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Antibiotika Sinnvoller Einsatz von Antibiotika

Antibiotika sind lebenswichtige Medikamente im Kampf gegen gefährliche Krankheiten. Aber die Wirkung lässt immer häufiger nach: Multirestente Erreger sind auf dem Vormarsch. Auch, weil Antibiotika immer noch zu oft, zu lange und zu unspezifisch eingesetzt werden. Experten fordern ein Umdenken in der Antibiotikatherapie.

Von: Julia Richter

Stand: 25.02.2019

Wie sieht ein „guter“, also sinnvoller Einsatz der Medikamente aus und welche Fehler werden immer noch gemacht? Der aktuelle Einsatz von Antibiotika führt nicht nur zu Resistenzbildung, sondern belastet auch den menschlichen Organismus und die Umwelt. Aber: Es gibt neue Regeln und die Forderung nach einem sorgsameren Umgang.

Auch immer mehr Kliniken und niedergelassene Ärzte erkennen das Problem. An der LMU gibt es deswegen extra eine Stabstelle: Den „Antibiotic Steward Ship“ – kurz ABS. Experten beraten hier Ärzte im Umgang mit Antibiotika. Konkrete Maßnahmen sollen für einen sinnvolleren Einsatz sorgen.

Weltweiter Gebrauch nimmt immer weiter zu

Laut einer neuen Studie ist der weltweite Verbrauch von Antibiotika in 15 Jahren um 65 Prozent gestiegen. Das Fatale: Laut Schätzungen der Krankenkassen ist hierzulande jede dritte Verschreibung von Antibiotika überflüssig. Antibiotika werden also immer noch zu oft, zu lange und zu unspezifisch verschrieben. Immer mehr Experten schlagen deshalb Alarm:

"Derzeit haben wir schon eine beängstigende Situation: Weltweit und auch in Deutschland nehmen bakterielle Resistenzen zu. Und es werden kaum neue Antibiotika zugelassen. Hier kommt unser Team ins Spiel. Wir sorgen hier im Klinikum dafür, dass seltener Antibiotika gegeben werden, dass sie kürzer gegeben werden und dass auch eine maßgeschneiderte Therapie stattfindet."

Prof. Dr. med. Rika Draenert, Infektiologin, Klinikum der Universität München

Auch der HNO-Arzt Dr. Jund ist ein ABS-Experte, der dem sorglosen Antibiotika-Einsatz sehr kritisch gegenübersteht.

"Das große Problem entsteht bei den niedergelassenen Ärzten, die für 85 Prozent des Antibiotika-Verbrauches in Deutschland verantwortlich sind. Und wir verschreiben Antibiotika für banale obere Atemwegsinfektionen Husten, Schnupfen, Heiserkeit wo diese Substanzen in den meisten Fällen sinnlos sind. Das Problem ist, wir haben sie dann nicht mehr zur Verfügung bei komplexen Infektionen und es entstehen Resistenzen und Schäden für unsere Umwelt."

Dr. med. Rainer Jund, HNO-Arzt, Puchheim

Die meisten Antibiotika werden also von den niedergelassenen Ärzten verschrieben -  vor allem von den Hausärzten. Und obwohl in 9 von 10 Infekten der Atemwege ein Virus Schuld ist, werden auch hier massenweise Antibiotika verschrieben.

Wann sind Antibiotika überhaupt sinnvoll?

Auch Corinna Berger hat jahrelang immer wieder Antibiotika genommen. Schuld waren ihre Mandeln.

"Das fing im Kleinkindalter schon an, wo ich ganz oft Mandelentzündung hatte mit wahnsinnigen Schluckbeschwerden und Fieber. Bis heute bin ich eigentlich immer wieder deswegen beim Arzt gewesen. Das lief früher so ab: Einmal in den Hals schauen, dann direkt ein Antibiotikum, gleich für eine Woche."

Corinna Berger, Patientin

Bis zu fünf Mal im Jahr nimmt sie Antibiotika. Das ändert sich erst, als sie zu Dr. Jund kommt. Der HNO-Arzt verschreibt Antibiotika nicht einfach „zur Sicherheit“ oder „auf Verdacht“, sondern nur, wenn es absolut nötig ist.

Das wichtigste Werkzeug ist für ihn die Kommunikation: Das fängt bei der Diagnose an. Er nimmt sich Zeit, stellt Fragen und schaut den Patienten nicht nur in den Hals.

"Es muss im Einzelfall unterschieden werden, ob eine bakterielle oder eine virale Infektion vorliegt. Alleine das Vorliegen von Eiterstibchen auf den Mandeln oder eine gerötete Halsschleimhaut oder die Farbe des Sekretes sind nicht beweisend für das Vorliegen eines bakteriellen Infektes, auch wenn Patienten das immer wieder glauben. All das kann auch für eine virale Infektion sprechen."

