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Russland Wie "Computer-Trolle" agitieren

Russland – der Fall "Lisa": Da kommt in Berlin ein 13-jähriges Mädchen nicht mehr nach Hause. Ihre Eltern, Russlanddeutsche, geben eine Vermisstenanzeige auf. Nach 30 Stunden ist sie wieder da, sie sei von südländisch Aussehenden entführt und vergewaltigt worden, sagt sie.

Von: Christoph Wanner

Stand: 07.02.2016 | Archiv

Grafik Trolle | Bild: BR

Die russischen Medien nutzen dies für ihre Propaganda gegen Deutschland: Die Flüchtlingskrise habe Deutschland zu einem Chaos-Staat gemacht: 13-jähriges Mädchen von Immigranten vergewaltigt, die Polizei nicht in der Lage, Frauen und Kinder zu schützen, Politiker und Kriminalisten, die aus political correctness den Fall unter die Decke kehren wollen - so die Schlagzeilen. Und weil sie keine Beweise haben, werden einfach Bilder hinzu erfunden: Die Polizisten, die angeblich zum "Fall Lisa" nichts sagen wollen, tragen den Schriftzug "Polis" am Rücken - es sind also gar keine deutschen Polizisten, sondern skandinavische. Die Übergriffe der Silvesternacht in Köln werden mit Bildern von Gewaltexzessen am ägyptischen Tahrir belegt, die zuvor in den sozialen Medien kursierten.

So wird ein Bild von Deutschland in Angst und Chaos produziert. Das ist keine schlampige journalistische Arbeit mehr, das ist Nachrichtenfälschung. Und während die deutsche Polizei klarstellte, dass die Entführungs- und Vergewaltigungsversion falsch ist, trat in Moskau Außenminister Lawrow vor die Presse und äußerte die Sorge um "unsere Lisa" und dass die Wahrheit von deutschen Behörden vertuscht werde. Eine Unterstellung und Einmischung in deutsche Innenpolitik.

Russland führt schon seit längerem gegen Europa einen wahrhaftigen Propagandakrieg: Ziel ist es. unsere Gesellschaften zu verunsichern und zu destabilisieren. Dazu werden spezialisierte "Cyberkrieger" eingesetzt. Im Sommer letzten Jahres haben wir gezeigt, wie von einer "Fabrik" in St. Petersburg im Dienst des Kremls gezielt die deutsche Medienwelt beeinflusst wird. Unser Autor Christoph Wanner hat uns bestätigt, dass es unvermindert so weiter geht, und dass auch seine Kronzeugin zu ihren Aussagen steht. Wir zeigen ihn deswegen heute noch einmal, als Beispiel für Russlands hybriden Krieg.

Schichtwechsel im Institut für Internetrecherche in Sankt Petersburg, auch Troll-Fabrik genannt. Rund 400 Trolle fluten die Kommentarspalten von russischen und internationalen Nachrichtenseiten mit Putin-Propaganda oder beleidigen Systemgegner.

Die Provokateure im Dienste des Kreml sind von der Außenwelt abgeriegelt. Es gilt strengste Geheimhaltung. Gearbeitet wird in Großraumbüros, in zwei Schichten, rund um die Uhr. Das Ziel der Trolle: Meinungsmache zugunsten des Präsidenten.

Ludmilla Sawtschuk

Die Troll-Fabrik von innen, gedreht mit einem Handy von Ludmilla Sawtschuk . Die 34-Jährige hat zwei Monate in der geheimen Gehirnwäschefabrik gearbeitet. Dann hatte sie es satt. Sawtschuk hat die Trolle mit Hilfe mutiger Journalisten auffliegen lassen.

"Es geht darum, vor allem Amerika und die Ukraine zu kritisieren. Darüber hinaus sollen europäische Politiker durch den Dreck gezogen werden. Und wir sollten uns über europäische Werte lustig machen."

Ludmilla Sawtschuk, Systemgegnerin und Extroll

Jüngstes Ziel der Trolle: Die Bundeskanzlerin. Provokateure versuchen Merkels Auftritt in sozialen Netzwerken mit Beschimpfungen zu sabotieren. Hintergrund sei das schlechte Ost-West-Verhältnis, sagt Sawtschuk.

