BR Fernsehen - Gesundheit!


4

Arzt-Patienten-Kommunikation Schaden durch falsche Kommunikation

Die Kommunikation zwischen Arzt und Patient hat einen großen Einfluss auf die Gesundheit und kann die Heilung von Krankheiten beschleunigen. Dies haben neue Studien gezeigt. Falsche Kommunikation hingegen kann gefährlich werden.

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 13.11.2017

Früher sind Karl-Heinz Schlee und seine Frau Brigitte viel gereist, heute kämpft sie um jeden kleinen Schritt. Karl Heinz Schlee ist überzeugt: Wenn die Ärzte vor zehn Jahren richtig zugehört hätten, wäre heute vieles anders.

"Man wird nicht angehört, das ist die Feststellung. Und man macht sich als Arzt wohl ein Bild, und hat schon eine Diagnose im Kopf, und danach wird dann auch gehandelt."

Karl-Heinz Schlee, 1. Vorsitzender Selbsthilfegemeinschaft Medizingeschädigter -Patient im Mittelpunkt- e. V.

Martina Frühwalds Sohn kam zwölf Wochen zu früh auf die Welt. Monatelang fürchtete sie um sein Leben. Als er 18 Monate alt war, glaubte sie, das Schlimmste überstanden zu haben. Bis zu diesem einen Kontrolltermin beim Facharzt. 

"Als der Termin schon fast zu Ende war, sagte die Entwicklungsneurologin so ganz im Vorbeigehen: Haben Sie eigentlich schon den Antrag auf Pflegegeld und Behindertenausweis gestellt? Das war des erste Mal in den 18 Monaten, dass ich gedacht habe, unter mir tut sich ein schwarzes Loch auf."

Martina Frühwald, Bundesverband „Das frühgeborene Kind“ e. V.

Zwei Beispiele für katastrophal misslungene Kommunikation von Ärzten und Patienten. Und das sind keine Einzelfälle: Mangelhafte Arzt-Patienten-Kommunikation richtet jedes Jahr so viel Schaden an, dass Patientenvertreter jetzt Alarm schlagen.

"Die Zahl - zum Beispiel von der Weltgesundheitsorganisation – ist definitiv zu hoch: 30 bis 80 Prozent der Behandlungsfehler sind auf Kommunikationsdefizite oder -fehler zurückzuführen. Wir halten die Patientensicherheit natürlich hoch und sagen, das darf nicht passieren. Deshalb fordern wir, dass die Kommunikation, die sprechende Medizin, einen viel höheren Stellenwert bekommt als sie heute hat."

Carola Sraier, Bundesarbeitsgemeinschaft der PatientInnenstellen (BAGP)

„Das darf nicht passieren“

Zehn Jahre ist es her, da brachte Karl-Heinz Schlee seine Frau in die Notaufnahme eines kleinen Krankenhauses. Verdacht auf Schlaganfall. Symptome wie Sprachstörungen und Lähmungen. Aber statt eines konzentrierten Gesprächs erlebte er: Zeitdruck und unglaubliche Missverständnisse.

"Meine Frau hat verwaschen gesprochen, etwas undeutlich. Der Arzt hat dann wohl zu meiner Frau gesagt: Sie sind Amerikanerin! Sie hat das aber abgestritten."

Karl-Heinz Schlee, 1. Vorsitzender Selbsthilfegemeinschaft Medizingeschädigter -Patient im Mittelpunkt- e. V.

Am Ende tippen die Ärzte auf eine „somatoforme“, das heißt eine psychische Ursache der Symptome. Brigitte Schlee ist verzweifelt.

"Schlagen sie sich den Schlaganfall aus dem Kopf. Sie haben nichts. Sie hat sich wirklich als Hypochonder angesprochen gefühlt."

Karl-Heinz Schlee, 1. Vorsitzender Selbsthilfegemeinschaft Medizingeschädigter -Patient im Mittelpunkt- e. V.

Später bekommt Brigitte Schlee hintereinander sieben Schlaganfälle. Dass ihr Leiden von Anfang an nicht rein psychisch war, ist also sehr wahrscheinlich.

Klare Sprache statt „Ärztelatein“ verhindert Missverständnisse

Der Neurologe Roman Haberl wird oft bei umstrittenen Fällen um Rat gefragt. Er weiß, wie kompliziert Fälle wie der von Brigitte Schlee sein können. Seine Analyse: Eine klare, einfache und auch für Patienten verständliche Sprache könnte viele Fehler vermeiden helfen. 

