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Gefährlich oder harmlos? Wie schädlich ist Aluminium?

Aluminium kommt in vielen industriellen Verfahren zum Einsatz: Vom Fahrzeugbau bis hin zur Wasseraufbereitung nutzt man seine Vorteile. Doch auch der Endverbraucher kommt häufig in Kontakt mit Alu, das in Lebensmitteln, Verpackungsmaterial und Kosmetika, z.B. in bestimmten Deos, enthalten sein kann. Immer wieder sorgt das Leichtmetall für Kontroversen, denn um seine Wirkung auf die Gesundheit ranken sich viele Gerüchte, während die allgemein bekannte Faktenlage eher dünn ist. Wann und wo ist der Kontakt mit Aluminium im Alltag tatsächlich schädlich und wie können wir uns davor schützen?

Von: Anna-Louise Bath

Stand: 08.02.2021

Aluminium im Körper

Aluminium ist das dritthäufigste Element in der Erdkruste. Es kommt natürlicherweise in der Umwelt vor und ist in vielen Nahrungsmitteln und auch im Trinkwasser enthalten. Jeder Mensch nimmt also täglich vor allem über Lebensmittel, aber auch in geringen Mengen über die Luft oder den Kontakt mit der Haut Aluminium zu sich. Deshalb befinden sich in seinem Körper stets durchschnittlich zwischen 50 und 150 mg Aluminium, was als natürlicher Bestandteil angesehen wird. Allerdings kann der menschliche Organismus gar kein Aluminium verwerten und scheidet es zum größten Teil unresorbiert wieder aus. Ein kleiner Prozentsatz jedoch gelangt ins Blut, wo es mit einer Halbwertszeit von acht Stunden durch die Nieren über den Urin wieder abgebaut ist. Für den Körper kein Problem, so lange eine bestimmte Aufnahmegrenze nicht überschritten wird und die Nierenfunktion nicht eingeschränkt ist – andernfalls kann es sich im Gehirn oder in den Knochen anreichern und dort eine toxische Wirkung entfalten.

Ab wann sind die Grenzwerte überschritten?

Bei einer abwechslungsreichen Ernährung beträgt die durchschnittliche Aufnahme allein über Lebensmittel rund 40 mg pro Woche. Damit schöpft eine 60 kg schwere Person die von der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA festgelegte, mit Sicherheit noch unbedenkliche Menge von wöchentlich 1 mg pro kg Körpergewicht, schon zu zwei Dritteln aus. Das Expertenkomitee JECFA der Weltgesundheitsorganisation WHO hingegen empfiehlt, nicht mehr als 2 mg wöchentlich pro kg Körpergewicht aufzunehmen. Hiermit kursieren also 2 verschiedene Grenzwerte:

"Beide haben ihre Berechtigung. Und welche man jetzt zugrunde legt, das ist je nach Expertenmeinung dann verschieden. Die Experten der EFSA sagen bis heute: Wir nehmen den Wert von 1 mg pro kg Körpergewicht und Woche, weil er noch ein bisschen niedriger ist und damit konservativer angesetzt und, aus der Sicht des Verbraucherschutzes geguckt, für sie der bessere Wert ist."

Thomas Tietz, Bundesinstitut für Risikobewertung

Dass sich beide Behörden uneins sind, liegt mitunter auch daran, dass zu möglichen Gesundheitsschäden durch Aluminium viele Faktoren beitragen müssen: Wird der Grenzbereich nicht dauerhaft und nur leicht überschritten, ist ein gesunder Körper noch nicht in Gefahr. Die droht erst bei einer langfristigen, deutlichen Überschreitung der Grenzwerte oder einer einmaligen, extremen Überdosis – Umstände, in die normalerweise nur Menschen mit Tätigkeiten wie Bergarbeiter oder Metallschweißer gelangen können.

Mögliche Gesundheitsschäden bei Überdosis

Als Folge von stark Alu-haltiger Luft am Arbeitsplatz allerdings diagnostizierte man eine schwerwiegende Erkrankung: die sogenannte „Staublunge“ (Pneumokoniose). Dabei kann das Lungengewebe vernarben, wodurch es in seiner Funktion eingeschränkt ist. Die „Staublunge“ zählt zu den am häufigsten anerkannten Berufskrankheiten.

