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Freiheit für Flüsse Naturschutz oder Klimaschutz?

Wie funktioniert ein natürlicher Fluss? Das wissen selbst Wissenschaftler bislang gar nicht so genau. Trotzdem werden Wasserkraftwerke in Flüsse gebaut, die das Ökosystem stark verändern. Was ist wichtiger: Klimaschutz oder Naturschutz?

Stand: 10.11.2016

Ein Film von Susanne Delonge

Wie sieht ein natürlicher Fluss aus?

Wo liegen die im Film gezeigten Flüsse? Sehen Sie auf dieser Karte (vergrößern mit Klick) ...

Einer der letzten frei fließenden Flüsse in Europa ist der Tagliamento in Italien. Er entspringt in den friaulischen Alpen und fließt etwa 170 Kilometer weit durch Norditalien bis zur Adria. Der Fluss ist über weite Strecken unverbaut. Sein Kiesbett ist bis zu zwei Kilometer breit. Schotterflächen, bewachsene Inseln und Auwälder kommen und gehen - je nach Wasserstand und Jahreszeit. Durch Zuflüsse entstehen unterschiedlich schnelle Strömungen und Strudel im Tagliamento, in denen verschiedenste Fische einen Lebensraum finden. Ein einzigartiges Ökosystem in Europa.

Wie verändern Wasserkraftwerke Flüsse?

Wasserkraftwerk an der Iller

Wasserkraftwerke zerteilen Flüsse durch Wehre und Staustufen. Das beeinflusst die Bewegungsmöglichkeit von Fischen, die Fließgeschwindigkeit des Wassers, den Wasserstand, den Sauerstoff-Gehalt des Wassers sowie den Anteil von Steinen, Geröll und Sand im Wasser. Ein Problem, denn viele Fischarten und andere Wasser-Lebewesen legen ihre Eier im Kies unter Wasser ab. Dafür brauchen sie einen lockeren, sauberen Untergrund. Der ist durch den Einbau von Wasserkraftwerken gefährdet, weil der Boden leichter verschlammt.

Was bringt Wasserkraft?

In Bayern stammen 15 Prozent des Stroms aus Wasserkraft. Produziert wird er in 226 großen Wasserkraftwerken und knapp 4.000 kleinen. Bis 2020 sollen es noch 2 Prozent mehr werden, obwohl "bereits 95 Prozent all unserer Fließgewässer verbaut sind, so stark verbaut, dass sie nicht mehr durchgängig sind.", sagt Julia Wehnert vom Bund Naturschutz. Das heißt zum Beispiel, dass Fische in den Flüssen nicht mehr ungehindert stromauf- und stromabwärts wandern können, um angestammte Laichplätze zu erreichen.

"Wenn man alle, auch den kleinsten Gebirgsbach, für die Stromnutzung nutzen würde, dann käme man gerade auf 1,5 Prozent des gesamten bayerischen Energieverbrauchs. Wer also behauptet, die Energiewende wäre über die Restnutzung dieser Wasserkraftreserven zu schaffen, der sagt bewusst die Unwahrheit."

Alfred Karle-Fendt, Bund Naturschutz

Sind Öko-Wasserkraftwerke umweltfreundlicher?

In Bayern werden bis 2020 neun Wasserkraftwerke untersucht: zwei herkömmliche und sieben neuartige Öko-Wasserkraftwerke. Letztere haben den Anspruch, weniger Fische zu verletzen und zu töten sowie weniger Verschlammung des Bodens zu verursachen. An der Iller testet ein Team der Technischen Universität München, ob das stimmt. Erstmals unter natürlichen Bedingungen. Vorläufiges Ergebnis am Illerkraftwerk Au mit einer langsam drehenden Turbine (VLH): Von etwa 12.000 Fischen, die durch die Turbinen geschwommen und den Wissenschaftlern ins Netz gegangen sind, waren nur wenige verletzt. Die Ergebnisse der Bodenuntersuchungen stehen noch aus.

Fazit

Wasserkraft allein kann den regionalen Strombedarf nicht annähernd decken. Zudem verändern Wasserkraftwerke den Lebensraum Fluss nachteilig. Durch Öko-Wasserkraftwerke sterben ersten Studien zufolge zwar weniger Fische wie bei herkömmlichen, aber auch sie sind ein Eingriff in die Natur, der Folgen hat. Die wenigen verbleibenden natürlichen Flüssen sollten geschützt werden. Besonders wenn sie in Naturschutzgebieten verlaufen wie die Ostrach in den Allgäuer Hochalpen. Das schreibt auch die EU-Wasserrahmenrichtlinie vor.

"Der Schutz der wenigen intakten Gewässer-Ökosysteme, wie wir sie in Europa noch finden, der sollte oberste Priorität haben. Gleichzeitig sollten wir aber an den Standorten, an denen eine Nutzung bereits existiert, Wasserkraftnutzung mit konventionellen Technologien, dass man dort nach den bestmöglichen Optionen für einen möglichst fischschonenden und ökologischen Betrieb sucht."

Professor Jürgen Geist, Fischbiologe, Technische Universität München


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