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Insektensterben Auf der Wiese wird es still

Wissenschaftler warnen vor einem dramatischen Insektensterben. Ist das schlimm und wenn ja, wie schlimm?

Stand: 15.05.2017

Ein Film von Angelika Lizius

Sammeln lohnt sich manchmal doch

Heinz Schwan

Heinz Schwan nimmt seit fast 30 Jahren Insekten in Empfang, die in Fallen an mehr als 100 Standorten im Umfeld von Krefeld gesammelt werden. Der Ehrenvorsitzende des Entomologischen Vereins Krefeld wiegt und sortiert die Insekten, im Fachausdruck heißt das Biomasse. Schwan und seine Vereinsmitglieder konnten dadurch nachweisen, dass in ihrer Region die Anzahl von Insekten stark zurückgegangen ist: Dreiviertel sind verschwunden.

Jan Christian Habel

Auch Jan Christian Habel von der Technischen Universität München (TUM) hat etwas übrig fürs Sammeln. Für eine Studie zum Insektensterben wertete der Forscher Aufzeichnungen aus, die in einem Schutzgebiet von Regensburg gesammelt wurden, dem Keilberg. Und zwar seit 1766! Kaum eine Beobachtungsreihe greift weiter zurück.

Insektensammeln klingt banal, ist aber tatsächlich "die einzige zuverlässige und nachvollziehbare Methode zur Dokumentation des Vorkommens von Insektenarten und dient der Reproduzierbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse", sagt der Naturschutzbund Deutschland (nabu). Es gibt zwar durchaus noch "Schmetterlingsfänger" mit Netzen, wie Carl Spitzweg einen eingefangen hat, aber auch weitaus raffiniertere Fangmethoden wie die Malaise Falle. Beim Sammeln geht es heutzutage um Vermessung, Daten und Statistik, die im Idealfall Vergleiche über größere Zeiträume hinweg erlauben.

"Insektenpopulationen schwanken von Jahr zu Jahr und deshalb ist es im Grunde recht wenig aussagekräftig, irgendwelche Informationen aus einem Jahr zu verwenden - nicht mal aus zwei oder drei Jahren. Letztendlich müssen wir hier in Dekaden denken. Oder sogar in Jahrhunderten denken - und deshalb ist es umso wertvoller, mit diesen Datensätzen zu arbeiten."

Jan Christian Habel, Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie, Technische Universität München

Wie schlimm steht es um die Insekten?

Was sich in den Regionen Krefeld und Regensburg zeigt, bestätigt sich weltweit: Eine internationale Studie des Weltrats für Biodiversität kommt Anfang 2016 zu dem Ergebnis, dass es Bienen, Schmetterlingen und anderen Bestäubern schlecht geht. Weltweit sind in manchen Regionen bis zu 40 Prozent der Fluginsekten vom Aussterben bedroht. Die Insekten werden nicht nur weniger, auch der Artenreichtum schrumpft. Sogenannte Generalisten haben bessere Überlebenschancen als Spezialisten, also Insekten, die ganz spezielle Pflanzen und Lebensräume zum Leben brauchen.

Das ist schlimm, weil …

Sterben Insekten, sterben auch Amphibien wie der Laubfrosch, der sich von Insekten ernährt.

Fast möchte man sich freuen, dass man Limonade, Kuchen und Salat im Freien immer weniger mit Insekten teilen muss, aber eigentlich ist die Situation bedenklich: Insekten sind nicht nur lästig und manchmal eklig, sondern erfüllen lebenswichtige Aufgaben in der Natur. Sie bestäuben Blumen, transportieren Samen und sorgen so für Vermehrung. Bodeninsekten wie Ameisen lockern und belüften den Erdboden, wodurch mehr Humus entsteht. Insekten dienen vielen anderen Tieren als Nahrungsquelle (Spinnen, Fischen, Amphibien, Vögeln) und sie entsorgen die Hinterlassenschaften vieler anderer Tiere und der Natur (Aas, Kot, abgestorbenes Holz). Nimmt die Zahl der Insekten in der Natur ab, setzt eine Kettenreaktion ein, die die Nahrungskette vieler Lebewesen und die Balance im Biotop beeinflusst:

Insektensterben

Was Insekten tun

  • 90 Prozent der Wildblumen müssen zumindest teilweise von Insekten bestäubt werden, um sich zu vermehren.
  • 75 Prozent der Nutzpflanzen sind auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen.
  • Kleidung aus Naturfasern wie Baumwolle und Seide gibt es, weil Insekten Pflanzen bestäuben und sie damit vermehren.

