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Plastik Erfolgsgeschichte oder Zeitbombe?

Plastik ist ein Erfolgsprodukt, von dem jährlich mehr produziert wird: 1950 waren es weltweit knapp zwei Millionen Tonnen. Bis 2014 stieg die Zahl auf 300 Millionen Tonnen. Welche Vor- und Nachteile Plastik hat und warum es gleichzeitig gut und schlecht für die Gesundheit sein könnte.

Stand: 22.04.2016

Ein Film von Florian Guthknecht

Warum zu viel Plastik ein Problem ist
30 Prozent der Kunststoffe werden für kurzlebige Wegwerfprodukte eingesetzt. Plastik selbst ist aber langlebig.
Sogar in Quellwasser, das direkt aus dem Boden sprudelt, sind Spuren von (Mikro-)Plastik nachweisbar.
Plastik ist nicht giftig, aber beigemischte Farbstoffe und Zusatzstoffe enthalten oft giftige Bestandteile.
Plastik zieht im Wasser Schadstoffe an wie ein Magnet.
Meeresbewohner halten Plastik für Nahrung. Unverdaulich sammelt es sich im Magen an, die Tiere können keine Nahrung mehr aufnehmen und verhungern bei lebendigem Leib.
Zwischen zwei und sieben Plastikpartikel nehmen viele Jung- und Kleinfische jeden Tag auf.
Krankheitserreger können sich auf Plastikmüll ansiedeln und in weit entfernte Regionen transportiert werden, in denen sie bisher nicht vorkamen.
Gegen Mikroplastik, z. B. aus synthetischen Kleider-Fasern, sind Kläranlagen machtlos.

Warum kleines Plastik ein größeres Problem ist

Der Zerkleinerungsprozess von Plastik in Mikro- oder Nanoplastik, das heißt in für das Auge nicht mehr sichtbare Teilchen, verkleinert das Problem nicht, sondern vergrößert es: Je kleiner Plastik-Teile in der Umwelt sind, desto eher werden sie von Tieren als Nahrung aufgenommen und töten die Tiere langfristig und qualvoll.

Schuld an der Misere sind Industrie und Verbraucher. Das zeigt sich unter anderem in den Kläranlagen. Derzeit werden sie für die Filterung von Hormonen und Wirkstoffen aus Medikamenten aufgerüstet, die wir Menschen durch den Abfluss spülen. Aber gegen synthetische Kleider-Fasern etwa, ein typisches Beispiel für Mikroplastik, sind sie machtlos. Die 60 Millionen Tonnen Chemiefasern, die jährlich weltweit hergestellt werden, sind nur ein Problem. Dazu kommen winzige Polyethylen-Kügelchen zum Beispiel aus Pflegeprodukten wie Peeling-Cremes oder Duschbädern. Allein die Donau schwemmt jeden Tag rund 4,2 Tonnen Kunststoff ins Meer.

Miriam Weber

"Obwohl wir hier am Nadelöhr der Abwasserreinigung sind, ist es nicht möglich oder noch nicht möglich hier Mikroplastik herauszufiltern. Und wir müssen einen Schritt zurückgehen in unsere Haushalte, in denen wir Waschmaschinen haben sollten, die Filteranlagen haben, die Plastikmikrofasern von unseren Kleidern herausfiltern. Bei jedem Waschgang kommen dort 1.900 Fasern ins Abwasser, was hier [in Kläranlagen] nicht aufzuhalten ist."

Miriam Weber, Biologin, HYDRA Institut

Ist Plastik auch für Menschen schädlich?

Plastik bedroht viele Meeres-Bewohner, aber ist es auch für Menschen schädlich? Das ist umstritten, denn noch gibt es keine aussagekräftigen Langzeitstudien dazu. Fest steht, dass Plastik inzwischen überall ist und viele der - auch nützlichen - Zusatzstoffe in Plastik wie Weichmacher, Flammschutzmittel oder antimikrobielle Stoffe als bedenklich für den Menschen gelten. Die Diskussion reicht von Hormonstörungen über Unfruchtbarkeit und von Allergien bis hin zu Krebs.

Im Fisch auf den Tisch

Über die Nahrungskette kann Plastik in den menschlichen Organismus gelangen: Planktonorganismen im Wasser fressen Plastikfasern, weil sie nicht zwischen diesen und essbarem Plankton unterscheiden können. Das Plankton wird dann von kleineren Fischen gefressen, die wiederum von größeren Fischen. Die größeren Fische fangen dann wir Menschen - und so landen die Mikroplastik-Fasern aus dem Plankton auf unserem Teller. Die Zusatzstoffe im Plastik sind in der Regel fettlöslich und könnten sich im Fettgewebe von Fischen aber auch Menschen anreichern. Inzwischen sind Leberschäden, die durch Kunststoff verursacht wurden, bei verschiedenen Fischarten nachgewiesen worden.

Warum Recycling und Bioplastik noch kein Ausweg sind

Über 60 Prozent des deutschen Plastikmülls werden recycelt. Das ist zwar im Vergleich zu anderen Ländern eine ausgezeichnete Quote, aber der Erfolg von Recycling ist umstritten! Recycling heißt in Sachen Plastik meistens Verbrennen, um Energie zu gewinnen. Was verbrannt wird, landet nicht im Meer. Das ist ein Anfang, aber noch keine Lösung des Plastikproblems. Effektiver wäre es, vermischte und verschmutzte Abfälle zu sortieren und daraus neue Produkte herzustellen. Aber das ist teuer und verbraucht viel Energie. In Kompostieranlagen sind die gesetzlichen Auflagen für Bioplastik derzeit so hoch, dass die Betreiber es lieber aussortieren.

