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Rettung aus dem Riff? Die Suche nach Heilmitteln im Meer

Immer mehr altbewährte Medikamente werden zu stumpfen Waffen: Die Bakterien, gegen die sie kämpfen sollen, haben sich gerüstet. Sie sind resistent geworden. Forscher suchen deshalb nach neuen Heilmitteln - auch im Meer.

Stand: 20.01.2016

Ein Film von Jenny von Sperber

Warum werden Heilmittel im Meer gesucht?

Die meisten natürlichen Wirkstoffe für Medizin stammen bislang aus Pflanzen und anderen Landbewohnern. Da 70 Prozent der Erde von Meer bedeckt sind, suchen Forscher unter Wasser nach neuen Heilmitteln.

Wie finden Forscher wirksame Substanzen im Meer?

Forscher müssen nach der Nadel im Heuhaufen suchen, um sogenannte bioaktive Substanzen im Meer zu finden. Ein Trick ist, zu beobachten, wie sich Tiere und Pflanzen gegen Fressfeinde wehren. Schwämme kämpfen beispielsweise so erfolgreich gegen alles, was sie bedroht, dass Wissenschaftler auf sie aufmerksam wurden. Sie wehren sich mit chemischen Stoffen nicht nur gegen Fressfeinde. Sie schützen sich damit auch gegen Überwuchs oder UV-Strahlung.

Riffe sind generell ein interessanter Forschungsort, denn in ihnen herrscht reges Treiben: viele verschiedene Arten, viel Konkurrenz, viele Fressfeinde. Forscher sind überzeugt, dass sich in Riffen viele komplexe chemische Wirkstoffe entwickelt haben.

Hat man schon welche gefunden?

Korallen entwickeln zum Beispiel gutes Knochenersatzmaterial, das möglicherweise Arthrosepatienten helfen könnte. Der Wirkstoff einer Meeresschnecke ist seit Jahren als wirksames Schmerzmittel auf dem Markt. Eine Substanz aus Rotalgen wird bei einer gereizten Nasenschleimhaut eingesetzt, wenn Viren am Werk sind. Forscher haben zudem ein Auge auf bestimmte Arten von Schwämmen (Negombata magnifica, Axinella), Seescheiden und eine nach Deutschland eingewanderte Braunalge (Sargassum muticum) geworfen. Sie gelten als vielversprechende neue Wirkstoffquellen.

Fazit

Forscher wissen erst, ob sie etwas Interessantes gefunden haben, wenn sie die bioaktiven Substanzen aus den Meeresbewohnern herausgelöst und chemisch genau bestimmt haben. Ein neues Medikament haben sie damit noch lange nicht gefunden, denn wirksame Stoffe zeichnen sich meist auch durch starke Nebenwirkungen aus oder sind sogar giftig. Das muss im Labor geändert werden. Ob sich dann eine Pharmafirma findet, die in aufwendigen Verfahren und langwierigen Studien ein Medikament mit den im Meer gefundenen Wirkstoffen entwickelt, steht auf einem anderen Blatt. Schnelle Erfolge sind jedenfalls nicht zu erwarten.

Forscher müssen bei der Gewinnung bioaktiver Substanzen einige Hürden überwinden: Verändert sich die Umgebung der Tiere, verändern sich auch die Meeresbewohner, bei Schwämmen zum Beispiel ihre Mikroorganismen und damit die produzierten chemischen Stoffe. Der Nachschub an bioaktiven Substanzen ist nicht gesichert. Trotz aller Schwierigkeiten gibt es aber schon Medikamente mit Wirkstoffen aus dem Meer.

"Die Pharmaindustrie will Medikamente machen, die möglichst schnell entwickelt werden und die möglichst lange auf dem Markt bleiben. Krebs-Medikamente zum Beispiel. Im Normalfall sterben die Patienten erst nach langer Einnahme und dann kommen neue Patienten nach. Diese Medikamente kann man also Jahre lang verkaufen. Aber es gibt andere Medikamente, gegen Bakterien zum Beispiel. Die nimmt man nur ein, zwei Wochen und dann ist man gesund. Deshalb werden derzeit kaum neue Antibiotika entwickelt, also Medikamente gegen Bakterien."

Professor Shmuel Carmeli, Chemiker, Universität Tel Aviv


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