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30 Jahre Tschernobyl Wie belastet sind bayerische Lebensmittel?

Der Reaktorunfall von Tschernobyl im April 1986 war der bislang schwerste Unfall in der Geschichte der Atomenergie. Obwohl weit weg, führte die Katastrophe auch in Bayern zu einer starken radioaktiven Belastung. Was ist davon 30 Jahre später noch übrig?

Stand: 19.04.2016

Ein Film von Iska Schreglmann

Auf welche Regionen in Bayern hatte die Reaktor-Katastrophe in Tschernobyl die größten Auswirkungen? Welche Lebensmittel zeigen heute noch erhöhte Strahlenwerte? Welche Sicherheitsmaßnahmen wurden nach Tschernobyl eingeführt und wie hoch ist die Strahlenbelastung eigentlich bei einem Langstreckenflug? Unser Fakten-Check:

Fakten-Check Bayern
In Deutschland fällt nach dem Super-Gau in Tschernobyl vor allem im Süden radioaktiver Regen.
Besonders belastete Gebiete in Bayern: das Donaumoos, der Bayerischer Wald und die Region Berchtesgaden.
Acker- und Weideboden sind heute kaum noch verstrahlt im Gegensatz zu Waldboden, der Cäsium 137 nicht bindet wie andere Böden.
Wildschweine und wild wachsende Speisepilze sind die am stärksten verstrahlten Lebensmittel.
Wildschweine sind stärker belastet als andere Wildarten, weil sie im Wald gerne Hirschtrüffel und Wurzeln fressen, die meist hochgradig verstrahlt sind.
Stark belastete Speisepilze (wild wachsend): Trompetenpfifferling, Maronenröhrling, Semmelstoppelpilz, Braunscheibiger Schneckling, Mohrenkopfmilchlinge und Hirschtrüffel (erreicht Menschen nur über Wildschwein-Fleisch)
Salat ist kaum noch belastet.

Fakten-Check Deutschland & Gut zu wissen

Deutschland

  • Aufgrund des Reaktorunglücks in Tschernobyl wurde in Deutschland ein weit verzweigtes Mess-System eingerichtet. Insgesamt kontrollieren 1.800 Mess-Sonden, wie viel radioaktive Partikel in der Luft zu finden sind.
  • Bodenbelastungskarten zeigen welche Regionen noch wie stark belastet sind.
  • Bei der Ernährung entspricht in Deutschland die Strahlenbelastung durch Tschernobyl etwa der Strahlenbelastung durch natürliche Quellen während zwei Jahren.

Gut zu wissen

  • Der gesetzliche Grenzwert für Radioaktivität in Lebensmitteln liegt bei 600 Becquerel pro Kilogramm. Stärker belastete Lebensmittel dürfen in Deutschland nicht in den Handel gebracht werden.
  • Für die Strahlenbelastung ist heute nur noch Cäsium 137 relevant, das eine physikalische Halbwertszeit von 30 Jahren hat.
  • Die natürliche Strahlenbelastung, der der Mensch auf der Erde ausgesetzt ist, entspricht in Deutschland einem Mittelwert von 2,1 Millisievert pro Jahr. Eine Computertomographie schlägt mit etwa 3 und 10 Millisievert zu Buche, je nach gescanntem Körperteil. Bei einem Fernstreckenflug von München nach New York ist man 0,1 Millisievert ausgesetzt.

Wie Zeitzeugen Tschernobyl erlebt haben

Martin Steiner, Strahlenforscher

"Meine persönliche Erinnerung: Ich war sehr, sehr erstaunt. Ich arbeitete damals an der Technischen Universität München in einem Isotopenlabor und mich hat es sehr überrascht, dass unser Labor radioaktiv gesehen sauberer war als die Umwelt. Für mich wars kurios."

Eva Kabai, Radiochemikerin aus Rumänien

"Ich erinnere mich. Es war ein schöner sonniger Tag. Und irgendwann während diese Tages - es war ein freier Tag - kamen die Lehrer zu uns nach Hause und haben gesagt: Wir müssen in die Schule, weil wir Jodtabletten bekommen werden. Viel später habe ich das in meinem Beruf praktisch erfahren, was das alles bedeutet hat."

Anton Kopold, Bauer

"Ich war in der Arbeit und hab das im Radio, in den Nachrichten gehört - und dann habe ich eigentlich gedacht, das ist so weit weg. Bis das zu uns rüberkommt."

Inge Rössl, Pilz-Expertin

"Das war eine schlimme Erfahrung für mich damals, wie ich erfahren hab, was in Tschernobyl passiert ist, haben wir schon das ganze Regenwasser gesammelt gehabt. Ich habe Gemüse gegossen, die Kinder haben im Sand gespielt und sollten das alles nicht mehr. Es war frustrierend, es war keine schöne Erfahrung."

Fazit

Wir haben Salat, Pilze und Wildschweinfleisch testen lassen. Muss man sich 30 Jahre nach Tschernobyl noch Sorgen machen, dass Lebensmittel in Deutschland verstrahlt sind? Die Antwort ist Nein! Strahlenforscher Martin Steiner erklärt warum:

"Ich als Strahlenschützer mache mir da eigentlich relativ wenig Sorgen. Es dürfen ohnehin nur Lebensmittel in den Handel gelangen, die den Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm nicht überschreiten und zudem werden Lebensmittel stichprobenartig von der amtlichen Lebensmittelüberwachung überprüft."

Martin Steiner, Leiter der Radioökologie im Bundesamt für Strahlenschutz


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