"Das Gespräch zwischen Arzt und Patient ist der entscheidende Anteil an unserer Arbeit und ich fürchte auch an uns selbst. Wenn man etwas für sich zurechtgelegt hat, kann man das üblicherweise auch dem Patienten in einfachen Worten erklären. Wenn man das nicht für sich zurechtgelegt hat, ist es manchmal ganz schwierig."

Prof. Dr. med. Roman Haberl, Klinik für Neurologie und Neurologische Intensivmedizin, Klinikum Harlaching

Es klingt einfach, das in der Praxis umzusetzen. Im Moment ist der Erfolg aber noch abhängig vom persönlichen Engagement von Ärzten wie Prof. Haberl.

Bitte zuhören! Patienten auf der Suche nach Empathie

Dabei wünschen sich Patienten von ihren Ärzten nichts mehr als eine bessere Kommunikation. Das war auch das verblüffende Ergebnis einer Umfrage von Fachjournalisten des ZEIT-Magazins „ZEIT-Doctor“.

"Generationen von Medizinern haben einfach gar nicht gelernt, dass Kommunikation so bedeutsam ist. Denn das Studium ist ja sehr naturwissenschaftlich. Dass das Gespräch auch schon ein therapeutischer Akt ist, und dass man da großen Einfluss nehmen kann, das ist im Bewusstsein vieler Mediziner grade aus älteren Generationen noch nicht so verankert."

Claudia Wüstenhagen, Redaktionsleiterin ZEIT-Doctor, DIE ZEIT

Martina Frühwald hat viel Ermutigung von Ärzten erlebt, aber sie erinnert sich auch an viele frustrierende und demotivierende Erlebnisse. „Ihr Sohn wird wahrscheinlich nicht laufen können - und wenn, dann nur mit Gehhilfen.“ Das hatte eine Ärztin Martina Frühwald vor zwölf Jahren gesagt. Welchen Einfluss ihre Worte haben, hatte sie sich wahrscheinlich nicht bewusst gemacht.

"Ich hätte ja dann auch den Schluss ziehen können: Den setz ich jetzt in die Ecke, ich fördere ihn nicht, wieso soll ich eigentlich ein- bis zweimal die Woche zur Krankengymnastik fahren, wenn er sowieso nicht laufen wird?"

Martina Frühwald, Bundesverband „Das frühgeborene Kind“ e. V.

„Sie können es schaffen“ – warum die Ärztin sich nicht so ausgedrückt hat? Eine Ermutigung oder Motivation hätte Martina Frühwald in der damaligen Situation viel mehr geholfen. Zum Glück hatte sie auch andere Erlebnisse mit Ärzten. Ihr Sohn Leopold kann mittlerweile laufen – und zwar ohne Gehhilfen.

Keine Einbildung: Placebo-Effekte der ärztlichen Kommunikation

Wie stark der positive Einfluss der ärztlichen Kommunikation sein kann, erforscht Karin Meissner von der LMU München. Reden zeigt Wirkung, messbar und nachweisbar.

"Es gibt schöne Studien dazu, bei Patienten mit Reizdarmsyndrom zum Beispiel. Sie haben Beschwerden, Schmerzen, und alleine das Behandlungsritual erzeugt schon eine Besserung - im Sinne eines Placebo-Effekts. Aber wenn die Ärzte noch mal extra emphatisch waren und sich wirklich intensiv mit dem Patienten beschäftigt haben, war die Besserung noch deutlich stärker!"

Prof. Dr. med. Karin Meißner, Institut für Medizinische Psychologie, LMU München

Placebo-Effekt - das heißt, dass Medikamente und Therapien ganz unterschiedlich wirken, je nachdem, was der Patient von ihnen erwartet. Wie stark der Placebo-Effekt ist, hängt stark von der Arzt-Patienten-Kommunikation ab.

"Kein Patient, der einen Placebo-Effekt hat, muss Angst haben, dass das eine eingebildete Besserung ist. Da passiert wirklich etwas. Neurotransmitter werden ausgeschüttet, das hat eine neurobiologische Grundlage. Und genau das hat das Interesse am Placebo-Effekt auch so stark steigen lassen. Er ist keine Einbildung, sondern ein echter Effekt, ein körperlicher Effekt, der in unserem Gehirn angestoßen wird durch eine optimale Arzt-Patient-Interaktion."

Prof. Dr. med. Karin Meißner, Institut für Medizinische Psychologie, LMU München

Diese optimale Arzt-Patienten-Kommunikation braucht aber zwei Voraussetzungen - das zeigt sich immer wieder: genügend Zeit und Vertrauen.

Dinge, die sich nicht nur Betroffene wie Martina Frühwald und ihr Sohn Leopold, oder Karl-Heinz Schlee und seine Frau, verzweifelt gewünscht hätten - aber nicht immer bekommen haben.


4