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Alzheimer, Demenz Was hilft wirklich gegen das Vergessen?

Morbus Alzheimer ist die häufigste Ursache für eine Demenzerkrankung. Forscher haben bisher nur Vermutungen, warum es zu dem stetigen Absterben der Nervenzellen im Gehirn kommt. Geheilt werden können Betroffene nicht. Das Ziel einer Therapie ist es, die Lebensqualität zu steigern und die Unabhängigkeit so lange wie möglich zu erhalten. Wie ist der Alltag für Patienten und Angehörige?

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 08.07.2019

Alzheimer ist eine Diagnose, die nach wie vor große Ängste weckt. Für viele Betroffene und Angehörige bringt sie unvorstellbare Strapazen und viel Leid. Umso schlimmer, dass Hoffnungen auf medizinische Hilfe immer wieder enttäuscht werden. Wirkstoffe, die im Labor Alzheimer-Plaques zum Verschwinden brachten, erwiesen sich in klinischen Studien an realen Patienten jetzt als wirkungslos. Prof. Christian Haass, der seit Jahrzehnten an der Enträtselung der Krankheit forscht, erklärt das so.

"Wir wissen in der Zwischenzeit, dass die Krankheit extrem früh angelegt wird, teilweise 20 bis 30 Jahre, bevor der Arzt überhaupt irgendwelche Symptome sieht. Und wenn Patienten in klinische Studien eingeschleust werden, dann werden sie deswegen eingeschleust, weil sie eine Demenz haben. Das heißt, diese Patienten kommen bereits in die Studie mit einem zerstörten Gehirn. Und ein zerstörtes Gehirn kann man nicht mehr reparieren."

Prof. Dr. Dr. h.c. Christian Haass, Lehrstuhl für Stoffwechselbiochemie, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Alzheimer stoppen?

Fieberhaft arbeiten die Forscher jetzt daran, Alzheimer-Patienten möglichst früh zu identifizieren und zu behandeln. Dabei stehen sie vor großen Herausforderungen: Welche Nebenwirkungen werden solche Medikamente haben? Welche Rolle spielt das Immunsystem im Gehirn dabei? Wie kann man Risikopatienten sicher identifizieren?

Alzheimer-Patient mit Frau

Doch für Patienten, die jetzt an der Krankheit leiden, steht aktuell die Frage im Vordergrund, wie man die Krankheit – wenn nicht heilen – so doch zumindest stoppen kann. Warum konnten die getesteten Wirkstoffe dabei nichts ausrichten?

"Das ist eigentlich das, was wir uns alle erhofft hatten, dass irgendwann ein Patient in die Klinik kommt, mit einem milden Alzheimer, und man stabilisiert ihn auf dem Stadium. Damit wäre ein großes Problem selbstverständlich schon gelöst. Was wir in der Zwischenzeit allerdings wissen ist, dass die Krankheit ausgelöst wird durch die Ablagerung sogenannter Amyloide. Die bewirken andere Pathologien, zum Beispiel Ablagerungen in den Nervenzellen. Wenn diese Ablagerungen einmal da sind, können sie sich autonom vermehren, ohne dass sie dieses Amyloid überhaupt noch brauchen. Das heißt, wenn man dann in die Krankheit reingeht und gegen Amyloide behandelt, hilft das nichts mehr, weil der nächste Schritt bereits initiiert ist, und der sich selbst vermehrt."

Prof. Dr. Dr. h.c. Christian Haass, Lehrstuhl für Stoffwechselbiochemie, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Alzheimer: Neue Wirkstoffe werden entwickelt und getestet.

Auf der Grundlage dieser neuen Erkenntnisse – und auch neuer Erkenntnisse zur Rolle des Immunsystems beim Ausbruch der Krankheit – werden derzeit neue Wirkstoffe entwickelt und getestet. Wie lange es dauern wird, bis ein erfolgreiches Medikament auf den Markt kommt, dazu lassen sich keine seriösen Vorhersagen machen.

Medikamente oder nicht-medikamentöse Therapien: Was wirkt besser?

Die Medikamente, die aktuell auf dem Markt sind, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen, haben nur eine begrenzte Wirksamkeit.

"Die Medikamente, die auf dem Markt sind, lindern die Symptomatik ein bisschen. Es sind aber keine Medikamente, die den Fortschritt oder den Ausbruch der Krankheit verhindern. Diese Medikamente müssen verschrieben werden, da sie zumindest kurzfristig einen Effekt zeigen. Vielen Patienten geht es zumindest kurzfristig deutlich besser. Aber wie gesagt, aufhalten können diese Medikamente die Erkrankung nicht."

