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Europa-Reportage Deutsch-rumänische Begegnungen - Medizinstudium in Klausenburg

Zwei junge Frauen aus Ost und West, die 28-jährige Alexandra aus Cluj und die 24-jährige Linda aus Memmingen, die in Klausenburg seit fünf Jahren Medizin studiert, zeigen das Leben der zweitgrößten Stadt Rumäniens.

Von: Birgit Muth

Stand: 06.01.2019 | Archiv

Straße in Cluj | Bild: BR

Über den Dächern von Klausenburg in Siebenbürgen in Rumänien: Wir sind mit Alexandra Rusu verabredet. Die 28-jährige Kulturreferentin des hiesigen Goethe-Zentrums schwärmt von dem aufkommenden frischen Wind in Cluj-Napoca, wie Klausenburg auf rumänisch heißt:

"Rumänien ist facettenreich, und ich glaube, die Leute haben genug Ressourcen, um kreativ zu sein, auch Energieressourcen, sich sehr viel einzubringen, besonders die Jugend: die haben einen sehr großen Wunsch, die Sachen voranzutreiben."

Alexandra Rusu, Goethe-Zentrum Klausenburg

Alexandra Rusu

Alexandra, die seit sieben Jahren am Goethe-Zentrum arbeitet, verdankt ihren Deutschkenntnissen auch ihren Job: als Schülerin lebte sie für ein Jahr bei einer Gastfamilie in Deutschland; später dann als Studentin absolvierte sie ein Praktikum bei einem Abgeordneten im Deutschen Bundestag.

"Ich habe angefangen, Deutsch zu lernen so richtig in der ersten Klasse, da ich eine deutsche Schule besucht habe. Denn in meiner Heimatstadt gab es viele Sachsen und da gab es die Möglichkeit, eine deutsche Schule zu besuchen. Und meine Eltern fanden es spannend, dass ich eine Fremdsprache so richtig gut lerne. Und dafür bin ich auch sehr dankbar, weil mit der Zeit habe ich angefangen, mir diese Sprache anzueignen und sie auch sehr toll zu finden. Manchmal passiert es mir auch, dass ich auf Deutsch träume oder Deutsch denke."

Alexandra Rusu

Deutsch-rumänische Freundschaften

In Deutschland genauso wie in ihrer Heimat hat Alexandra viele deutsche Freunde, Siebenbürger Sachsen, eine deutschsprachige Minderheit in Rumänien, genauso wie "Zugereiste". Heute Abend ist sie mit der 24-jährigen Linda aus Memmingen zum Essen verabredet. Die junge Frau studiert seit fünf Jahren Medizin in Cluj. In gut einem Jahr wird sie ihren Abschluss als Ärztin haben. Für Linda hat sich der Einsatz gelohnt: In Deutschland hätte sie mit der Abiturnote einige Jahre auf einen Studienplatz in Medizin warten müssen. Hat sich ihr Bild von Rumänien bewahrheitet?

"Ja man hat ja eher ein schlechtes Bild von Rumänien. Aber die Leute sind hier total aufgeschlossen. Ich muss sagen, ich lebe hier schon gern. Es gefällt mir schon sehr gut, sehr multikulturell würde ich sagen."

Linda Kratzer, Medizinstudentin

Bei den jungen einheimischen Klausenburgern aufgenommen zu werden, Freunde vielleicht sogar fürs ganze Leben zu finden – das Medizinstudium in Cluj hat Linda weit mehr Möglichkeiten eröffnet als einen Abschluss als Ärztin nach sechs Jahren in der Tasche zu haben.

Inzwischen spricht Linda Rumänisch, nicht nur für die Behandlung von Patienten, sondern auch fürs tägliche Leben ein Muss:

"Alleine schon am Anfang, dass man nichts versteht, was auf den Verpackungen steht, aber dadurch, dass man die Sprache lernt, gewöhnt man sich an alles."