Warum sie vermehrt sterben

  • Das Insektensterben zeigt an, dass sich die Natur zum Nachteil ihrer Bewohner verändert hat. Die Gründe sind vielfältig: Monokulturen, Umweltverschmutzung, der Verlust von Fläche durch die Ausweitung von Landwirtschaft und der Einsatz von Pestiziden. Studien haben gezeigt, dass die sogenannten Neonicotinoide Bienen schädigen. Nur etwa die Hälfte der Bienen, die in einem Experiment mit dem Pestizid in Kontakt kamen, fand den Weg zurück in den Bienenstock. Bei unbelasteten Bienen waren es 80 Prozent.
  • Je weniger bunt Wiesen sind, desto geringer ist die Vielfalt an Insekten.
  • Die Zahl der Insekten geht sogar in Naturschutzgebieten zurück. Das zeigt, dass diese nicht ausreichen, um das Insektensterben aufzuhalten. Der Grund: Naturschutzgebiete in Deutschland sind wie Inseln, die weit auseinanderliegen. Zu weit für viele Arten, um umzusiedeln. Korridore mit Wildblumenstreifen könnten das ändern, sagen Forscher wie Jan Christian Habel, Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie, TU München.

Wie sähe eine Welt ohne Insekten aus?

Erst sterben viele Pflanzen aus, weil sie nicht mehr bestäubt werden und sich nicht mehr vermehren können. Menschen müssten dadurch auf einen Großteil ihrer Nahrung verzichten: viele Obst- und Gemüsesorten und auch Kaffee und Schokolade. Dann sterben Tiere, die Pflanzen fressen. Dadurch gibt es weniger Fleisch und Milchprodukte. Kleidung aus Baumwolle und Seide gibt es auch nicht mehr. Dafür Berge von Kadavern, Kot und verottenderr Biomasse.

Was Forscher zum Insektensterben sagen

Schmetterlinge

Jan Christian Habel, Terrestrische Ökologie:

Jan Christian Habel (li.) und Andreas Segerer (re.) erforschen den Bestand von Schmetterlingen.

"Insgesamt sind hier in diesem Gebiet über den Zeitraum von 250 Jahren etwa 1.500 Schmetterlingsarten festgestellt worden - und davon sind seit dem Jahr 2000 nur noch 1.000 vorhanden. Das heißt ein Drittel der Arten sind im 21. Jahrhundert nicht mehr nachweisbar."

Andreas Segerer, Biologe

"In meiner 50-jährigen Sammlungs- und Forschungstätigkeit mit Schmetterlingen, ist heuer [2016] das mit Abstand schlechteste Jahr. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so wenig Schmetterlingsarten und Schmetterlinge insgesamt gesehen zu haben, wie heuer."

Blumen

Andreas Fleischmann, Biologe:

Andreas Fleischmann

"Die Wiesenflockenblume ist ein Generalist, was die Bestäuber angeht. Die Wiesenflockenblume, die kann von verschiedensten Insekten bestäubt werden. Es gibt aber bestimmte Insekten, bestimmte Wildbienenarten, die nur auf Flockenblumen oder Disteln sammeln. Aber die Pflanze, die braucht jetzt nicht einen bestimmten Bestäuber - wenn bestimmte Insekten weg wären, dann wären noch genügend andere da. Im Gegensatz zum Wundklee, der zu den Schmetterlinsgblütlern gehört und Schmetterlingsblütler, die können in den meisten Fällen von den Honigbienen nicht bestäubt werden. Die brauchen bestimmte Hummeln oder Wildbienen. Und wenn diese Hummeln oder Wildbienen verschwinden, dann kann auch dieser Wundklee nicht bestäubt werden."

Vögel

Hans Günther Bauer, Vogelforscher:

"Man sieht jetzt hier [Radolfzell, Bodensee] eigentlich eine abwechslungsreiche Landschaft und trotzdem stimmt etwas nicht - es fehlen eben ein paar Arten, die man hier früher in häufiger Zahl angetroffen hat - und jetzt findet man sie nicht mehr. Zum Beispiel ist das Braunkehlchen komplett verschwunden aus dieser Ecke - das Schwarzkehlchen sehr selten geworden. Wir haben jetzt noch ein Paar hier. Und das Rebhuhn, das war eine der häufigsten Arten früher Ein Zähler aus den 1950er-Jahren hat mir gesagt: 'Es gibt nur zwei Arten, die ich nicht zähle, weil sie mir zu häufig sind, und das ist der Haussperling und das Rebhuhn.' Das Rebhuhn gibt's am ganzen Bodenseegebiet nicht mehr."

Bienen

Albrecht Pausch, Imker:

"Zweimal im Jahr wird das Futter knapp für die Bienen - einmal, wenn der Raps abgeblüht ist und dann wieder im Juli, August - das Problem ist, dass so viele Landwirtschaftsflächen immer ausgeräumter werden und blütenärmer - vor allem der Mais ist ein riesiges Problem. Der ist keine gute Pflanze für Bienen"

Insekten - die heimlichen Herrscher der Erde


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