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Arzt-Patienten-Gespräch Wie die Arzt-Patienten-Kommunikation gelingen kann

Ärzte im Stress, Patienten, die ratlos zurückbleiben. Die Fünf-Minuten-Medizin ist für viele ein Ärgernis. Oft bleibt keine Zeit, nachzufragen oder gar zu überlegen. Viele Patienten sehen außerdem die eigene Lebenssituation nicht ausreichend berücksichtigt. Aber es geht auch anders. Gesundheit! stellt Konzepte für eine funktionierende Arzt-Patienten-Kommunikation vor.

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 11.11.2019

Was läuft bloß falsch in deutschen Sprechzimmern? Wie lässt sich die Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten verbessern? Wo genau liegen die Probleme?

Baustelle Arzt-Patienten-Kommunikation: Unklarheiten und Missverständnisse

Tobias Esch, Mediziner und Gesundheitsforscher, hat dazu eine klare Meinung: Nicht der Patient macht die Probleme, sondern die Tatsache, dass man einfach nicht richtig mit ihm redet. Die Folgen sind tatsächlich dramatisch.

"Untersuchungen aus den USA zeigen, dass etwa 50 Prozent der Patienten, in dem Moment, in dem sie mit einem Rezept in der Hand aus der Praxis kommen, nicht wirklich genau wissen, was eigentlich die Diagnose und der Grund für das Medikament ist. Sie wissen nicht, was für ein Medikament das eigentlich gerade ist, wofür oder wogegen es wirkt, und was zum Beispiel mögliche Nebenwirkungen sind. Der Stuhl ist noch warm, der Handschlag gerade geschehen, aber 50 Prozent der Patienten haben keine Ahnung, was eigentlich los ist."

Prof. Dr. med. Tobias Esch, Institut für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung, Universität Witten/Herdecke

„Open notes“ - Offene Kartei: Vorteile für Patienten und Ärzte

Viele Patienten wollen aber unbedingt wissen, was los ist. Damit sie etwas tun können.  In der Universitätsambulanz für Integrative Gesundheitsversorgung und Naturheilkunde der Universität Witten/Herdecke haben die Patienten über ein Computerportal Zugang zu ihrer eigenen Krankenakte, zu allen Unterlagen, Laborergebnissen und Notizen der Ärzte. Open Notes nennt sich das Projekt. Neben vielen praktischen Vorteilen hat sich gezeigt, dass diese Transparenz die Beziehung zwischen Arzt und Patient entscheidend verbessert.

"Es ist total wichtig, dass ich nicht das Gefühl habe, die reden da hinter verschlossenen Türen über mich, oder notieren sich etwas, von dem ich gar nichts weiß. Diese Transparenz hier stärkt das Gefühl, dass ich meinem Arzt und auch dem Team vertrauen kann."

Patientin der Universitätsambulanz Witten/Herdecke

Gezielt ansprechen, was man nicht verstanden hat, Missverständnisse korrigieren. All das ist möglich bei Open Notes. Die Erfahrungen mit dem Projekt in den USA zeigen, dass auch Ärzte von der neuen Offenheit und gut vorbereiteten Patienten profitieren.

"Wir haben begonnen mit zwanzigtausend Patienten. Inzwischen sind in den USA alleine schon 45 Millionen Patienten Nutzer von Open Notes. Es gab bis heute keinen, zumindest keinen bekannten Fall, dass Daten irgendwie fehlgeleitet wurden, dass Patienten aufgrund von Open notes die Ärzte verklagt haben."

Prof. Dr. med. Tobias Esch, Institut für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung, iversität Witten/Herdecke

Anstatt Patienten wegen Inkompetenz zu kritisieren, könnte man sie auch mit guten Informationen versorgen. Aber können die dann auch wirklich mitreden?

Kommunikation auf Augenhöhe: Der Arzt als Gesundheitscoach

Dieter Menke läuft eisern gemeinsam mit seiner Frau an fünf Tagen in der Woche bei fast jedem Wetter und das trotz seiner Hüft-OP. Der 78-jährige kommt derzeit komplett ohne Medikamente aus. Seinen Arzt braucht er trotzdem, oder gerade deshalb.  Hausarzt Joachim Lentzkow hatte Dieter Menke vor 20 Jahren zu Nordic Walking geraten, und er fragt immer wieder nach, wie es um Bewegung, Ernährung und Lebensstil steht.

