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Behandlung von Allergien Was wirklich gegen Allergien hilft

In unserer westlichen Welt werden die Allergien immer häufiger. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt sie sogar als eines der schwerwiegendsten Gesundheitsprobleme der Zukunft ein. Was hilft dagegen?

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 05.03.2018

Wenn es darum geht, wie unsere moderne Medizin Allergiker behandeln oder heilen kann, herrscht oft Unwissen. Tatsächlich werden schätzungsweise 90 Prozent der Allergiker in Deutschland nicht oder sogar falsch behandelt.

"Wir haben in Deutschland 40 Prozent Allergiker. Da ist es wichtig, diese 40 Prozent effektiv zu behandeln. Warum? Weil sie zum Beispiel während der Pollensaison starke Symptome haben und nicht hundert Prozent arbeiten können."

Prof. Dr. med. Claudia Traudl-Hoffmann, Lehrstuhl für Umweltmedizin TU München, Helmholtz-Zentrum München

Wirtschaftlich gesehen bedeutet das EU-weit einen Schaden von geschätzt 55 bis 150 Milliarden Euro pro Jahr - und für die Betroffenen viel unnötiges Leid.

Allergiker-Karriere: Wenn eine Allergie zur nächsten führt

Marlene G. hatte erst Neurodermitis, dann kam eine Pollenallergie dazu.

Warum die richtige Behandlung von Allergien so wichtig ist, zeigt auch der Fall von Marlene G. Die junge Frau ist drauf und dran, eine sogenannte typische Allergie-Karriere zu starten. Begonnen hat es mit einer Neurodermitis im Kleinkindalter. In der Pubertät flammte die Neurodermitis für kurze Zeit wieder auf, verschwand dann wieder. Doch vor sieben Jahren wurde die entzündliche Hauterkrankung zu ihrem ständigen Begleiter. Dazu kam im Frühjahr vor zwei Jahren eine Pollenallergie.

Für Prof. Traidl-Hoffmann ein typischer Fall, dass Neurodermitis zu weiteren Allergien führt.

"Neurodermitis ist eine der häufigsten Erkrankungen, die bei Kindern auftritt. Es ist eine Barrierestörung der Haut: Die Haut ist wie ein Sieb. Und durch dieses Sieb können Substanzen eindringen, die am Ende eine allergische Reaktion einleiten und auch auslösen."

Prof. Dr. med. Claudia Traidl-Hoffmann, Chefärztin Umweltambulanz, Klinikum Augsburg

Konsequente Behandlung der Neurodermitis als Schutz vor Allergien

Hautpflege ist wichtig bei Neurodermitis.

Die Entstehung neuer Allergien kann durch die konsequente Behandlung der Neurodermitis verhindert werden. Der erste Schritt bei Marlene G.: konsequenter Hautschutz. Das bedeutet: Hautpflege, auch in Phasen, in denen die Entzündung nicht offensichtlich ist. Wichtig ist auch das, was Prof. Traidl-Hoffmann ein „intelligentes Management“ von Kortison nennt.

"Kortison ist ein Medikament, das wir sehr gerne einsetzen. Häufig führt es bei Patienten aber zu Abwehrreaktionen, weil es nicht selten falsch eingesetzt wird. Aber Kortison in einem intelligenten Management hat ganz viel Sinn, und sehr viele Patienten bekomme ich mit einer guten lokalen Therapie auch symptomfrei."

Prof. Dr. med. Claudia Traudl-Hoffmann, Lehrstuhl für Umweltmedizin TU München, Helmholtz-Zentrum München

Allergen-Karenz für Pollenallergiker: Neue Wege

Bisher war der einzige, mühsame Weg für Allergiker die sogenannte Allergen-Karenz, also Allergen-Vermeidung. Nicht gerade einfach, wenn – wie bei der Pollenallergie – nur sehr ungenaue Daten über die Verbreitung zur Verfügung stehen.

Auf dem Dach des Zentrums für Umweltmedizin in Augsburg steht ein Gerät, das für das Leben von Pollenallergikern eine kleine Revolution bedeuten könnte: das vollautomatische Pollenzählgerat. Es bestimmt Art und Anzahl der Pollen in der Luft - genauer und öfter als herkömmliche Geräte.