"Da sind mit absoluter Sicherheit Trolle am Werk. Wenn auf Instagram ein neuer Beitrag veröffentlicht wird, bekommen sie automatisch einen Link, eine Warnung. Dann fangen sie sofort an schmutziges Zeug zu schreiben. Man kann das Shitstorm nennen."

Ludmilla Sawtschuk

Ein ehemaliger Kollege von Ludmilla, Marat, hat Fremdsprachenkenntnisse. Der Ex-Troll kennt deswegen zusätzliche pikante Interna. Er sagt, zunehmend würden auch deutsche Nachrichtenseiten von Internetprovokateuren attackiert:

"Sie schreiben Kommentare auf Deutsch, auf deutschen Nachrichtenseiten. Sie sind immer gegen Merkel und Obama und gegen europäische Politik. Sie sind immer für Putin und russische Politik."

Marat, ehemaliger Kreml-Troll

Ein Beispiel für Trollverdacht auf einer deutschen Nachrichten Seite: Spiegel-Online schreibt über den Besuch des Kremlchefs beim Papst. Putin, wegen seiner aggressiven Ukraine-Politik im Westen vielerorts geächtet, werde vom Pontifex willkommen geheißen. In der Kommentarleiste des Spiegel-Artikels freut sich ein Leser darüber, dass der Westen Putin nicht isolieren könne. Dazu brauche man noch viel mehr Isofilm. Isofilm, ein Wort, das es im Deutschen nicht gibt. Prompt ätzt ein anderer Diskussionsteilnehmer: "Ist Isofilm etwa das russische Wort für Isolierband?"

Immer wenn im Internet putinfreundliche Kommentare auftauchen, bestehe Troll-Gefahr sagt Ludmilla Sawtschuk.

"Die Palette der Trolle ist groß: Sie steinigen andere Leser, die ihnen zu kremlfeindlich sind. Sie schreiben Briefe an putinkritische Autoren, Redaktionsleiter, Verlage oder Sender. Das machen sie in Russland und im Ausland. Sie haben ja für ihre Attacken Mitarbeiter, die Fremdsprachen können."

Ludmilla Sawtschuk

Ludmilla Sawtschuk und Diana Chatshatrian

Sawtschuk teilt ihr Wissen über Trolle mit der Nowaija Gaseta, eine der letzten kremlkritischen Zeitungen im autoritären Russland. Die investigative Journalistin Diana Chatshatrian ist dem mutmaßlichen Finanzier vieler Internet-Provokateure auf der Spur: Jewgenie Prigoschin, Putinfreund, steinreicher Restaurant- und Cateringbesitzer. Die Troll-Fabrik ist offenbar ein Dankeschön an den Kremlchef für all die großzügigen Staatsaufträge.

Vom Bankett bis zum Edel-Barbecue - Prigoschin ist so etwas wie Putins Leibkoch. Oligarch Prigoschin lasse sich die Trolle einiges kosten, sagt Chatschatrian, rund 800 Euro pro Mann im Monat; nicht schlecht für russische Verhältnisse.

"Wir haben schon einiges über ihn geschrieben. Prigoschins Holding Concord ist sehr aktiv. Mitarbeiter seiner Firmen sind in große Propagandaprojekte involviert."

Diana Chatschatrian, Nowaija Gaseta

Mit Hilfe der Nowaija Gaseta will Sawtschuk die Chefs der Trolle ans Tageslicht zerren, wenn möglich sogar vor Gericht bringen - ein gefährliches Vorhaben.

"Ich bekomme Drohungen. Ich werde oft gefragt, ob ich nicht wüsste, dass man für so was umgebracht werden kann. Tag und Nacht kommen Anrufe. Es ist wirklich beängstigend."

Ludmilla Sawtschuk

Drohungen, Propaganda und Beleidigungen - das platte Konzept der Netzprovokateure scheint zu funktionieren. Ansonsten würden ihre Geldgeber wohl kaum Millionenbeträge in Gehirnwäschefabriken wie in Sankt Petersburg stecken. Ludmilla Sawtschuk will sich nicht einschüchtern lassen, sondern weiter versuchen den Trollen den Spaß an ihre Internethetze zu verderben.


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