mit Federn aus Karbonfasern, die beim Abstoßen einen Schubs mitgeben. Beim gesunden Bein übernimmt diese Aufgabe die Wadenmuskulatur.

Den Prothesenfuß umschließt eine Fußhülle, die aussieht wie der natürliche Fuß. Sie erleichtert es, mit der Beinprothese Schuhe zu tragen. Bei Oberschenkelprothesen kommt außerdem noch ein meist elektronisch gesteuertes Kniegelenk dazu.

Stürze vermeiden

"Das Besondere an den elektronischen Gelenken ist, dass der Nutzer nicht nachdenken muss beim Laufen. Das übernimmt die Elektronik. Das war früher viele Jahre ganz anders. Jeder Schritt musste gesichert werden und es kam häufig zu Stürzen. Mit den elektronischen Steuerungen ist das weitestgehend ausgeschlossen."

Sönke Sternkopf, Werkstattleiter, Orthopädietechnik Efinger

Moderne Prothesen sind High-Tech. Im Inneren der Gelenke sind eine mikroprozessor-gesteuerte Hydraulik und verschiedene Messsensoren verbaut.

Viele Gelenke, auch elektronische Fußgelenke, lassen sich per App steuern: Beispielsweise vom Geh-Modus in den Fahrrad-Modus oder die Feinjustierung beim Wechsel von Schuhen. Denn unterschiedliche Schuhe mit unterschiedlichem Gewicht oder Absatzhöhen beeinflussen das Gehen mit Prothese. Abends muss die Prothese an die Steckdose, wie das Handy oder der Akku eines E-Bikes.

"Wenn der Akku leer wäre, gibt es einen Sicherheitsmodus. Es ist nicht so, dass da eine Gefahr für den Nutzer besteht. Sondern es schaltet in einen Modus, dass er noch weiter laufen kann, aber nicht mehr so komfortabel wie mit dem Akku."

Sönke Sternkopf

Dr. Thomas Knestel ist dank Unterschenkelprothese mobil. Er kann sogar Autofahren - nach einem verkehrsmedizinischen Gutachten und einer Fahrprüfung mit Fahrlehrer. Er fährt zwar Automatik, dürfte aber auch mit Schaltgetriebe fahren. Der Umbau auf Automatik oder Handgas ist nur für Menschen mit Oberschenkelprothese zwingend notwendig.

Arterielle Verschlusskrankheit: Grund für Amputation

Heinz Vielweib aus Pilsting trägt erst seit ein paar Monaten eine einfache, mechanische Prothese, eine sogenannte Interimsprothese. Der Schaft ist auf ihn angepasst, der Rest vom Sanitätshaus geliehen. Im Frühjahr war der 78-Jährige noch topfit:

"Wir haben uns während der Coronazeit in erster Linie im Garten aufgehalten, meine Frau und ich. Und ich bin halt ausgebüxt und drei Stunden Radl gefahren oder so."

Heinz Vielweib, Steinmetz in Rente

Seine Frau nennt ihn den „Mann ohne Tabletten“. Bis vor ein paar Wochen seine Wade erst zwickt und dann unerträglich schmerzt. Seine Frau fährt ihn in die Notaufnahme. Die Diagnose: Arterielle Verschlusskrankheit. Eine Durchblutungsstörung, quasi ein Infarkt im Bein. Neben Diabetes, Tumorerkrankungen und Unfällen, häufig mit dem Motorrad, sind arterielle Verschlusskrankheiten ein häufiger Grund für eine Amputation. Auch das Bein von Heinz Vielweib wird abgenommen.

"Das war seelisch eine sehr, sehr schlimme Situation, weil ich einfach nach Dingolfing gegangen bin und gedacht hab, ich krieg jetzt zwei Spritzen und einen Verband rum und dann ist es nach zwei Wochen wieder erledigt."

Heinz Vielweib

Wieder laufen lernen in der Gehschule

Stattdessen liegt ein anstrengender Weg vor Heinz Vielweib. Er wird in der Fachklinik Osterhofen mit einer Prothese versorgt und lernt dort in einer speziellen Gehschule das Laufen neu.

Nach jeder Amputation folgt in der Regel der Aufenthalt in einer Reha-Einrichtung. Auch an der Fachklinik Enzensberg gibt es eine solche Gehschule.

"Die Patienten sollen hier den Umgang mit der Prothese im Alltag wieder lernen. Sie sollen in der Lage sein, mit der Beinprothese nach Hause zurückzukehren und ihren Alltag zu bewältigen. Sich also im Innen- und Außenbereich zu bewegen. Für jüngere Amputierte heißt es auch, wieder in ihre Berufstätigkeit zurückzukehren."

Dr. med. Jürgen Lembke, Oberarzt Orthopädie, Fachklinik Enzensberg, Hopfen am See/Füssen

Steuerung unterschiedlich

Unter der Aufsicht von geschulten Physiotherapeuten lernen die Patienten zum Beispiel das selbständige Anziehen der Prothese, Treppensteigen, das Laufen auf unterschiedlichen Untergründen und Bodenschrägen oder Techniken, um nach einem Sturz wieder aufstehen zu können. Und sie lernen die Funktionen ihrer Prothesen kennen.