Dr. med. Rainer Jund, HNO-Arzt, Puchheim

Ist das der Fall, hilft kein Antibiotikum. Corinna Berger nimmt dann zur Linderung mehrmals täglich ein entzündungshemmendes Schmerzmittel, trinkt viel und kuriert sich aus. Außerdem lutscht sie schmerzlindernde Pastillen und macht sich Halswickel.

Besteht aber tatsächlich der Verdacht auf einen bakteriellen Infekt mit Fieber, starken Schmerzen, sehr schlechtem Allgemeinzustand und vor allem einseitigen Beschwerden, dann macht Dr. Jund einen Abstrich. Auch ein Streptokokken-Schnelltest kann sinnvoll sein. Allerdings weisen Experten darauf hin, dass viele Menschen natürlicherweise mit Streptokokken besiedelt sind. Allein das Vorliegen dieser Keime rechtfertigt also noch keine Antibiotikatherapie.

Ein wichtiges Indiz: Der Entzündungsparameter CRP. Das c-reaktive Protein wird nur bei bakteriellen Infektionen gebildet und kann dann entsprechend erhöht sein. Ein Schnelltest mit einem Blutstropfen kann innerhalb weniger Minuten Aufschluss über eine bakterielle Infektion geben. Ob tatsächlich ein bakterieller Infekt vorliegt, kann also nicht auf die Schnelle erkannt werden. Eine gründliche Diagnostik und viel Erfahrung sind notwendig.

Maßgeschneiderte Therapie

Dank eines Abstrichs - der keine Selbstverständlichkeit ist - bekommt der Patient ein passgenaues Mittel. Das Antibiotikum wirkt dann zielgerichtet gegen den Erreger, ähnlich wie beim Schlüssel-Schloss-Prinzip. Das klingt banal, ist es aber nicht, denn immer noch werden viel zu viele Breitbandantibiotika eingesetzt.

Experten warnen davor, angebrochene Antibiotika einfach später bei einem anderen Infekt wieder zu nehmen oder sie jemand anderem zu geben, der einen ähnlich aussehenden Infekt hat. Ein Antibiotikum gehört auch nicht in eine Hausapotheke, wo es bei Bedarf ohne Arztbesuch einfach genommen wird. Jede Antibiotika-Behandlung erfordert medizinische Untersuchung und eine sorgfältige Abwägung.

Neue Regeln für die Dauer der Einnahme

Früher hieß es: Das Antibiotikum sollte so lange wie möglich genommen werden. Heute lautet die Empfehlung: So lange wie nötig – so kurz wie möglich. Studien zeigen, dass bei bestimmten Infektionen eine kürzere Einnahmezeit genauso wirksam ist wie eine längere. Eine einfache Faustregel lässt sich daraus aber nicht ableiten. Wie lange das Antibiotikum genommen werden muss, hängt von vielen Faktoren ab –zum Beispiel vom Erregertyp oder vom Verlauf der Krankheit. All das muss der Arzt entscheiden.

Fest steht aber, es gibt einen Paradigmenwechsel – das oberste Ziel lautet: Es sollte immer nur so viel Antibiotika genommen werden wie unbedingt nötig ist. Konkret heißt das im Fall Corinna Berger: Anstatt das Antibiotikum zehn Tage lang einzunehmen, wie früher, nimmt sie es heute sechs oder sieben Tage lang ein. Was Patienten hingegen nicht machen sollten, ist die Tabletten eigenmächtig abzusetzen, sobald sie sich besser fühlen.

Eine weitere wichtige ABS-Maßnahme: Die sogenannte „verspätete „Rezeptierung“: Damit lässt sich der Antibiotika-Verbrauch effektiv und einfach senken.  

"Studien haben gezeigt, wenn Sie Patienten ein Rezept mit einem Antibiotikum in der Praxis geben, nehmen es 98 Prozent der Menschen ein. Wenn sie ihnen ein Rezept mitgeben und genau aufklären, wann sie es einlösen sollen, bei Vorliegen von Fieber, bei stärkeren Schmerzen bei einer Verschlechterung des Allgemeinzustands, dann lösen es nur knapp 30 Prozent der Patienten ein. Ich muss also meine Patienten aufklären und gebe Ihnen ein Rezept mit, das sie nur dann einlösen, wenn sich der Zustand verschlechtert."

Dr. med. Rainer Jund, HNO-Arzt, Puchheim

Achtung: Penicillin-Allergie

Manchmal machen Patienten selbst Fehler im Umgang mit Antibiotika: Mathias Traphagen musste vor kurzem Antibiotika nehmen und hat die Medikamente einfach abgesetzt:

"Ich hatte Ausschlag bekommen und Durchfall. Und das wurde dann einfach zu schlimm und ich habe gemerkt, dass meine Beschwerden ein bisschen besser geworden sind und dachte mir, dann setze ich es lieber ab."

