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Italien Ausverkauf in Venedig

Der Massentourismus in der berühmten Lagunenstadt Venedig nimmt immer mehr zu: ein Milliardengeschäft. Etliche alte Palazzi wechseln den Besitzer und werden zu Nobelhotels umfunktioniert. Die Einheimischen schlagen Alarm.

Von: Karl Hoffmann

Stand: 21.10.2018

Touristen in Venedig | Bild: BR

Venedig morgens um fünf: Venedig – Traumziel für Touristen in aller Welt. Idylle pur. Ein paar Stunden später beginnt dann der Alptraum: Am Hafen eine ganze Flotte von Luxuslinern. Touristen stürmen die Stadt. Sie kommen mit Bussen und mit Bahnen. In Venedig wird es eng.

Marco Gasparinetti

Marco Gasparinetti ist in die Peripherie geflohen, auf die Nachbarinsel Murano, wo es weniger Touristen gibt. Marco, im Hauptberuf Anwalt, kämpft seit Jahren gegen den langsamen Tod seiner Heimatstadt. So oft er kann, fährt er über die Lagune ins Stadtzentrum, um die massiven Veränderungen in Venedig zu begutachten. Etwa 20 Minuten braucht er bis zum Canal Grande, dorthin, wo er früher zu Miete gewohnt hat, gleich bei der Rialto-Brücke, in diesem herrlichen Palazzo.

"Überall nur noch Hotels, Privatboote dürfen gar nicht mehr anlegen. Natürlich ist es toll, hier zu wohnen, einer der ältesten Palazzi von Venedig. Aber ansonsten nur Nachteile durch die Touristenmassen, speziell hier an der Rialto-Brücke, wo sich alles drängt."

Marco Gasparinetti

30 Millionen Touristen im Jahr – Venedig verkommt zur Kulisse für Selfies. Die UNESCO hat gedroht, Venedig den Status als Weltkulturerbe zu nehmen. Wie kann das verhindert werden?

"Wir haben zwar keine Zauberformel, aber letztes Jahr haben wir beschlossen, dass es im Stadtzentrum keine neuen Hotels mehr geben darf."

Paola Mar, städtische Tourismusbeauftragte

Zu spät, sagen die Kritiker: Venedig habe längst schon seinen ursprünglichen Charakter als Gesamtkunstwerk verloren. Und Hotels entstehen trotz angeblichen Verbotes weiterhin.

"Dieser riesige Komplex wird auch zu einem Hotel umgebaut. Wer hat das erlaubt? Die Gemeinde. Das gehört einer Hotelkette aus Spanien, die von Chinesen aufgekauft wurde."

Marco Gasparinetti

Nur hundert Meter weiter: eines der wertvollsten Objekte am Canal Grande. Jüngst hat es den Besitzer gewechselt.

"Es handelt sich um eine Chinesin, die auch eine der berühmten Palladio-Villen erworben hat. Beide Objekte sollen zusammen 100 Millionen Euro gekostet haben. Der Palazzo war für uns ein Symbol – ein Palazzo, dessen Besitzer ausschließlich Venezianer waren."

Marco Gasparinetti

Paolo de Franceschi

Immer mehr Touristen und immer mehr Investoren aus China. Fast 140 Geschäfte und Lokale sind bereits in chinesischer Hand wie in der Calle dei Fabbri gleich hinter dem Markusplatz. Ein einziger Laden hat diesen rasanten Wandel überstanden. Marco kommt hierher aus reiner Nostalgie. Seit 60 Jahren lebt hier Paolo de Franceschi. Er ist Krämer und Schuster in Einem.

"Ich reparier immer noch Schuhe, weil ich ohne nicht Arbeit leben kann."

Paolo de Franceschi

Doch die Arbeit wird weniger. Die Konkurrenz nimmt zu, die Stammkundschaft wird immer kleiner.

"Die Taschenverkäufer in der Straße sind alles Chinesen. Um die Ecke haben noch viele Venezianer gewohnt. Dann haben sie ein Hotel eröffnet und die Einheimischen sind verschwunden. Und prompt gab es weniger Arbeit."

Paolo de Franceschi

Paolo ist 80 Jahre alt. Er hätte längst sein Geschäft teuer an chinesische Investoren verkaufen können, aber das kommt für ihn nicht in Frage:

"Ich gebe das niemals her. Ich bin verliebt in meinen Laden und in Venedig."

Paolo de Franceschi

Nur noch gut 50.000 Einwohner zählt die Stadt. Die Alten sterben, die Jungen ziehen weg, weil sie die teuren Mieten nicht mehr bezahlen können. Die historischen Paläste werden zu Bed&Breakfast-Immobilien umfunktioniert. Kein Gesetz verbietet den Kauf und die Umwandlung in Unterkünfte für Touristen. Die Preise entsprechen den zu erwarteten Renditen.

Das gilt auch für öffentliche Gebäude, wie die frühere Hauptpost, verkauft an die Firma Benetton, vermietet an eine Holding mit Sitz in Hongkong. Im Herzen von Venedig: ein Luxusangebot ohnegleichen und mit einem einzigartigen Blick auf die Rialto-Brücke für die Kundschaft der Zukunft, vorwiegend aus Fernost.

Die Bürger von Venedig beklagen vor allem, dass sie kein Mitspracherecht mehr haben. Drei Milliarden Euro jährlich Umsatz bringt der Tourismus, zum Teil auch Schwarzgeld. Ein Goldrausch, der reiche Investoren aus aller Welt anzieht. Sie haben mit der alten Stadt nur eines im Sinn: Geschäfte machen.

"In den kommenden Jahren möchten 400 Millionen Chinesen Venedig besuchen. Deshalb erwerben Chinesen schon jetzt Hotels und Lokale mit Plastiktüten voller Geld – Millionenbeträge ausschließlich in bar."

Marco Gasparinetti

Der Tourismus soll sich demnächst auch auf das nahe gelegene Festland ausweiten: hier sollen Luxusläden und Hotelhochhäuser entstehen – eine glänzende Zukunft für die Wirtschaft und düstere Aussichten für die letzten Venezianer.


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