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Elektroschrott Giftiger Müll aus Smartphone, Tablet & Co.

Nur rund ein Drittel des erzeugten Elektroschrotts wird recycelt. Dabei gehen wertvolle Rohstoffe in Massen verloren. Warum das ein Problem ist und wie es gelöst werden kann.

Stand: 30.05.2016

Ein Beispiel: In München erreichen sieben Kilogramm Elektroschrott pro Bürger im Jahr die Sammelstellen. Aufgrund des Lebensstandards in der drittgrößten Stadt Deutschlands müssten es eigentlich 20 Kilogramm sein. Das gleiche Bild zeigt sich auf europäischer Ebene: Insgesamt wurden in den 28 EU-Ländern (inklusive Norwegen und der Schweiz) 3,3 Millionen Tonnen Elektroschrott gesammelt und recycelt. Laut Schätzungen einer groß angelegten Studie wurden aber 9,45 Millionen Tonnen Elektroschrott produziert. Rund zwei Drittel der Elektro-Altgeräte in der EU verschwinden in dubiosen, teils illegalen Kanälen.

Warum illegale Elektroschrott-Ströme ein Problem sind

Die sogenannte CWIT-Studie (Countering WEEE Illegal Trade) wurde von sieben Organisationen, darunter zwei UNO-Institutionen und Interpol, im Auftrag der EU erstellt und im August 2015 veröffentlicht. Die Ergebnisse schlugen hohe Wellen, denn der Bericht zeigt, dass Europa ein Elektroschrott-Problem hat. Durch die illegale Entsorgung von Elektroschrott gehen große Mengen an wertvollen, teils seltenen Rohstoffen (seltene Erden) verloren. Handys zum Beispiel sind wahre Schatzkästchen, die Gold, Silber, Kupfer, Aluminium, Iridium und Germanium enthalten.

Oft gelangt der Elektroschrott nach Asien und Afrika, wo es keine Recycling- Standards gibt und die Bauteile nicht fachmännisch zerlegt werden - zum Schaden der Gesundheit der Müllsammler und der Umwelt, in die Giftstoffe eingetragen werden. Auf Müllhalden in Afrika sollen laut UN zudem bis zu 20.000 Kinder beschäftigt und giftigen Dämpfen ausgesetzt sein.

Wo steht Deutschland?

Wie die Länder der EU mit Elektroschrott umgehen, regeln sie selbst. In Deutschland gibt es dazu das Elektronik- und Elektrogerätegesetz (ElektroG), das auch die sogenannte WEEE-Richtlinie in nationales Recht umsetzt. Das ElektroG soll die Gesundheit und die Umwelt vor schädlichen Substanzen aus Elektro- und Elektronikgeräten schützen und die Abfallmengen durch Wiederverwendung oder Verwertung verringern. Aufgrund der WEEE-Richtlinie ist Deutschland seit 2006 verpflichtet, der EU-Kommission über die Einhaltung vorgegebener Sammel- Quoten zu berichten.

Bislang wurden die Sammelziele nach Vorgaben der Elektroschrott-Richtlinie eingehalten. Allerdings wurde die letzte Neuregelung der Elektroschrott-Richtlinie zu spät eingeführt (Februar 2016). Deutschland wurde von der EU abgemahnt und hätte beinahe eine Strafe zahlen müssen, was noch abgewendet werden konnte.

Elektroschrott-Regelungen in Deutschland

Datenmonitoring

Elektroschrott-Monitoring in Deutschland [Grafik: Umweltbundesamt]

Für das Datenmonitoring in Sachen Elektroschrott ist in Deutschland das Umweltbundesamt zuständig und wird von der Stiftung Elektro-Altgeräte Register (ear) unterstützt. Das Umweltbundesamt sammelt für die Berichterstattung an die Europäische Kommission die Daten von Herstellern, Kommunen, Vertreibern und Entsorgern und bereitet sie den Anforderungen der Berichtspflichten entsprechend auf. Eine weitere Aufgabe der Behörde ist es, die Fortentwicklung der Gesetzgebung auf nationaler und internationaler Ebene zu unterstützen und zu begleiten sowie die Öffentlichkeit über die abfallrechtliche Herstellerverantwortung für Elektro- und Elektronikgeräte zu informieren.

