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Gletscherschmelze Klimawandel im Hochgebirge

Es gibt Orte, an denen man jeden Tag den Klimawandel und seine Folgen spüren und auch messen kann: die Gletscher. Sie gehen rapide zurück - in letzter Zeit schneller, als die Experten gedacht hatten. Wie gefährlich können diese Veränderungen für uns werden?

Stand: 13.10.2016

Ein Film von Herbert Hackl

Das Jahr 2016 ist wahrscheinlich weltweit das heißeste Jahr seit Beginn der Temperaturaufzeichnung. Die Folge: Die Gletscher schmelzen noch schneller. Und durch das Verschwinden der Gletscher verändert sich die Landschaft: Aus Eisflächen werden Felsgebiete. Und die wiederum beeinflussen - zusätzlich zum globalen Klimawandel - das lokale Klima: Sie heizen sich auf und erwärmen die bodennahe Luft.

Sterbender Vernagtferner

Der größte Ötztaler Gletscher, der Vernagtferner, hat sich weit zurückgezogen. Nur noch wenig ist von seiner Mächtigkeit geblieben. Er stirbt - so wie alle Gletscher in den Ostalpen. Noch vor 150 Jahren war das ganze Gebiet eine einzige riesige Eisfläche, die die Sonneneinstrahlung reflektiert hat. Heute ist das nicht mehr so:

"Heutzutage haben wir sehr viel Fels und Schuttmaterial, das sich aufwärmt. Und diese zusätzliche Erwärmung führt dazu, dass es hier in dem Tal sehr, sehr viel wärmer geworden ist."

Dr. Christoph Mayer, Bayerische Akademie der Wissenschaften

Noch vor 40 Jahren verlor der Vernagtferner an einem Sommertag höchstens drei Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Damals errichteten Münchner Glaziologen eine Messstation, um das Schmelzwasser zu überwachen. Heute rauschen im Sommer bis zu zehn Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch die Schleuse.

Christoph Mayer erforscht den Wandel des Vernagtferners. Mit Kollegen von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften hat er dessen Sterben vorausberechnet. Alle Vorhersagen sind bisher eingetroffen - allerdings zehn Jahre früher als gedacht.

"Das hat uns durchaus überrascht. Man konnte das ja vorher eigentlich nicht so absehen, vor allem, weil man in den 80er-Jahren diese Vorstöße noch hatte, die man an vielen Gletschern beobachtet hat. Speziell seit 2003, diesem Jahrhundertsommer, geht es schon rasend schnell. Und es scheint ja auch so, dass es so weitergeht. Wir beobachten also nicht, dass es hier eine Reduktion gibt."

Dr. Christoph Mayer, Bayerische Akademie der Wissenschaften

Rasanter Temperaturanstieg im Vernagttal

Seit 1850 schon beobachten Wissenschaftler Wetter und Klima im Vernagttal. Die Menge der Niederschläge blieb immer gleich. Nur die Temperatur hat sich verändert:

Aktuelle Studien belegen einen Anstieg der Temperaturen im weltweiten Durchschnitt um etwa 0,9 Grad. Die meteorologischen Stationen in den Alpen messen fast doppelt so viel: 1,6 Grad ist es hier wärmer geworden. Das ist aber immer noch nichts im Vergleich zu den Temperaturen im Vernagttal. Hier stiegen sie im Schnitt um 2,7 Grad.

Neu entdeckt: Mikro-Treibhauseffekt

Der Temperaturanstieg alleine kann den massiven Eisverlust nicht erklären. Auf der Suche nach Antworten stießen die Forscher am Vernagtferner auf einen bislang unbekannten Effekt: Direkt über der Gletscheroberfläche wabert ein feiner Nebel:  Wasserdampf. Der ist durch die höheren Temperaturen in den letzten Jahren dichter geworden. Die Folgen: Der Wasserdampf transportiert ständig Wärme zum Gletschereis. Außerdem werfen die Wassertröpfchen Energie zurück, die normalerweise vom Eis reflektiert wird - ein Mikro-Treibhauseffekt. Dadurch schwindet das Eis um 40 Prozent schneller als noch vor 40 Jahren.

Veränderungen am Großvenediger

Am Geröll der Gletschermoränen staut sich Schmelzwasser an. Dadurch können neue Seen entstehen. Alleine in den Ostalpen sollen in den nächsten Jahren über 100 neue Seen entstehen. Auch am Großvenediger zeigt der Klimawandel deutliche Wirkung. Der um 1850 unter einer 200 Meter dicken Eisschicht verschwundene Obersulzbachsee ist erneut entstanden:

Das Abtauen der Pasterze

Schmelzende Pasterze

Auch an der Pasterze, dem größten Gletscherstrom Österreichs, sorgt der Klimawandel für Naturgefahren. Steinschläge und Felsstürze nehmen zu. Schon mehrmals mussten in dem Gebiet am Fuße des Großglockners Wanderwege verlegt oder besonders gesichert werden. Die Zunge der Pasterze zerfällt immer mehr. Schuld daran sind viele einzelne Schmelzwasserflüsse, die unter dem Eis Richtung Tal fließen. Sie bringen ständig Wärme in die Gletschersohle. Warme Luft und Schmelzwasser tauen rund um den Gletscher auch den Permafrost auf, der bisher Felsen und Geröll zusammenhielt.

"Kommt es zu einer Erwärmung, das heißt die saisonale Auftauschicht geht weit in die Tiefe, so werden natürlich vielleicht einzelne Blöcke lose. Und das Ganze kann dann vielleicht auch zu einem Domino-Effekt führen, dass eben größere Hangpartien abbrechen können."

Dr. Andreas Kellerer-Pirklbauer-Eulenstein, Universität Graz

Künftig noch Skifahren am Kitzsteinhorn?

Auch am Kitzsteinhorn untersuchen Forscher den Rückgang des Gletschers. Immer mehr Fels wird vom Eis freigelegt, das Risiko für Felsstürze und Steinschlag wächst.

"Der Gletscher verringert seine Mächtigkeit um etwa einen Meter pro Jahr. Das heißt, wir haben hier in zehn, zwanzig Jahren wirklich große Felsflächen, die jetzt vielleicht noch durch einen Eispanzer geschützt werden, wo dann in weiterer Folge warme Temperaturen eindringen können, wenn das Eis schmilzt."

Ingo Hartmeyer, Universität Salzburg

Fest steht: Sobald die Bergflanke am Kitzsteinhorn nicht mehr vom Gletscher gekühlt wird, schmilzt ihr Eis. Auch der Gletscher selbst hat im warmen Klima bereits arg gelitten. Von dem einstigen Ganzjahresskigebiet ist heute fast nichts mehr übrig.

Skigebiet am Kitzsteinhorn

Noch vor zehn Jahren waren die Liftpfeiler fest im Eis verankert. Heute ist die Gletscheroberfläche nicht mehr verlässlich. Die Stützen müssen von Saison zu Saison versetzt werden. Manchmal sogar mehrmals auch im Winter. Die Gondelbahn auf das Kitzsteinhorn wurde im Jahr 2015 neu konstruiert. Die alten Pfeiler waren 50 Jahre lang im Eis verankert. Jetzt stecken ihre Fundamente im Fels.


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