Mathias Traphagen, Patient

Seitdem steht für den 52-Jährigen fest, dass er eine Penicillin-Allergie hat. Genau das behaupten viele Menschen – die wenigsten allerdings haben wirklich eine:

"Die gefürchtete Penicillin-Allergie gibt es tatsächlich, aber sie ist ein extrem seltenes Ereignis. Die meisten Patienten reagieren mit einem Hautauschlage oder mit Darmbeschwerden wie sie normal sind für ein Antibiotikum, weil es ja auch im Darm seine Wirkung entfaltet. Das Schlechte daran ist, dass wir die guten Penicilline nicht mehr benutzen und stattdessen Breitspektrum-Antibiotika verwenden, die verheerende Wirkung auf die Resistenzentwicklung haben."

Dr. med. Rainer Jund, HNO-Arzt, Puchheim

Im Zweifel sollten Patienten das abklären, zum Beispiel bei einem Allergologen, denn wenn sie in einem Krankenhaus oder bei einem Arzt behaupten, sie hätten eine Penicillin-Allergie, darf ihnen der Arzt keins mehr verschreiben.

Nebenwirkungen von Antibiotika

Neben den bekannten Nebenwirkungen wie Hautausschlag oder Durchfall haben Antibiotika einen starken Einfluss auf unser Mikrobiom. Das Mikrobiom bezeichnet, vereinfacht gesagt, alle Mikroorganismen, die den Menschen besiedeln. Studien zeigen, dass das Mikrobiom vor allem im Darm Monate bis Jahre brauchen kann, um sich vollständig zu erholen. Besonders Breitbandantibiotika, die auch viele nützliche Bakterien zerstören, haben negative Auswirkungen. Neueste Studien konnten sogar zeigen, dass einige gute - empfindliche - Bakterienarten dauerhaft verschwunden bleiben.

Gerät das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht, drohen wiederum Infektionen und andere Erkrankungen. Die genauen Wechselwirkungen sind derzeit noch nicht erforscht. Fest steht: Antibiotika kann nicht nur zu Resistenzen führen, es beeinflusst immer auch den gesamten Organismus und hat negative Auswirkungen auf die Umwelt. Auch deswegen ist Corinna Berger froh über jede Antibiotika-Gabe, die sie sich spart.

"Bei fünf Mal Mandelentzündung im Jahr habe ich mir wirklich einige Antibiotika eingespart. Ich nehme vielleicht noch ein bis maximal zwei Mal ein Antibiotikum und das fühlt sich sehr gut an. Ich bin froh um jedes Mal, wenn es ich ohne schaffe und man schafft es tatsächlich ohne, das hätte ich früher nie geglaubt."

Corinna Berger

ABS-Maßnahmen in der Klinik

Das ABS-Team in Großhadern, bestehend aus einer Infektiologin, einer Mikrobiologin und einer Apothekerin, berät regelmäßig Kollegen auf allen Stationen im Umgang mit Antibiotika. Auch hier geht es um eine maßgeschneiderte und optimierte Therapie - oder einfach darum, überhaupt noch ein passendes Antibiotikum zu finden.

So ist es zum Beispiel bei Mahir Eydogan: Er lebt seit seiner Geburt im Rollstuhl und ist seit ein paar Jahren nierentransplantiert. Vor ein paar Tagen wurde er mit einem multiresistenten Erreger in der Blase in die Klinik eingeliefert. Für ihn war die Diagnose ein Schock:

"Als ich das gehört habe, war ich natürlich sehr besorgt. Wenn ich sozusagen dauerhaft Antibiose bekomme, und immer wieder Infekte habe, ist irgendwann schlimmstenfalls die Niere weg. Dann muss ich an die Dialyse und darauf habe ich ehrlich gesagt gar keine Lust: In jungen Jahren schon an die Dialyse zu gehen. Und jetzt versuche ich so gut wie möglich, die Niere zu schützen."

Mahir Eydogan, Patient

In seinem Fall hilft nur noch ein einziges Medikament: Ein sogenanntes Reserveantibiotikum. Der Gebrauch wird streng überwacht. Auch andere Patienten profitieren von „Antibiotika-Experten“.

"In Studien wurde gezeigt, dass durch diese Maßnahmen der Gesamtantibiotika-Verbrauch gesenkt wird und das auch weniger Breitspektrum-Antibiotika eingesetzt werden. Studien konnten auch zeigen, dass durch die Maßnahmen bei schweren Infektionen, zum Beispiel Blutstrominfektionen, die Sterblichkeit um bis zur Hälfte reduziert werden kann."

Prof. Dr. med. Rika Draenert, Infektiologin, Klinikum der Universität München


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