Sammelquoten

Pro Jahr und Einwohner wurden in den Jahren 2006 bis 2010 zwischen 6,3 und 9,4 Kilogramm gesammelt und das Soll damit übererfüllt. Vorgegeben waren nur 4 Kilogramm. Ab 2016 gelten neue, höhere Sammelquoten. Zunächst müssen 45 Prozent des Durchschnittsgewichts der in den drei Vorjahren in Verkehr gebrachten Elektro(nik)geräte gesammelt werden, ab 2019 sind es 65 Prozent. Legt man die neue Quote an die derzeit verfügbaren Daten an, verfehlte Deutschland das Soll in den Jahren 2011 bis 2013 knapp: die Zahlen schwankten zwischen 40,4 bis 42,2 Prozent.

Rücknahmepflicht

Spannend wird es ab 24. Juli 2016: Neben den Kommunen sollen auch Händler Elektroaltgeräte von Kunden zurücknehmen. Dabei gelten einige Einschränkungen: Altgeräte kann man nur in Geschäften mit einer bestimmten Ladengröße (mindestens 400 Quadratmeter) und bei Online-Händlern mit einer bestimmen Lager- und Versandfläche (400 Quadratmeter) abgeben. Entweder man tauscht ein altes Gerät gegen ein neues Gerät der gleichen Art (genannt: 1:1 Rücknahme) oder man gibt kostenlos ein Kleingerät ab ohne ein neues zu kaufen (0:1 Rücknahme). Das Gerät darf nicht größer als 25 Zentimeter Kantenlänge sein und es werden nur haushaltsübliche Mengen angenommen.

Grenzkontrollen

Laut Gesetz darf ein Gerät, das nicht mehr funktioniert nicht außer Landes gebracht werden. Wer das dennoch tut, dem drohen Strafen. Wenn er erwischt wird. Den Export von illegalem Elektroschrott sollen Grenzkontrollen verhindern. Recherchen von Faszination Wissen habe ergeben, dass in ganz Bayern zwei Beamte an 30 Tagen im Jahr kontrollieren. Das heißt, es finden eher Stichproben als Kontrollen statt.

Einschätzung des Umweltbundesamtes

Umweltbundesamt

Was hält das Umweltbundesamt von der CWIT-Studie und wo steht Deutschland bei der Altgeräte-Entsorgung? Christiane Schnepel, Fachgebietsleiterin Produktverantwortung im Umweltbundesamt, sagt, dass die Studie Vergangenheit ist. Zum einen basiert sie auf einer älteren Studie, wie auch die darin genannten Zahlen. Zum anderen gab es inzwischen gesetzliche Neuregelungen, so Schnepel: "Mit der WEEE2, dem ElektroG2 und der Rücknahmepflicht im Einzelhandel hat ein neues Zeitalter begonnen." Durch die Neuregelungen erhofft sich das Umweltbundesamt bevölkerungsnähere Erfassungsangebote für Elektroaltgeräte und dadurch bessere Sammelquoten und mehr Transparenz über die Rücknahmeaktivitäten im Einzelhandel. Händler, die Gebrauchtgeräte exportieren wollen, müssen nun beweisen, dass die Geräte nicht kaputt sind (Umkehr der Beweislastpflicht).

Die Messlatte, ob die Erwartungen an höhere Erfassungsmengen erfüllt werden können, liegt hoch, sagt Schnepel. Die ersten Daten über 2016 werden Mitte 2017 vorliegen. Erst Mitte 2018 kann wirklich eine begründete Bilanz gezogen werden. Bis dahin gilt als Vergleichsbasis, dass in den letzten Jahren circa 7-8 Kilogramm Elektroaltgeräte aus privaten Haushalten - je Einwohner und Jahr - getrennt erfasst und der Verwertung zugeführt wurden.

Theorie und Praxis klaffen auseinander

Wie weit Theorie und Praxis bei der Elektroschrott-Entsorgung auseinanderklaffen, zeigen diese Experten-Einschätzungen. Rüdiger Kuehr, The United Nations University Vice Rectorate in Europe (UNU-ViE SCYCLE), bestreitet, dass die Zahlen der CWIT-Studie veraltet sind. Er verweist auf seine Statistiker, die der Studie zugearbeitet haben. Die Studie beruft sich nicht nur auf Zahlen einer alten Studie, sondern auf viele aktuelle Datenquellen. Die Zahlen wurden statistisch hochgerechnet, da es keine offiziellen Zahlen zur Menge an Elektroschrott gibt. Die Stoffströme werden nicht erfasst.