Nehmen Schwangere zu hohe Dosen Aluminium zu sich, sind die ungeborenen Kinder ebenfalls einer erhöhten Alu-Konzentration und der Gefahr von Entwicklungsstörungen, beispielsweise bezüglich der Greifstärke, der Motorik oder des Gleichgewichtsinnes, ausgesetzt. Eine Alu-Vergiftung kann beim Menschen außerdem ursächlich für Schäden an Knochen, an Organen wie Leber und Niere, an den Nerven und dem Gehirn sein.

In den 1970er Jahren entwickelten Dialysepatienten demenzartige Symptome wie Sprach- und Bewegungsstörungen oder Gedächtnisverlust, bis man als Ursache dafür die damals sehr hohe Aluminiumkonzentration in der Dialyseflüssigkeit identifizierte. Infolgedessen befürchteten Wissenschaftler, dass Aluminium auch an der Entstehung der Alzheimer-Demenz beteiligt sein könnte. Heute weiß man, dass es hierfür keinen belastbaren Hinweis gibt.

Aluminium in Deos und Kosmetika

Auch die Vermutung, dass in Deodorants enthaltenes Aluminium könnte eine Ursache für die Entstehung von Brustkrebs sein, ist wissenschaftlich nicht belegbar. Allein die Nähe der Achselhöhle zur Brust führte zu einem der am hartnäckigsten kursierenden Gerüchte über das Leichtmetall, weshalb viele Deo-Hersteller inzwischen mit aluminiumfreien Produkten werben. Dabei bleibt Aluminium, das über die Haut in den Körper gelangt, nicht an lokaler Stelle, sondern verteilt sich über den Blutkreislauf im Körper.

Aluminiumhaltige Deos weniger belastend als angenommen

Aluminiumsalze wie Aluminiumchlorohydrat (ACH) sind ein wichtiger Wirkstoff von schweißhemmenden Deodorants (Antitranspirantien). Sie blockieren temporär die Schweißporen, so dass das Schwitzen unter den Achseln ausbleibt. Die neueste Stellungnahme des Bundesinstituts für Risikobewertung vom 20.07.2020 zu dem Thema gibt Entwarnung:  Die Aluminiumaufnahme aus Antitranspirantien sei unter Beachtung einer neuen Studie zur Aufnahme von Aluminium über die Haut wesentlich niedriger als bisher angenommen.

Eine Aufnahme von Aluminium über die Haut erfolgt in der Regel nur in sehr geringen Mengen. Deshalb können auch Kosmetika wie Lippenstifte, die aluhaltige Farbpigmente enthalten können oder Sonnencremes mit Alu-Nanopartikeln als Beschichtung, sowie schweißhemmende Deos-Sticks und -Roller, wenn in Maßen verwendet, als weitgehend unbedenklich gelten. Zahnpasten mit sogenanntem „Whitening-Effekt“ hingegen, die Aluminium-Verbindungen mit abrasiver Wirkung enthalten, tragen – wenn auch ebenfalls nur in geringer Menge – zur oralen Aufnahmemenge bei. 

Doch es gibt noch weitere Aufnahmewege in den menschlichen Körper: In den in der BfR-Stellungnahme zitierten Studien nicht ausreichend berücksichtigt, sei die Tatsache, dass die Alu-Aufnahme durch Spray-Deos im Gegensatz zu Roll-On-Deos nicht nur über die Haut erfolge, sondern auch über die Luft. Und das mache einen wesentlichen Unterschied, da Metalle über die menschliche Lunge viel besser und schneller ins Blut gelangen können als bei oraler Aufnahme oder über die Haut, so Professor Dr. med. Hans Drexler. Er leitet das Institut und die Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen und sieht hier Forschungsbedarf:

"Für die Wirkung ist entscheidend: Wie viel Aluminium habe ich im Körper? Das kann ich im Blut und im Urin messen. Aber der Aufnahmeweg entscheidet: Wie viel kommt in den Körper? Und da wird über den Magen-Darm-Trakt sehr wenig aufgenommen, während die Lunge da keinen so guten Schutz hat. Da werden Metalle über die Lunge in der Regel viel, viel besser aufgenommen."