"Das allgemeinmedizinische Stichwort ist geteilte Verantwortung. Das bedeutet, ich bin ja nicht sein Papa, sondern ich bin sein Arzt. Ich berate ihn, und ich bin beim Behandlungserfolg darauf angewiesen, dass er sich daran hält, was ich sage und mir auch ehrliche Rückmeldung gibt. Es kann ja sein, dass ich auf dem Holzweg bin."

Joachim Lentzkow, Allgemeinmediziner, Goldberg

Reden gehört für Lentzkow genauso zum Job wie der Rezeptblock. Natürlich erfordert das viel Gespür und Erfahrung. Aber Joachim Lentzkow trainiert das Reden mit den Patienten. Damit es nicht nur heißt „Sie sollten mal..!“ Sondern: „Was wäre für Sie jetzt wichtig?“

"Ich darf von den Patienten nichts fordern, was sie nicht bereit sind zu geben. Ich kann nur anstoßen, und wenn es so gut funktioniert wie bei Herrn Menke, umso besser. Wenn´s nicht funktioniert, muss ich mir etwas Neues einfallen lassen, aber die Ziele müssen realistisch gesetzt sein. Und da wären wir jetzt beim „motivierenden Interview“, dass ich sage: Ich habe Ziele, die ich setze, die ich kontrolliere und auch Zwischenziele, die ich würdige."

Joachim Lentzkow, Allgemeinmediziner, Goldberg

Motivational Interviewing: Unterstützt zu gesunden Zielen

„Motivational Interviewing“ nennt sich eine Technik der Gesprächsführung, die versucht, Menschen dabei zu helfen, ihre eigenen Ziele umzusetzen, wie zum Beispiel mehr Gesundheit durch mehr Bewegung. Den Patienten ein schlechtes Gewissen zu machen, das funktioniert dabei nicht besonders gut. Besser ist es herauszufinden, ob es für den Patienten gerade darum geht, eine Motivation aufzubauen, oder darum, bereits existierende Vorsätze umzusetzen. Dabei interpretiert der Arzt seine Rolle eher als „Coach“ denn als „Lehrer“. Die Technik wurde in der Suchtberatung entwickelt und kann gezielt trainiert und geübt werden.

Ärzte, die „reden lernen“ und die Anspruchshaltung ihrer Patienten in „Selbstheilungskräfte“ verwandeln? Das könnte ein Ausweg aus der Vertrauenskrise in vielen deutschen Sprechzimmern sein. Aber können auch Patienten etwas an ihrer Kommunikation verbessern?

Schnell an die wichtigsten Informationen kommen: So geht´s!

Ein Programm, das Tobias Esch derzeit weiterentwickelt, heißt: Ask me three - Stell mir drei Fragen, oder Drei Fragen zu Ihrer Gesundheit.

"Wenn, was wir persönlich nicht gut finden, die Patienten mit einem Gefühl zum Arzt gehen, dass sie gehetzt sind, dass sie in einem kleinen Slot irgendwie dringend ihre Bedürfnisse adressieren müssen -  so ist ja leider oft die reale Welt - dann ist es sinnvoll, sich diese drei Fragen aufzuschreiben und anschließend zu schauen, ob sie auch beantwortet wurden."

Prof. Dr. med. Tobias Esch, Institut für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung, Universität Witten/Herdecke

Ask me three - Drei Fragen

Drei Fragen, die helfen, notfalls auch in einer sehr kurzen Zeit an seine „Basisinformationen“ zu kommen, sind folgende:
1) Was ist mein wichtigstes Gesundheitsproblem?
2) Was kann ich dagegen tun?
3) Warum ist das wichtig?

Wenn Ärzte es schaffen, solche Fragen geduldig und verständlich zu erklären, könnte der „Problemfall“ des deutschen Patienten vielleicht doch noch eine Geschichte mit Happy End werden.

Links und weiterführende Informationen


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