Dass das neue ElektroG die Elektroschrott-Entsorgung in Deutschland verbessert, wird von vielen Experten bestritten. Helmut Schmidt, Zweite Werkleiter des Abfallwirtschaftsbetriebs München (AWM), bemängelt, dass die Stoffströme nach wie vor nicht erfasst werden. Christian Hagelüken, World Resources Forum, und Rüdiger Kuehr kritisieren, dass nur große Händler die kleinen Elektroaltgeräte zurücknehmen müssen, was den Anreiz seine Geräte zurückzubringen kaum erhöhe. Insgesamt, so viele Experten, sähen sie die ElektroG-Novelle nicht als großen Wurf. Die Sammelquote wird von Experten bemängelt, weil nur mengenbasiert gesammelt wird, das heißt die Sammelquote ist hoch, wenn schwerer Elektroschrott gesammelt wird. Das sagt aber (noch) nichts über die Qualität der gesammelten Rohstoffe aus.

Lösungsansätze für das Elektroschrott-Problem

- Sammeln/Wiederverwerten -

Wild entsorgter Staubsauger

Sammelquoten erhöhen

In Deutschland wird derzeit daran gearbeitet, die Sammelquote zu erhöhen. Ob die Rücknahmepflicht, die ab Juli gilt, dabei hilft, muss sich noch zeigen. Sie könnte dafür sorgen, dass es mehr Sammelstellen in den Innenstädten gibt, die lange geöffnet haben. Auf die meisten (kommunalen) Wertstoffhöfe in Deutschland trifft das nicht zu. Jeder kann mithelfen die Quote zu erhöhen, wenn er alte Elektrogeräte ordnungsgemäß entsorgt - auf dem Wertstoffhof oder ab Ende Juli im Einzelhandel.

Akkus verhindern Container für Elektrokleingeräte

Vor einigen Jahren gab es Versuche mit Containern für Elektrokleingeräte. Sie wurden wieder abgeschafft, weil die Sicherheitsvorgaben für Elektrogeräte verschärft wurden. Der Grund: Lithiumbatterien und -Akkus dürfen nicht in die Container geworfen werden, weil sie als Gefahrgut gelten. Sie können sich entzünden und bei starker Erschütterung explodieren. Zudem dürfen Geräte mit Akkus und Akkus nicht beschädigt sein, um recycelt werden zu können. In Hamburg und Bremen gibt es die praktischen Container für kleine Elektrogeräte (Depot-Container) trotzdem wieder.

Das Fairphone

Wer auf langlebige oder wiederverwendbare Geräte setzt und kaputte Geräte - wenn möglich - reparieren lässt, unterstützt das Recycling-System in Deutschland. Das Fairphone beispielsweise soll mindestens fünf Jahre halten, ist robust gebaut und jedes Bauteil kann ausgewechselt werden. Wo man das Gerät aufschrauben kann, zeigen blau markierte Schrauben. Jedes Ersatzteil ist online erhältlich. Ein Schnäppchen ist das Gerät allerdings nicht.

Pfandflaschen

Pfand fürs Handy

Eine Idee, die sich bisher nicht durchsetzen konnte, ist das Handy-Pfand. In vielen Haushalten werden alte Handys gehortet und nicht zum Wertstoffhof gebracht. Ein Pfand von 10 bis 100 Euro auf Handys könnte das ändern. Bei Flaschen funktioniert’s!

- Kontrollen -

Elektroschrott-Entsorgung kontrollieren

Der Handel mit Elektroschrott sollte besser überwacht werden: In Bayern wird an den Grenzen nur stichprobenartig kontrolliert. Auf den Wertstoffhöfen in München wurde bei einer Großrazzia 2014 illegale Machenschaften von Mitarbeitern aufgedeckt. Der Verdacht auf Hehlerei bestand aber schon viel länger

Im Fracht-Hafen von Hamburg lagern unzählige Container mit Exportgut. Es gibt Überlegungen, die Fracht stärker zu überwachen. Bei den Überlegungen ist es bisher geblieben.

