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Kaufhilfe oder Kundentäuschung Was taugen Gütesiegel?

Gütesiegel gibt es wie Sand am Meer. Wer behält da noch den Überblick? Die Wenigsten! Das zeigen auch repräsentative Umfragen. Worauf sollte man bei Lebensmitteln, Kosmetik und Textilien also achten? Wo kann man sich informieren? Wir haben nachgeforscht.

Stand: 28.07.2014

Gütesiegel | Bild: picture-alliance/dpa

Ein Film von Monika Eder

Was sollte man bei Bio-Siegeln beachten?

Ein Lebensmittel ist nur "bio" und "öko", wenn es das Bio-Siegel der Europäischen Union trägt, das seit 2010 vorgeschrieben ist. Mit dem deutschen Bio-Siegel darf ein Bio-Produkt nur zusätzlich ausgezeichnet werden. Die meisten Produkte tragen beide Siegel, weil das deutsche Bio-Siegel in Deutschland viel bekannter ist als das EU-Bio-Siegel, das ohne eine Werbekampagne eingeführt wurde. Die Begriffe "aus kontrolliertem Anbau", "umweltschonend" und "unbehandelt" sind übrigens nicht geschützt und sagen damit nichts aus.

Warum machen Textil-Siegel Probleme?

Oeko-Tex 100 - ein verlässliches Gütesiegel?

Bei Kleidung gibt es kein staatliches Siegel für nachhaltige Produkte. Privatwirtschaftliche gibt es dafür zuhauf: Weltweit mehr als 120, doch nur wenige sind empfehlenswert, sagt Kirsten Brodde, Textil-Expertin von Greenpeace. Bekannte Textil-Siegel gibt es auch deshalb kaum, weil Öko-Kleidung nicht "cool" ist und deshalb kaum beworben wird - sogar wenn Hersteller ökologisch produzieren, weisen sie es nicht immer aus. Das Siegel "Oekotex 100" hält Kirsten Brodde für eine Mogelpackung: Es besagt lediglich, dass in einem Kleidungsstück keine Giftstoffe (mehr) gefunden wurden. Ob bei der Produktion welche eingesetzt wurden, wird nicht überprüft.

Fakten der Woche

Siegel-Duo

Mehr als 67.000 Produkte tragen derzeit das Deutsche Biosiegel und das Biosiegel der Europäischen Union, obwohl nur letzteres verpflichtend ist.

Vertrauen

In Experimenten hat sich gezeigt, dass das deutsche Bio-Siegel den Marktwert eines Produktes deutlich steigert: Die Testpersonen waren bereit bis zu 40 Prozent mehr für ein Produkt zu zahlen, das mit dem Siegel ausgestattet ist. Das Belohnungssystem im Gehirn der Probanden war also stärker aktiviert worden als bei konventionell hergestellten Lebensmitteln.

Clean Labels

Clean Labels geben an, was in einem Produkt nicht enthalten ist. Oft wird damit Schindluder getrieben und das Siegel sagt eigentlich gar nichts aus. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn auf Wasserflaschen steht, dass sie kein Gluten enthalten oder auf Dosensuppen, dass keine Konservierungsstoffe drin sind. Das dürfen sie gesetzlich nämlich gar nicht.

"Grüne Mode"

In Deutschland gibt es mehr als 40 "grüne Mode"-Läden, die ökologisch hergestellte Kleidung verkaufen.

Wie erkennt man Naturkosmetik?

Bei Naturkosmetik gilt das gleiche wie bei Textilien: Es gibt keine staatlichen und damit unabhängig kontrollierten Siegel. Die existierenden sind privatwirtschaftlich ausgegebene, bei denen aufgrund der Organisationsstrukturen Interessenskonflikte nicht ausgeschlossen sind. Ansonsten tricksen auch hier die Hersteller: von der Verpackung bis hin zur Bewerbung.

Man sollte auf jeden Fall immer einen Blick auf die Inhaltsstoffe werfen: Je weiter hinten ein Bestandteil in der Liste aufgeführt wird, desto weniger ist er im Produkt enthalten. Welche Stoffe sind außer dem angepriesenen enthalten? Der Werbespruch "95 Prozent natürlichen Ursprungs" ist beispielsweise auch dann richtig, wenn ein Produkt so viel Wasser enthält, dass sich der Anteil chemischer Rohstoffe dadurch verhältnismäßig verringert, sagt Kosmetik-Expertin Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Fazit

Verbraucher finden sich kaum noch zurecht in der Flut der Gütesiegel. Hersteller können bei der Bewerbung ihrer Produkte leicht mogeln. Was tun? Der Staat könnte zum Beispiel ein staatliches Dachlabel einführen und damit langfristig andere Siegel auf dem Markt überflüssig machen. Mit verschiedenen Kategorien (z. B. Gesundheit, Tierschutz) und mehreren Bewertungsstufen (z. B. Sterne-System) könnte man Produkte leicht verständlich einteilen. Eine andere Alternative wäre es, eine Art Label-TÜV einzuführen, der Siegel auf ihre Qualität hin überprüft und Mindestkriterien definiert. Da beides noch nicht in Sicht ist, haben wir ein paar verlässliche Siegel für Sie herausgesucht.

Link-Tipps

Kleine Helfer für Verbraucher, die Kosmetik-Produkte ohne hormonähnliche Stoffe wollen und Läden mit ökologischen Textilien in ihrer Stadt suchen:

  • ToxFox (Kosmetik): "ToxFox - der Kosmetikcheck" ist ein Projekt des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), das Verbrauchern helfen will, schnell zu erkennen, ob Kosmetik hormonähnliche Stoffe wie Parabene enthält. Man kann sich auf der dazugehörigen Homepage informieren oder mit der App unterwegs Produkte scannen. Andere Inhaltsstoffe werden dabei allerdings nicht überprüft.
  • "Grüne Listen" (Textilien): Kirsten Brodde, Textil-Expertin von Greenpeace, gibt auf ihrem Blog die sogenannten "Grünen Listen" aus, die aufführen, welche Läden, Hersteller und Marken es in Deutschland und Europa gibt, die ökologische Kleidung verkaufen und produzieren.
  • Label-online.de: Ist ein Online-Portal des Vereins Verbraucherinitiative, auf dem Gütesiegel erklärt und bewertet werden. Bis Ende des Jahres sollen 600 aufgelistet sein.

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