"Dieses Kniegelenk bewegt sich so, wie der Patient die Information an das Knie gibt. Sprich: Wenn er den Fuß vorsetzt und die Ferse belastet, weiß das Knie sozusagen: Aha, ich bin in der Standbeinphase, ich muss stabil sein."

Bettina Nägele, Physiotherapeutin, Fachklinik Enzensberg, Hopfen am See/Füssen

Je nach Firma sind die Bewegungen, die zur Steuerung notwendig sind, unterschiedlich. Bei Andreas Renner funktioniert das Hinsetzen so: Wenn er einen kleinen Schritt zur Seite macht, bremst sein Kniegelenk beim Hinsetzen und verhindert, dass er auf die Parkbank fällt. Die Oberschenkelmuskulatur, die diese Aufgabe sonst übernimmt, ist nach einer Amputation oberhalb des Knies nicht mehr aktiv.

"Das ist jetzt meine dritte Woche und ich würde sagen, ich bin schon ganz schön weit gekommen. Ich kann zwar noch nicht freihändig laufen, kann aber bedeutend besser laufen als zu Beginn."

Andreas Renner

Krankenkasse übernimmt Kosten

Die Leistungsfähigkeit einer Prothese wird von der Leistungsfähigkeit des Prothesenträgers bestimmt. Und die wird von Spitzenverband Bund der Krankenkassen in fünf Mobilitätsgraden beurteilt: Von Mobilitätsgrad 0, der Nichtgehfähigkeit, bis zu Mobilitätsgrad 4 von Menschen, die uneingeschränkt und mit besonders hohen Ansprüchen im Außenbereich gehen.

Bei Heinz Vielweib wird in ein paar Wochen die Stumpfbildung abgeschlossen sein. Dann kann er seine Definitivprothese bekommen, mit eigenen, auf ihn abgestimmten Komponenten. Die Kosten für die Prothesen übernimmt die Krankenkasse, bei Arbeitsunfällen die Berufsgenossenschaft.

"Der Amputierte hat einen Rechtsanspruch auf die Versorgung mit einer Prothese. Bedauerlicherweise sind einige Kostenträger der Auffassung, dass mit den einfachen mechanischen Kniegelenken gerade ältere Personen versorgt werden müssen, weil die ja nicht mehr so mobil werden."

Dr. med. Jürgen Lembke, Oberarzt Orthopädie, Fachklinik Enzensberg, Hopfen am See/Füssen

Anspruch auf hochwertige Prothesen

Beinprothesen kosten zwischen 15.000 und 60.000 Euro, je nachdem, wie viele Gelenke ersetzt werden müssen und welche Komponenten verbaut werden. Wenn eine hochwertige Versorgung von den Kostenträgern abgelehnt wird, kann der Patient dagegen Widerspruch einlegen. Denn es gilt:

"Bei Hilfsmitteln, die dem direkten Behinderungsausgleich dienen, und dazu gehören Beinprothesen, haben Versicherte den Anspruch, mit einem Nicht-Behinderten gleichzuziehen. Und sie haben den Anspruch, mit den Hilfsmitteln versorgt zu werden, die dem geltenden Stand der Technik entsprechen."

Dr. med. Jürgen Lembke, Oberarzt Orthopädie, Fachklinik Enzensberg, Hopfen am See/Füssen

Teurer ist nicht immer gleichbedeutend mit besser: Die Prothese muss zu den Ansprüchen der Patienten passen. Wer sich hauptsächlich in der Wohnung bewegt, hat andere Bedürfnisse als jemand, der mit der Prothese auch Sport treiben will.

Mobilität möglichst wieder herstellen

Passende Prothesen sind wichtige Hilfsmittel: Sie stellen das Körperbild nach einer Amputation wieder her und ermöglichen es den Patienten, anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Auch Phantomschmerzen werden durch das Tragen einer Prothese abgemildert. Und natürlich ist die Wiederherstellung der Mobilität ein großes Thema. Denn wer immer im Rollstuhl sitzt, dessen Muskulatur bildet sich am gesamten Körper zurück. Es kommt zu Fehlstellungen, vor allem im Hüftgelenk und im Kniegelenk des gesunden Beins. Auch Atmung, Kreislauf und Herzfunktion werden beeinträchtigt.

Heinz Vielweib wurde nach seiner Reha ein Aneurysma im Standbein entfernt. Die erneute OP hat ihn in seinen Fortschritten beim Laufen mit der Prothese zurückgeworfen. Aber auch wenn Heinz Vielweib gerade noch nicht gut zu Fuß ist, er arbeitet daran, seine Muskulatur zu erhalten. Denn er hat ein Ziel:

"Nächsten März, April hoffe ich doch, dass ich unsere tollen Radlwege wieder benutzen kann."

Heinz Vielweib

Denn auch wenn Prothesen die eigenen Beine nie komplett ersetzen können: Sie ermöglichen Mobilität. Zu Fuß oder sogar ganz rasant auf dem Fahrrad.


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