- Infrastruktur -

CWIT-Studie

Empfehlungen der CWIT-Studie

Die Steuerung der Elektroschrott-Ströme lässt sich nur verbessern, wenn es eine Recycling-Infrastruktur auf nationaler und internationaler Ebene gibt, denn die nationalen Kanäle hängen mit den internationalen Kanälen zusammen. Die wichtigsten Bausteine nennt die CWIT-Studie und gibt Empfehlungen für kurzfristige (1. Säule von links), mittelfristige (2. Säule) und langfristige (3. Säule) Maßnahmen. Deutschland sollte noch Nachbessern beim Sammeln von Elektroschrott und bei der Kontrolle der Entsorgung/Verwertung.

Elektroschrott in Afrika

Kleinhändler in Westafrika kurbeln die Wirtschaft ihrer Länder an. Oft beziehen sie ihr einziges Einkommen dadurch, dass sie Müll sammeln und alte Geräte reparieren - mit Ersatzteilen vom Müll. Würde man einen kompletten Export-Stopp von Elektroschrott verhängen, entzöge man diesen Kleinhändlern die Lebensgrundlage. Deshalb setzen Experten wie Andreas Manhart, Ökoinstitut Darmstadt, (noch) auf einen Export-Stopp und Kontrollen, fordern aber auch, das Recycling vor Ort zu fördern. Das könnte durch Anreize geschehen, die Recycling lohnenswert machen: Zum Beispiel den Kleinhändlern Geld geben für abgelieferte Kunststoffe und Kabel, die nicht wie üblich verbrannt oder auf der Straße liegen gelassen wurden. "Die Leute dort sind nicht dumm! Sie sind im täglichen Überlebenskampf und da zählt jeder Cent", sagt Manhart. Das Umweltbundesamt fördert die Recycling-Infrastruktur in Ghana zudem durch Workshops.

- Forschung -

Platine unter dem Röntgenmikroskop

Elektroschrott intelligent zerlegen ...

... mit dem Röntgenmikroskop

Neuere Smartphones sind meist verklebt, nicht mehr verschraubt. Das erschwert es Forschern, die Bauteile voneinander zu trennen und die wertvollen Metalle herauszulösen. Für eine „intelligente Zerkleinerung“ kann man zum Beispiel wie Chemiker an der Universität Regensburg die Platine ausbauen und mit einem speziellen Röntgenmikroskop durchleuchten. Um Gold und Silber frei zu bekommen, muss die Platine allerdings (noch) in eine giftige Lösung gelegt werden. Andere Metalle konnten schon mit einer ungiftigen Lösung aus Harnstoff, Zitronensäure oder sogar Zucker und Vanille herausgelöst werden.

... mit Bakteriophagen

Am Helmholtz-Zentrum Dresden will man mit Viren seltene Erde rückgewinnen: Bei dem Ansatz wird ein DNA-Fragment in Bakteriophagen eingesetzt. Das ist eine spezielle Virusart, die gezielt Bakterien attackiert und sich dort vermehrt. Auf diese Weise erhalten die Forscher eine Bibliothek von mehreren Millionen Phagen, die sich auf ihrer Oberfläche minimal in ihrer Peptidstruktur unterscheiden. Manche dieser Strukturen passen wie ein Schlüssel zu der Oberfläche der sogenannten Seltenen Erden und binden sie an sich. Dadurch können die Phagen auch die Rohstoffe aus Elektroschrott herauslösen.

... durch kompostierbare Naturmaterialien

Nachwuchsforscher am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entwickeln gedruckte Elektronik aus kompostierbaren Naturmaterialien sowie Verfahren für eine industrielle Produktion. Halbleiter und Farbstoffe aus Pflanzenextrakten oder Isolatoren aus Gelatine - die Nachwuchswissenschaftler arbeiten mit biologisch leicht abbaubaren Materialien. "Diese sind zwar nicht so langlebig wie die anorganischen Alternativen, doch die Lebensdauer von Einwegelektronik überstehen sie schadlos", sagt Dr. Gerado Hernandez-Sosa, Leiter der Nachwuchsforschergruppe Biolicht. Zudem könne man die Elektronik, sobald sie ausgedient hat, einfach in den Biomüll oder auf den Kompost werfen.


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