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Bauchaortenaneurysma Erweiterung der Bauchschlagader: Risiken und Therapieoptionen

Platzt eine erweiterte Bauchschlagader, kann es lebensgefährlich werden. Nur die Hälfte der Betroffenen erreicht die Klinik noch lebend. Daher sind eine frühzeitige Diagnose und Behandlung umso wichtiger.

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 12.10.2020

Es kommt für die meisten völlig überraschend: ein sogenanntes Bauchaortenaneurysma verursacht im Vorfeld keine Beschwerden. Und doch kann es lebensgefährlich werden, wenn sich die Hauptschlagader im Bauch wie ein Ballon erweitert. Gefäßspezialist Prof. Dr. med. Alexander Hyhlik-Dürr vom Uniklinikum Augsburg warnt: Wenn der Druck zu stark wird, reißt das Gefäß ein.

"Wenn das Aneurysma platzt, das ist quasi das Schlimmste, was dem Patienten passieren kann, weil nur die Hälfte der Patienten lebend das Krankenhaus erreicht. Und auch im Krankenhaus ist diese Operation so gefährlich, dass viele Patienten diese Operationen da auch nicht mehr überleben können."

Prof. Dr. med. Alexander Hyhlik-Dürr, Direktor Gefäßchirurgie und endovaskuläre Chirurgie, Universität Augsburg

Die typische Risikogruppe für diese Erkrankung ist männlich, über 65 Jahre alt, leidet an Bluthochdruck, und ist Raucher. Normal ist ein Durchmesser der Bauchaorta von 2-3 Zentimetern. Ab einem Durchmesser der Bauchaorta von 5,5 Zentimetern raten Ärzte zu einem operativen Eingriff, um die Gefahr einer Gefäßruptur abzuwenden. Doch auch die Form des Aneurysmas oder die Geschwindigkeit des Wachstums spielen eine Rolle:

"Was natürlich auch wichtig ist, wenn diese Aneurysmen sehr schnell wachsen, wenn sie mehr als einen Zentimeter pro Jahr wachsen, wäre das auch für uns ein Kriterium dass ein Platzen droht, und wir das vorher versorgen möchten."

Prof. Dr. med. Alexander Hyhlik-Dürr, Direktor Gefäßchirurgie und endovaskuläre Chirurgie, Universität Augsburg

Minimalinvasiv oder offen: verschiedene Operationsmethoden

Bei einem minimalinvasiven Eingriff wird das erweiterte Gefäß mit einer Art Stent entlastet. Mit einem Endoskop, das über einen Schnitt in der Leiste eingeführt wird, wird die Gefäßprothese zum Aneurysma geschleust und vor Ort aufgespreizt. Fast 80 Prozent der Eingriffe werden durchschnittlich auf diese Weise durchgeführt. Die Technik hat den großen Vorteil, dass sie für den Organismus wenig belastend ist. Aber es gibt – auf lange Sicht – auch Nachteile der Methode.

Dr. med. Andreas Waltering arbeitet für das staatliche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen kurz: IQWIG. Die unabhängige Behörde stellt die aktuelle Studienlage zu vielen Themen online: auf dem Patientenportal „Gesundheitsinformation.de“.

"Die Operation hat auch Nachteile, man muss z.B. deutlich häufiger zur Nachuntersuchung. Zu Anfang alle drei bis sechs Monate, später auch jährlich. Ein weiterer Nachteil ist, dass sich gezeigt hat, dass nach endovaskulären Eingriffen die Menschen noch einmal oder sogar zweimal oder sogar dreimal nachoperiert werden müssen, im Laufe der folgenden Jahre."

Dr. med. Andreas Waltering, Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWIG

Dazu kommt, nicht jeder Patient eignet sich aus anatomischen Gründen für eine endoskopische Operation. Die Form der Aorta oder die Lage des Aneurysmas können so ungewöhnlich sein, dass die übliche Stent-Form nicht passt oder außergewöhnlich schwierig per Endoskop zu platzieren wäre.

In diesem Fall wird „offen“ operiert, das heißt mit einem großen Schnitt die Bauchhöhle eröffnet. An die Stelle des geschädigten ballonartig erweiterten Gefäßabschnittes wird eine Gefäßprothese eingesetzt und fest vernäht. Der Vorteil: die Prothese kann nicht mehr verrutschten – Folgeeingriffe und ein erneutes Auftreten des Aneurysmas sind sehr selten. Doch auch dieser Eingriff birgt Risiken für die Patienten: Statistisch überleben vier Prozent der Patienten die ersten 30 Tage nach der Operation nicht. Die Entscheidung für die Operation bzw. für die Operationsmethode muss also gut abgewogen werden.

Allerdings: nach vier Jahren gibt es keinen Unterschied in der Sterblichkeit zwischen den endoskopisch und den offen operierten Patienten, die Risiken durch den belastenden operativen Eingriff werden auf lange Sicht ausgeglichen.

"Wir tendieren mittlerweile ein bisschen dazu, dass wir sagen, jüngere Patienten unter 60 Jahren, die würden wir eher offen operieren, weil wir wissen, dass die Langzeitergebnisse sehr, sehr gut sind. Wenn wir Patienten haben, die schwer krank und schon betagt sind, dann würden wir sagen, da kommt eigentlich eine offene Operation nicht mehr in Frage."

Prof. Dr. med. Alexander Hyhlik-Dürr, Direktor Gefäßchirurgie und endovaskuläre Chirurgie, Universität Augsburg

Operieren oder nicht? Eine persönliche Entscheidung

Ob ein Aneurysma operiert wird oder nicht, ist eine Abwägung, die zunächst anhand der Statistik getroffen wird. Wenn das Risiko, durch ein rupturiertes Aneurysma zu sterben, statistisch größer wird als das Risiko, bei einem operativen Eingriff zu sterben, lohnt sich die Operation – statistisch gesehen.

Doch ob oder wann im individuellen Fall tatsächlich ein Platzen droht, lässt sich nicht genau vorhersagen. Prof. Hyhlik-Dürr forscht gerade intensiv an verschiedenen Methoden, wie man dieses Risiko im individuellen Fall näher eingrenzen kann. Sicher ist, durch bestimmte Lebensstil-Faktoren kann man sich schützen, bzw. den Verlauf der Erkrankung positiv beeinflussen: nicht Rauchen, Blutdruck senken, gesunde „mediterrane“ Kost – alles, was die Gefäße schützt und elastisch hält.


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