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Aggressiver Pollenflug Allergien und Atemwegserkrankungen nehmen zu

Allergiker leiden besonders unter dem Klimawandel: Früher gab es im Winter stets ein paar Monate ohne Pollenflug. Mittlerweile ist das anders: Hasel und Erle blühen häufig schon im Januar und die eingeschleppte Ambrosia-Pflanze verlängert die Pollensaison bis in den November oder Dezember. Auch Atemwegserkrankungen wie Asthma bronchiale haben deutlich zugenommen.

Von: Florian Heinhold

Stand: 22.04.2022

Der Klimawandel nimmt immer dramatischere Formen an, die UN warnt, dass uns nur wenig Zeit bleibt, eine Katastrophe abzuwenden. Schon jetzt spüren wir in Bayern die Folgen für unsere Gesundheit. Die globale Erwärmung bereitet Wissenschaftlern vor allem in Bezug auf Allergien Sorgen. Am Zentrum für Allergie und Umwelt beobachten Forscherinnen und Forscher von TU München und Helmholtz Zentrum die Entwicklung des Pollenflugs genau. Wie genau beeinflusst der Klimawandel unsere Gesundheit und im Speziellen die Allergien?

"Was wir definitiv sagen können, ist, dass sich der Pollenflug ändern wird. Bei den Gräsern ist es zum Beispiel auch so, dass der Gehalt an Allergenen in den Gräsern zugenommen hat. Das heißt, wir müssen leider damit rechnen, dass noch mehr Patienten an Grasallergien erkranken. Der Pollen verändert sein Wesen. Gerade durch Stresssituationen der Pflanze, gerade durch Trockenheit, verändert sich der Allergengehalt."

Prof. Dr. rer. nat. Carsten Schmidt-Weber, Allergologe, Zentrum für Allergie und Umwelt, TU / Helmholtz Zentrum München   

Ganz vereinzelt hat er Klimawandel zumindest für Allergiker auch positive Nebeneffekte: Die Birke könnte in Nordbayern nahezu verschwinden. Insgesamt werden sich die Pollenflugzeiten dagegen verlängern.

Asthma, das sich verselbstständigt

"Das Verlängern ist allerdings auch eine üble Sache, das heißt, die sind dann durchgehend das ganze Jahr unterwegs und das denke ich ist ein großes Problem, weil diese permanente Auseinandersetzung des Immunsystems mit dem Allergen, kann dazu führen, dass sich die Allergie dann verselbständigt."

Prof. Dr. rer. nat. Carsten Schmidt-Weber, Allergologe, Zentrum für Allergie und Umwelt, TU / Helmholtz Zentrum München

Dominique Baron ist eine dieser Patientinnen, bei denen das allergische Asthma außer Kontrolle ist. Für Dominique ist jetzt wieder die schlimmste Zeit des Jahres: In keinem Monat fliegen so viele verschiedene Pollen wie aktuell herum.

"Man hat ganz viele Symptome, man ist kurzatmig oder man kann fast gar nicht mehr gut atmen, wenn man nur wenige Schritte macht, merkt man schon, dass man schlecht Luft bekommt, so wie jetzt sprechen geht dann nicht, ich musste immer wieder Pause machen, wieder atmen. Luftnot ist sehr beängstigend. Ich hatte Schmerzen beim Atmen, also eine Pleuritis, eine Entzündung des Lungenfells. Meine Werte waren dann so schlecht, dass ich nicht weitermachen konnte."

Dominique Baron, Asthma-Patientin

Bei einer Allergie reagiert unser Immunsystem auf harmlose Pollen wie auf Krankheitserreger – und das kann gefährlich werden, wie bei Dominique. Ihre Ärztin Dr. Mavi am Lungenfachklinikum in Gauting setzt große Hoffnungen auf neue Entwicklungen in der Antikörpertherapie:

"In den letzten Jahren hat sich sehr viel getan in der Asthma-Therapie, da sind wir sehr glücklich. Es gibt jetzt die sogenannten Biologika, also Antikörpertherapien. Das sind Injektionen, die man in bestimmten Intervallen zum Beispiel alle vier Wochen regelmäßig bekommt, die dann nur bei einem schweren unkontrollierten Asthma, das heißt in der höchsten Therapiestufe, wenn alle anderen Medikamente versagen, eingenommen werden können."

Dr. med. Sarah-Christin Mavi, Pneumologin, Asklepios Lungenfachklinik, Gauting

Hilfe durch Hyposensibilisierung

Klaudia Heppe liebt eigentlich den Frühling, wären da nicht die lästigen Allergien, die sie seit vielen Jahren plagen. Gegen die akuten Symptome nimmt sie Tabletten und Sprays. Gesundheit! hat sie schon vor Jahren begleitet, als sie eine Hyposensibilisierung gegen Gräser machte – dabei werden dem Körper über Monate Allergene gespritzt, um das Immunsystem an die Pollen zu gewöhnen. Gegen die Gräserallergie hat sie den Effekt gespürt – vor allem im Sommer, wenn die Blüte der Bäume vorbei ist: "Es hat wirklich sehr gut geholfen. Ich bin jetzt glaube ich das fünfte Jahr hyposensibilisiert."

Ambrosia: Das Problem mit invasiven Pflanzenarten

Dr. Stephan Hartmann forscht an der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) über invasive Pflanzenarten. Er sagt: Vor allem Ambrosia ist ein großes Problem. Dass die Pflanze aus Amerika sich bei uns ansiedeln und wohlfühlen kann, liegt am Klimawandel. Dass sie an immer neue Orte geschleppt wird, hat dagegen mit Tierfutter zu tun: Ambrosia-Samen landen als Verunreinigung im Vogelfutter in Vogelhäuschen im ganzen Land. Der wärmeliebende Neophyt ist so etwas wie ein Super-Gau für Allergiker. Wegen der heißeren Sommer findet das Unkraut immer bessere Bedingungen bei uns. Die Pflanze hat ein besonders hohes allergenes Potenzial.

"Es ist mehr, es ist einfach mehr da. Bis zu einer Milliarde Pollen. Steht in der Literatur drin. Und die Allergiereaktionen sind vergleichsweise auch stark. Und deswegen ist es für die Betroffenen wirklich eine Last. Dadurch, dass die Blüte relativ spät ist, August bis September, verlängert sich die Allergiesaison für Menschen, die darauf sensitiv reagieren. Da hätte man eigentlich zwei Monate früher Ruhe und dann kommt die Ambrosia daher."

Dr. agr. Stephan Hartmann, Agrarwissenschaftler, Landesanstalt für Landwirtschaft, Freising

Der Klimawandel ermöglicht es neuen Pflanzenarten bei uns Fuß zu fassen und heimische Arten zu verdrängen. Die Forscher an der LfL halten dagegen, indem sie durch Züchtung heimische Klee- und Rasensorten resistenter gegen den Klimawandels machen – etwa gegen Hitze oder neue Schädlinge. Eine Kleesorte wurde zum Beispiel mit dem Stengelbrenner infiziert – um für weitere Züchtung zu sehen, welche Sorten die Krankheit am besten überleben.

Ambrosia breitet sich nur an Stellen aus, wo keine andere Vegetation ist. Hobbygärtner können bei der Bekämpfung mitwirken, indem sie die Erde rund um Vogelhäuschen dicht mit Gras bepflanzen. Beim Entfernen von Ambrosia kann es zu Hautreizungen kommen. Deswegen entfernt man sie besser mit Gummihandschuhen – und als Allergiker mit FFP2 Maske. Die braucht man aber erst im Sommer, wenn die Pflanze größer ist.


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