Linda Kratzer

Bei rund 330.000 Einwohnern prägen die knapp 100.000 Studenten aus dem In- und Ausland das Stadtbild, die entsprechenden Szene-Kneipen und Cafés inklusive. Mitten im Herzen Klausenburgs, der faktischen Hauptstadt Siebenbürgens, liegt die Universität für Medizin und Pharmazie. Von den insgesamt knapp 8000 in- und ausländischen Studenten sind allein rund 560 deutsche Studierende der Medizin wie Linda, und dazu kommen noch knapp 90 der Zahnmedizin.

IT-Standort Cluj

In einem der Gebäude der medizinischen Fakultät hat sich auch Clujs IT-Cluster, eine Art Netzwerk angesiedelt, getragen von internationalen und nationalen Firmen. Dabei ist die Medizintechnik wohl nur ein kleiner Teil. Was Breitbandverbindungen betrifft, ist Rumänien alles andere als abgehängt, sondern verfügt über die schnellsten Breitbandverbindungen Europas. Und mit rund 100.000 IT-Spezialisten, davon in Cluj 20.000, hat Rumänien pro Kopf mehr IT-Ingenieure als die USA, Indien, China oder Russland.

Nur wenige hundert Meter weiter: Im Bezirkskrankenhaus von Cluj-Napoca mit über 1500 Betten und 3000 Angestellten werden rund 70.000 Patienten im Jahr behandelt Als eine der größten öffentlichen Kliniken in Rumänien ist es zudem ein Lehrkrankenhaus für die rumänischen und ausländischen Studierenden.
Fachgebiet Hals-Nasen-Ohren: Nach einer kurzen Einleitung durch die Ärztin und Dozentin darf Linda den 83-jährigen Patienten untersuchen. In den höheren Semestern lernen die Studierenden durch direkten Kontakt mit Patienten und deren Krankheitsbild und dürfen auch – freilich unter Aufsicht – behandeln.

"Der große Unterschied ist, dass es sehr viel praktischer ist. Wir sind jeden Morgen in der Klinik, haben jeden Morgen Patienten, an denen wir üben."

Linda Kratzer

Kulturszene in Cluj

Ioan Sbarciu

Alexandra, die Kulturreferentin des Goethe-Zentrums, liebt Klausenburg, auf Schritt und Tritt Geschichte und Kultur. Nicht nur IT, sondern auch Kunst geht von hier in die Welt hinaus. Gegen die politischen Schwierigkeiten im Land kämpft eine Art Cluj-Connection, die zeigt das Transsilvanien, wie Siebenbürgen auch genannt wird, nicht über oder hinter dem Wald ist, sondern mitten in Europa.
Die erste Adresse ist das Banffy-Palais, benannt nach dem ungarischen Grafen Banffy. Heute ist es Sitz des städtischen Kunstmuseums und zählt mit seinem Innenhof zu den schönsten Barock-Gebäuden Osteuropas. Hier sind wir mit Professor Ioan Sbarciu von der Universität für Kunst und Design verabredet und zugleich einem der größten zeitgenössischen Künstler Rumäniens.

"Der Osten muss irgendwie nachholen: Die Jugend ist sehr enthusiastisch, sehr talentiert, sehr frisch und hat einen großen Wunsch, Sachen zu tun, zu machen."

Ioan Sbarciu, University of Art and Design Cluj-Napoca

Wer aus der dynamischen Stadt Klausenburg kommt, erlebt bei der Fahrt über Land noch vielerorts traditionelles Leben. In der alten Barockstadt Gherla sprechen die bunten Häuser und die vielen Kirchen für den kulturellen Reichtum Siebenbürgens. Einst gab es hier auch eine große armenische Gemeinde.

Und vielleicht ist es gar kein Gegensatz: Einerseits ist Siebenbürgen eine zutiefst europäische Gegend, darüber hinaus wird sie aber auch als Schnittstelle zwischen Orient und Okzident angesehen.


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Sacon, Dienstag, 15.Januar 2019, 19:18 Uhr

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Sehr interessante und authentische Reportage!