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Frankreich Gegen die Lebensmittelverschwendung

Frühmorgens in Paris: Während die Metropole an der Seine erst langsam erwacht, herrscht bei einem Obst- und Gemüsegroßhändler in einem Vorort bereits Hochbetrieb.

Von: Martina Schuster und Johannes Thürmer

Stand: 11.11.2018 | Archiv

Stiegen mit Obst | Bild: BR

Yannick Saille von der örtlichen Tafel holt hier Lebensmittel ab, die früher einfach weggeworfen wurden. Doch seit zwei Jahren geht das hier in Frankreich nicht mehr. Im Gegenteil: Es ist sogar Pflicht, die Ware weiterzugeben, denn seit 2016 gibt es bei unseren Nachbarn ein Gesetz, das verbietet, noch genießbare Lebensmittel wegzuwerfen. Die Strafen: 4000 Euro und mehr. Tafeln und andere soziale Einrichtungen profitieren von dem neuen Gesetz:

"Ja, wir haben deutlich mehr Spenden: Geschäfte, die früher gar nichts weitergegeben haben, spenden jetzt. Seit es eine gesetzliche Verpflichtung gibt, sind es wirklich deutlich mehr Unternehmen, die uns etwas geben."

Yannick Saille, Restos du Cœur

Yannick Saille

Seit Yannick Saille vor drei Jahren in Rente ging, engagiert er sich bei der Tafel Restos du Cœur – übersetzt Restaurants der Herzen. Und mit ihm arbeiten viele weitere Ehrenamtliche in dieser Tafel, die einen berühmten Gründer hat: Coluche – ein in Frankreich sehr bekannter Schauspieler und Komiker.

Punkt neun Uhr wird die Ausgabe an Bedürftige gestartet – doch ein Gedränge erleben wir nicht. Kein Wunder: Im Vorfeld werden Termine vergeben. So bleibt für jeden Kunden genug Zeit. Und die Zahl der Bedürftigen steigt in den eher sozial schwachen Pariser Vororten. Da kommt das neue Gesetz gerade recht. Insgesamt landen allein bei dieser Tafel nun 15 Prozent mehr Lebensmittelspenden als zuvor.

Jacques Bailet

Und in den Supermärkten hat ein Umdenken stattgefunden – sowohl bei den Händlern als auch bei den Verbrauchern. Am deutlichsten sieht man das an den Müllmengen. Während in Deutschland über 80 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf und Jahr weggeworfen werden, ist es in Frankreich nur noch ein Drittel davon.
Das liegt auch an der Arbeit dieser Tafel: der Banque Alimentaire in Paris, der ältesten Tafel Europas. Hier betreibt man auch Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung:

"Wir von der Banque Alimentaire zum Beispiel gehen in die Schulen und Hochschulen, um zu erklären, dass man Lebensmittel nicht verschwenden soll, und um zu erklären, dass es Menschen gibt, die nicht genügend zu essen haben. Und so hat dieses Gesetz zu einem Umdenken geführt."

Jacques Bailet, Banques Alimentaires

Alice Alexanian

Und zu mehr ehrenamtlichen Helfern: Alice Alexanian zum Beispiel hat so die Tafel kennengelernt.

"Als ich noch gearbeitet habe, hatte ich keine Zeit. Aber jetzt habe ich Zeit. Und so arbeite ich jetzt einmal pro Woche hier in der Verteilung. Warum ich das mache? Um zu helfen und auch, weil ich Zeit habe."

Alice Alexanian

In dieser Lagerhalle werden die Spenden zentral gesammelt, sortiert und auf verschiedene Ausgabestellen überall in Paris verteilt. Was wir hier noch erfahren: Der französische Staat hat nicht nur ein Wegwerfverbot eingeführt. Zusätzlich haben Firmen in Frankreich bei Lebensmittelspenden auch steuerliche Vorteile:

"Wenn ein Unternehmer an eine Tafel wie die unsere Lebensmittel im Wert von 100 Euro spendet, bekommt er von der Steuer 60 Euro zurück."

Jacques Bailet, Banques Alimentaires

Und damit ist das Spenden sogar attraktiver als die Ware zum halben Preis zu verkaufen.

Zurück zu Yannick Saille und den anderen Helfern der „Restaurants der Herzen“. Zwei Jahre nach der Einführung des Gesetzes gegen Lebensmittelverschwendung steht für alle hier fest: Die neuen Regelungen sind ein voller Erfolg, für Hersteller und Handel genauso wie für Tafeln und Bedürftige.


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Eberhard Dunst, Sonntag, 11.November 2018, 17:04 Uhr

1. Tafeln

Sehr geehrte Damen und Herren,
habe eben die Sendung Euroblick gesehen und muss mit Erstaunen feststellen, dass es bis München noch nicht vorgedrungen ist, dass es auch in Deutschland genügend Tafeln gibt.
Warum wird das Ausland (hier Frankreich) dabei so gelobt. Man hätte diesen Bericht eben so gut in Deutschland drehen können.
Aber das ist typisch BR! Andere zählen immer mehr als die eigenen Leute im Lande.

  • Antwort von euroblick, Sonntag, 11.November, 22:22 Uhr

    Absolut richtig und vielen Dank für den Hinweis! Wir beschäftigen uns nun einmal mit Europa, schauen also aus Bayern und Deutschland hinaus. Und in unserem Bericht fanden wir eben das französische Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung interessant. Das nimmt freilich nichts dem tollen Engagement der Tafeln in Bayern und Deutschland!