Prof. Dr. Dr. h.c. Christian Haass, Lehrstuhl für Stoffwechselbiochemie, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Anlass zur Hoffnung:  Nicht-medikamentöse Therapien

Alzheimer: Programm "MAKS"

Prof. Gräßel von der Universität Erlangen hat sich damit beschäftigt, wie kognitive Anregungen, oder Therapien ohne Medikamente, sich auf den Verlauf der Erkrankung auswirken. Dafür hat er ein Programm entwickelt: „MAKS“ ist eine Art Fördertraining für Menschen mit leichter und mittelschwerer Demenz.

"Wir haben gesehen, dass wir ein ganzes Jahr lang, im Durchschnitt, also bei allen, die an dem Programm teilgenommen haben, ein Aufhalten der Verschlechterung bewirken konnten. Das heißt die Erkrankung ist für ein Jahr lang zum Stillstand gekommen, was die Symptome anbelangt. Das konnte bislang noch keine andere Therapie aufzeigen."

Prof. Dr. med. Elmar Gräßel, Zentrum für Medizinische Versorgungsforschung, Universitätsklinikum Erlangen

Die Ergebnisse zeigen, dass auch ein Alzheimer-geschädigtes Gehirn unausgeschöpftes Potential hat. Es kann lernen und es kann physiologische Schäden bis zu einem gewissen Grad kompensieren. Das ist möglicherweise auch eine Erklärung dafür, dass sich die Erkrankung so lange „im Verborgenen“, also ohne Symptome, entwickeln kann.

"Das Gehirn schafft es, diese Schädigungen regelrecht zu umschiffen und neue Verbindungen zu bilden im Gehirn. Die sorgen dafür, dass die neuen Netzwerke ausgleichend wirken auf den eigentlichen Verlust, der vorhanden ist. Man sieht das ganz oft, zum Beispiel bei Unfällen, wenn Gehirngewebe geschädigt wurde. Da liegen am Anfang Schädigungen vor, die man deutlich merkt, und auf Dauer kompensiert das Gehirn das."

Prof. Dr. Dr. h.c. Christian Haass, Lehrstuhl für Stoffwechselbiochemie, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Angstfreies Lernen: Wichtig für Demenz-Patienten

Alzheimer: Lernen in der Gruppe, hilft.

Doch die Voraussetzungen für ein möglichst erfolgreiches Kompensieren der physiologischen Schäden müssen gerade bei Demenzkranken stimmen. Die Ängste, Schamgefühle und Rückzugs-und Vermeidungstendenzen, die gerade das Anfangsstadium der Erkrankung kennzeichnen, müssen überwunden werden. Besonders gut funktioniert das in der Gruppe.

Von solchen nicht-medikamentösen Therapien profitieren die Patienten dann nicht nur durch einen langsameren Verlauf, sondern auch durch eine Verbesserung der Lebensqualität.

"Diese nicht-pharmakologischen Therapien haben die Möglichkeit, auch die sogenannten nicht-kognitiven Symptome gut zu senken - Unruhe, Umherwandern, vielleicht auch Schlafstörungen, bis hin zu Aggressivität."

Prof. Dr. med. Elmar Gräßel, Zentrum für Medizinische Versorgungsforschung, Universitätsklinikum Erlangen

Doch auch wenn solche nicht-medikamentösen Therapien helfen, das Potential des Gehirns zur Kompensation physiologischer Schäden optimal auszunutzen – heilen, oder den Krankheitsverlauf auf lange Sicht stoppen, können sie nicht.

Prävention - sinnvolle Maßnahmen möglich?

Genetische Faktoren spielen bei der Alzheimer-Erkrankung eine große Rolle. Doch ebenfalls eine große Rolle spielen – statistisch gesehen - andere Faktoren, die mit dem Lebensstil zusammenhängen.

"Was ganz wichtig ist, und das sagen alle Ärzte, man muss diese üblichen Risiken, wie etwa Fettleibigkeit oder hohen Blutdruck, reduzieren. Das hilft schon gewaltig. Und was mit Sicherheit sehr hilft, wenn Menschen aktiv bleiben, sich körperlich betätigen, aber auch geistig betätigen. Damit kann man sicherlich den Ausbruch der Erkrankung nicht verhindern, aber man kann zumindest das Fortlaufen der Krankheit stark verlangsamen. Darauf gibt es deutliche Hinweise, dass solche Dinge eine sehr große Rolle spielen."

Prof. Dr. Dr. h.c. Christian Haass, Lehrstuhl für Stoffwechselbiochemie, Ludwig-Maximilians-Universität, München


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