"Wir versuchen wirklich stundengenaue Daten zu bringen. Ein Patient mit Pollenallergie sollte zum Beispiel nicht joggen gehen, wenn es draußen grade die höchsten Pollenkonzentrationen gibt. Weil er dann massive Symptome bekommt."

Prof. Dr. med. Claudia Traidl-Hoffmann, Umweltmedizin TU München, Helmholtz-Zentrum München

Auch das ist ein Ansatz in der Allergiker-Behandlung: zu erforschen, welche menschengemachten Veränderungen an der Umwelt - zum Beispiel Stickoxide - für den Anstieg von Allergien verantwortlich sein könnten. Doch hier einzugreifen, ist größtenteils noch Zukunftsmusik.

Hyposensibilisierung: Erfolgreich den „allergischen Prozess“ unterbrechen

Stephan K. ist Pollenallergiker und passionierter Radfahrer.

Für die meisten Patienten, wie Stephan K., geht es ums Hier und Jetzt. Der passionierte Fahrradfahrer will trotz seiner Gräser-Pollen-Allergie nicht auf Touren durch blühende Wiesen verzichten.

Zwar gibt es Medikamente gegen die allergischen Symptome, die haben aber auch Nebenwirkungen.

"Antihistaminika machen mich sehr müde, und das Problem, dass man nicht so fit ist, besteht dann auch am Tag. Jetzt habe ich gedacht, konzentriere ich mich auf die Ursache. So bin ich auf die Hyposensibilisierung gekommen. Vor drei Jahren habe ich damit angefangen."

Stephan K., Pollenallergiker

Die sogenannte Hyposensibilisierung ist derzeit die einzige Behandlung, mit der nicht nur die Symptome unterdrückt werden, sondern der allergische Prozess selbst unterbrochen wird. Nur so kann eine Verschlimmerung der Allergie verhindert werden - Mediziner bezeichnen dies als Etagenwechsel.

Etagenwechsel: Wenn die Allergie sich verschlimmert

Allergien verhalten sich, wissenschaftlich gesehen, oft unvorhersehbar. Sie „kommen und gehen“ – die Faktoren, die dafür verantwortlich sind, sind noch nicht erforscht. Oft aber kommt es bei Allergikern zu einer Verschlimmerung der ursprünglichen Allergie, dem sogenannten „Etagenwechsel“.

"Der Etagenwechsel des Allergikers bezeichnet, dass man erst eine Rhinitis, also einen Heuschnupfen hat. Dieser Heuschnupfen verschlimmert sich dann und endet in asthmatischen Beschwerden. Also das rutscht im Prinzip von der Nase in die Lunge, das ist der Etagenwechsel."

Prof. Dr. med. Claudia Traidl-Hoffmann, Umweltmedizin TU München, Helmholtz-Zentrum München

Bei der Hyposensibilisierung wird der Körper mit kleinsten Dosen langsam wieder an das Allergen gewöhnt. Gute Nachricht für Spritzen-Phobiker: Es gibt die Behandlung inzwischen auch schon in Tabletten- oder Tropfenform. Dauer: mindestens drei Jahre. Für Stephan K. gut investierte Zeit. Er ist selbst Arzt und weiß, welche Therapien sich lohnen.

Mehr Wissen bedeutet bessere Therapieerfolge

Patienten sollten sich gut informieren.

Für Laien ist das oft nicht einfach zu beurteilen. Prof. Traidl-Hoffmann setzt deshalb auf wissenschaftlich fundierte Patienteninformation. Wie zum Beispiel den Allergieinformationsdienst des Helmholtz-Zentrums, den sie als Expertin berät.

"Wir haben das wissenschaftlich bewiesen: Patienten, die wirklich gut informiert sind, haben weniger Symptome als Patienten, die nicht ausreichend informiert sind."

Prof. Dr. med. Claudia Traidl-Hoffmann, Umweltmedizin TU München, Helmholtz-Zentrum München

Auch Marlene G. denkt jetzt über eine Hyposensibilisierung wegen ihrer Pollenallergie nach. Das könnte auch ihre Haut weiter verbessern. Vielleicht ist ja irgendwann auch für sie der Frühling wieder nichts als bunte Farben und Vogelgezwitscher - ungetrübt von Juckreiz, Atemnot und Pollen.


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