Bioplastik, also Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen, ist bisher auch noch kein Ausweg: Plastik besteht bislang nur zu 0,36 Prozent aus den sogenannten Biokunststoffen. Zudem gibt es zu viele unterschiedliche Arten von Bioplastik, weil es noch keine Vorgaben gibt, aus welchen Bestandteilen es bestehen muss. Bisher sind nicht alle umweltverträglich. In den nächsten drei Jahren soll sich die Produktion von abbaubaren Biokunststoffen verdoppeln. Dazu laufen Tests, die europaweite Standards für möglichst schnell abbaubare Bioplastik-Arten bringen sollen ("Open Bio"). Fest steht bisher, dass sich Bioplastik schneller abbaut, wenn es rein, das heißt kein Gemisch, ist und wenn es im Sand den Gezeiten ausgesetzt ist. Am langsamsten zersetzt sich Bioplastik im freien Wasser.

Wo ist Plastik unersetzbar?

Kunststoff ist aus der Industrie nicht mehr wegzudenken. Sinnvoll eingesetzt, ist er sogar gut für die Umwelt, denn Kunststoff reduziert zum Beispiel Gewicht und damit Kraftstoffverbrauch. Mit neuen Kunststoff-Verbindungen rücken auch medizinische High-Tech-Anwendungen in greifbare Nähe, wie etwa künstliche Blutgefäße. Für ihren Einsatz besteht ein großer Bedarf, denn ohne Blutgefäße geht nichts im menschlichen Körper. Sind die großen Gefäße rund ums Herz angegriffen, besteht Lebensgefahr.

Wie man Plastik reduziert

Plastik hat gute und schlechte Eigenschaften. In unserem Alltag überwiegen die schlechten, denn viele Gegenstände bestehen unnötigerweise aus billigem Plastik. Das kann man vermeiden:

  • Schüsseln aus Melanin, einem speziellen Harz, zersetzen sich bei Temperaturen ab 70 Grad in Melamin und Formaldehyd. Das gilt als nieren- und nervenschädigend. Keramik und Porzellan sind eine gute Alternative.
  • Bei Küchenhelfern aus Plastik wie Kochlöffeln und Pfannenwendern können beim Kochen Kunststoffbestandteile in die Lebensmittel übergehen. Steigen Sie besser auf Holz oder Edelstahl um.
  • Spülschwämme müssen nicht aus Plastik sein. Eine Alternative sind Putzlappen aus Baumwolle oder Spülschwämme aus natürlichen Materialien wie Hanf.
  • Beim Einkaufen sind wieder verwendbare Stoffbeutel deutlich umweltfreundlicher als Plastiktüten - und auch als einmal verwendete Papiertüten!
  • Folien-Verpackungen sollen den Saft von Fleisch aufsaugen. Gibt das Fleisch allerdings zu viel Saft ab, wandern winzige Kunststoffkugeln an und in das Fleisch!
  • Klebstoff, der in wieder verschließbaren Verpackungen enthalten ist, kann ausdünsten und so in Lebensmitteln gelangen. Nicht empfehlenswert!
  • Glas ist besser als Plastik.
  • Gepresste Pappe ist ein besseres Behältnis für Fast Food als Styroporboxen.
  • Zusammengefasst heißt das: Verwenden Sie Holz, Edelstahl, Keramik, Glas und andere Naturmaterialien statt Plastik. Mehrmals nutzen ist besser als nur einmal nutzen. Hitze und Plastik sind in der Küche eine ungesunde Kombination. Vermeiden Sie Plastik-Verpackungen von Lebensmitteln, wo es möglich ist. Vermeiden Sie auch Kosmetik mit Mikroplastik.

Gut zu wissen

Mikroplastik

Sonne, Sand und Wellen greifen Plastik an: Sand und Wellen arbeiten zusammen wie Schmirgelpapier und die UV-Strahlung hilft mit: Erst zerbrechen chemischen Verbindungen im Plastik, dann brechen mit der Zeit kleine Plastik-Stücke ab, die schwer genug sind, um in die Tiefsee hinab zu sinken.

Sand

In Hawaii wurde der bisher höchste Wert gemessen: Eine Sandprobe enthielt 30 Prozent Mikroplastik.

Plankton

Plankton ist die Grundlage allen Lebens im Meer. Es besteht aus tierischen und pflanzlichen Kleinstlebewesen. Das Pflanzliche, das Phytoplankton, dient dem Tierischen, dem meist räuberisch lebenden Zooplankton, als Nahrung.

Verbrauch

Durchschnittlich verbraucht jeder Europäer deutlich mehr als 100 Kilogramm Plastik pro Jahr.

Erdöl

Bislang wird ein Großteil der Kunststoffe aus Erdöl hergestellt, einem fossilen Brennstoff, der endlich ist.

Bioplastik

Der Begriff "Bioplastik" ist nicht eindeutig definiert. Bei den Bestandteilen machen viele Hersteller derzeit, was sie wollen. Nachhaltigkeit ist nicht immer das Ziel.


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