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Industrie 4.0 Ist Deutschland schon abgehängt?

Deutschland gilt als rückschrittlich, wenn es um die Digitalisierung geht. Für die Industrie gilt das nicht. In welchen Branchen hierzulande schon digitales Arbeiten getestet wird ...

Stand: 20.10.2016

Ein Film von Christian Friedl

Wofür steht 4.0?

4.0 steht für die vierte industrielle Revolution, die eingeläutet werden soll. Sie folgt auf die Einführung der Wasser- und Dampfkraft Anfang des 18. Jahrhunderts, der Massenproduktion mit Hilfe von mechanischer Energie zu Beginn des 20. Jahrhunderts und dem Einsatz von Elektronik und IT in den 1970er-Jahren. Salopp gesagt: Nachdem die Dampfmaschine, das Fließband und der Computer erfunden wurden, soll nun smartes Arbeiten durch Vernetzung industrielle Prozesse beschleunigen und effektiver gestalten.

Wie sieht Arbeit im Zeitalter von Industrie 4.0 aus?

Logistikbranche

So sieht ein Shuttle aus, das Pakete autonom ins Lager räumt.

Im Dortmunder Fraunhofer-Institut arbeiten Forscher daran, dass Pakete im Lager automatisch registriert, abgelegt, hervorgeholt und abgeschickt werden. Dazu muss das ganze System der Paket-Verarbeitung miteinander kommunizieren. So stellen sich die Forscher den Ablauf vor: Eine 3-D-Kamera "zählt" die Pakte, die ankommen. Die Information bekommt die Kamera durch einen Funk-Chip auf den Paketen. Ein Mensch wird über Smartphone über die Lieferung informiert und bestückt die Abholstation. Die Pakete werden durch autonom fahrende Shuttles auf Schienen abgeholt und mit Aufzügen im Lager verstaut.

Die Fahrzeuge verhalten sich wie ein intelligenter Schwarm im Tierreich: Sie stimmen ihre Routen und Aufträge ab, um nicht mit anderen Fahrzeugen oder Menschen zu kollidieren. Auch die Auslieferung läuft automatisch ab. Die Hilfe von Menschen ist unerlässlich beim Abholen und Austragen der Pakete.

Handwerk

Besprechung mit dem Kunden per Skype.

In Wiesenbronn arbeitet die Schreinerei Ackermann digital. Ein Beispiel: Die Firma hat einen Auftrag aus Übersee bekommen. Ein deutschstämmiger Architekt bestellt eine Theke für einen kanadischen Kunden. Per Skype besprechen ein Schreiner und der Architekt das Projekt. Die Daten für das Möbelstück kommen per Computer. Der Schreiner verschafft sich einen Überblick über das Bauteil und die Maße der Theke und ändert etwas, falls nötig.

Die Theke wird zuerst zur Besprechung am Computer gebaut, dann in echt per Laser. Die Mitarbeiter der Firma haben sich fortgebildet, um den Laser bedienen und digital arbeiten zu können. Für den Bau der Theke brauchen die Schreiner Fachwissen und jahrelange Erfahrung im Möbelbau. Das kann kein Computer ersetzen.

Medizintechnik

Ein 3-D-Drucker druckt ein Implantat aus Titan-Kügelchen.

Am Fraunhofer IWU, Dresden, drucken Bernhard Müller und sein Team medizinische Implantate - zu Forschungszwecken. Die Daten für Implantate liefern Computertomografien. Sie werden in das 3-D-Softwareprogramm CAD eingespeist. Am Computer wird die dreidimensionale Geometrie des Implantates entworfen und die richtige Oberflächenbeschaffenheit ausgewählt. Bei einem Implantat müssen die mechanischen Eigenschaften dem Körperteil entsprechen, das ersetzt wird.

Ist das Implantat am Computer entworfen, wird mit dem Metall-3-D-Drucker gedruckt. Ein Laser trägt dabei Kügelchen aus Titan auf eine Oberfläche auf. Auch mit Kunststoff und Keramik konnten schon Implantate gedruckt werden. Laut Tassilo Moritz vom Fraunhofer-Institut in Dresden (IKTS) lohnen sich 3-D-Drucker in der Medizintechnik vor allem dann, wenn es um kleine Serien, Einzelanfertigungen oder personalisierte Produkte mit komplexer geometrischer Form geht. Ansonsten ist die Technik noch langsam und gerade bei Keramik teuer.

Gehen Arbeitsplätze verloren?

Die Arbeitswelt wird sich auf jeden Fall verändern. Jobs werden verschwinden, andere werden nachkommen. Es wird also eine Verschiebung von Arbeitsplätzen geben. Wer schlecht ausgebildet ist und einfache Tätigkeiten verrichtet wie Kassierer, Fotoentwickler, Buchhalter oder Bibliothekar, wird es in Zukunft schwer haben. Doch auch eine gute Ausbildung ist kein Garant für einen Job: Die Universität Oxford geht davon aus, dass in den kommenden Jahrzehnten nahezu die Hälfte aller heutigen Berufe verschwinden wird. Jeder muss sich anstrengen, am Ball zu bleiben und sich stetig fortbilden.

"Was neu dazugekommen ist, dass die Leute - sagen wir mal - wissbegieriger sein müssen. Sie müssen sich ihr ganzes Arbeitsleben permanent weiter entwickeln, sie müssen sich neue Informationen einholen, sich mit neuen Technologien beschäftigen, sich mit Hard- und Software beschäftigen, um weiter zu kommen und sich zu entwickeln."

Manfred Weid, Schreiner, Ackermann GmbH

Fortschritt und Rückschritt

Das Silicon Valley in den USA gilt als Motor der Zukunft. Dort werden vor allem Software, Programme und Apps entwickelt, um neue Dienstleistungen zu verkaufen. Deutschland gilt in diesem Zusammenhang als rückschrittlich. Was dabei meist übersehen wird: Bei der Digitalisierung der Industrie und der Produktion von Dingen sind wir hierzulande recht fortschrittlich. Auch, wenn in Deutschland noch viel Pionierarbeit geleistet werden muss in Sachen Industrie 4.0.


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