Professor Dr. med. Hans Drexler, Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen

Auch eine weitere Fragestellung kann in der aktuellsten Stellungnahme des BfR noch nicht eindeutig beantwortet werden: Wie verändert sich die mögliche Aufnahmemenge über die Haut, wenn diese geschädigt ist, beispielsweise infolge der Achselrasur?

"Das kam aus dieser Studie, die da jetzt gemacht wurde, nicht heraus. Und deswegen raten wir dann eben natürlich dazu, auf geschädigter Haut jetzt vielleicht nicht unbedingt größere Mengen dann über einen längeren Zeitraum aufzutragen."

Thomas Tietz, Bundesinstitut für Risikobewertung

Aluminium-Aufnahme durch Impfungen

Darin sind sich beide Experten einig: Bei dem in Impfstoffen enthaltenen Aluminium steht eindeutig der gesundheitliche Nutzen im Vordergrund vor der Frage nach einer gleichzeitigen, möglichen Belastung für die Gesundheit. Eine Impfung trägt zwar zur Gesamtaufnahmemenge von Aluminium in den Körper bei, ist aber per se nicht schädlich:

"Es wurde beispielsweise postuliert, der Autismus bei Kindern könnte in Zusammenhang mit Impfen stehen. Die Dänen haben das vor Kurzem untersucht, die können da ja auf alle Daten zugreifen, und die finden überhaupt keinen Hinweis darauf. Da kann man schon mal Entwarnung geben. Impfungen sind wichtig, sind lebensrettend. Und ich glaube, die Aluminium-Belastung sollte hier nicht überbewertet werden."

Professor Dr. med. Hans Drexler, Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen

Tipps für den Haushalt:

Zurück zur Nahrung, über die man durchschnittlich den größten Teil Aluminium aufnimmt. Nicht nur, weil es natürlicherweise bereits darin enthalten ist: werden die Lebensmittel zusätzlich noch oft mit aluhaltigen Produkten wie Behältern und Verpackungen in Kontakt gebracht, kann sich ihr Aluminiumgehalt nämlich nochmal verdoppeln. Denn unter den folgenden Bedingungen können sich Aluminium-Ionen aus Lebensmittelkontaktmaterialien lösen und in die Speisen gelangen:

1. Einfluss von Säure, Lauge und Salz

Hierdurch verändern viele Verbindungen des Metalls ihre Löslichkeit. Saure oder salzhaltige Speisen sollten deshalb möglichst nicht mit Alufolie oder anderen aluhaltigen Materialien in Kontakt kommen. Zur Aufbewahrung empfehlen sich hier eher Plastikdosen und -behälter.

2. Herstellung

Viele Apfelsafthersteller verwendeten in der Produktion Aluminiumtanks, bis Forscher vor einer erhöhten Aluminiumkonzentration in den Produkten warnten. Heute achtet die Industrie hier weitgehend auf ausreichenden Schutz: Inzwischen werden auch Tetrapacks, Getränkedosen und Joghurtbecherdeckel in der Regel von innen beschichtet.
Auch viele Bäcker stellten ihre Produktion um, als sich herausstellte, dass auch Brezen bis zu 150 mg Aluminium enthalten können, wenn sie wie herkömmlich auf Alusieben und -blechen in Lauge getaucht und mit Salz bestreut werden, bevor sie gebacken werden. Hierbei kam noch ein weiterer Faktor ins Spiel:

3. Einfluss von Wärme

Unter dieser Bedingung kann Aluminium auch ohne Einwirkung von Salz und Säure aus dem Lebensmittelkontaktmaterial in die Speisen gelangen. Kommen jedoch beide Faktoren zusammen, ist die Gefahr besonders groß. Nichtsdestotrotz erwärmen viele Caterer von Krankenhäusern, Seniorendiensten und auch Kindertagesstätten nach wie vor in Alu-Menüschalen.

4. Backpapier verwenden

Zuhause sollte man die Speisen zum Garen lieber in Backpapier statt in Alu-Folie wickeln. Und anstelle von Alugrillschalen empfiehlt das BfR außerdem wiederverwendbare Grill-Schalen aus Edelstahl oder Keramik.


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