BR Fernsehen - freizeit


12

Die Schönheit der Erschöpfung Schmidt Max und das Retro-Radrennen

Hügel rauf, Hügel runter, Zypressen und Weinberge am Wegesrand, die Bilderbuch-Toskana rund um Gaiole gibt die Kulisse für eines der verrücktesten, härtesten Retro-Radrennen, die Eroica. Der Max ist mitgeradelt….

Stand: 26.10.2019 | Archiv

Gaiole, verschlafenes Dorf im Weinbaugebiet Chianti. 2.758 Einwohner, ein Radlgeschäft. Doch einmal im Jahr, am ersten Sonntag im Oktober, ist hier ein bisserl Woodstock. Dann kommen Schaulustige und Fahrrad-Verrückte aus der ganzen Welt, über 8.000 allein,  um gemeinsam zu radeln. Durch das wahrscheinlich schönste Stück der Toskana. Auf Retro-Rennrädern und Schotterstraßen.

L’Eroica heißt dieses Radl-Happening, die "Heldenhafte". Wer mitfährt, muss bereit sein für Blut, Schweiß und Tränen – des Glücks. Schließlich führt die Eroica zum großen Teil über unbefestigte Wege, Anstiege von bis zu 20 Prozent sind eine Herausforderung für die Waden, das Gefälle für die Bremsen.

Die strengen Statuten des Vintage-Rennens erlauben nur Stahlräder, die vor 1987 gebaut wurden. Verpönt ist alles Moderne, Funktionswäsche ist ebenso tabu wie Klickpedale. Die wahren "eroici" tragen Wolltrikots, Lederschuhe und Baumwollkäppis. Ziel ist nicht zu gewinnen, schließlich gibt es keine Zeitmessung bei der Eroica. (Was auch hilft, Unfälle mit den dünnen Reifen auf den weißen Schotterstraßen zu vermeiden) Ziel ist einmal im Leben die Strapazen gemeistert zu haben. Mit seiner alten rostigen Liebe aus Stahl. Wer ins Ziel kommt hat gewonnen - und wird mit einer Medaille belohnt.

Die Idee zur Eroica

Was 1997 mit gerade mal 92 "Helden" begann, ist heute das größte Nostalgie-Radrennen in Europa. Die Idee dazu hatte Giancarlo Brocci, Mediziner aus Gaiole. Das Lebensgefühl der goldenen 70er und 80er Jahre heraufbeschwören, die alten Werte des Rennsports feiern und gleichzeitig die strade bianche, die unbefestigten Schotterstraßen seiner Heimat, retten ( ein Teil der Startgelder fließt in deren Erhaltung), war sein Ziel. Heute gibt es  Ableger der Eroica weltweit von Afrika bis Amerika. Und zum Rennen nach Gaiole kamen dieses Jahr über 8.000 Teilnehmer.

Welche Räder dürfen an den Start?

Den Radsport so erleben, wie die Helden früherer Tage. Sich was zumuten. Auch darum geht es bei der Eroica. Und deshalb gibt es strenge Statuten für Rad und Radler.
Erlaubt sind Stahlräder bis Baujahr 1987.
Mit so genannten Wäscheleinen, also außen liegenden Bremszügen.
Schaltung am Unterrohr und Hakenpedale.
Und der Radler?
Trägt die "Funktionskleidung" von damals, Wollhose und Trikot aus Merino. Dazu Lederschuhe und statt Helm Baumwollkäppi oder Sturzringe aus Leder. Wer Bedenken hat, kann trotz allem einen (modernen) Helm tragen.

Schieben oder schinden?

Je länger das Rennen, umso anstrengender werden die Anstiege für die immer müderen Wadeln. Schieben ist dann keine Schande. Die Helden der Eroica können deshalb auch zwischen fünf verschiedene Distanzen wählen: von 46 bis 209 Kilometer, mit 709 bis 3.891 zu bewältigenden Höhenmetern. An den Stempelstationen entlang der Strecke gibt's Eroica-Catering: regionale Spezialitäten und Chianti.
Wer mitfahren will, sollte sich rechtzeitig anmelden auf der offiziellen Eroica-Webseite, möglich ab Januar. Nicht-Mitglieder im Eroica Ciclo Club zahlen ab 68 Euro Startgeld.
Und: nur für die Schnupper-Runde von 46 Kilometer braucht man kein ärztliches Attest. Ansonsten muss der Hausarzt bescheinigen, dass es keine körperlichen Bedenken für eine Teilnahme gibt.

Buchtipp

Für alle Fahrrad-Verrückten und zum Nachschauen und -lesen:

Das Buch der Radsporttrikots
von Rainer Sprehe und Andreas Beune
Covadonga Verlag

Legends of Steel
von Bengt Stiller
Verlag Delius Klasing


12