BR Fernsehen - Dokumentarfilm


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Interview mit dem Regisseur Florian Opitz über "Speed - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"

"Ich versuche auf jeden Fall bewusster mit meiner Zeit umzugehen. Und wenn ich mich mal wieder erwische, wie ich alle Optionen wahrnehmen möchte, versuche ich auch, ein paar davon sausen zu lassen", so Regisseur Florian Opitz über sein eigenes Verhältnis zum Thema "Zeit" - und zwar nach den Dreharbeiten.

Stand: 24.02.2017

Speed | Bild: BR

Interview mit Florian Opitz

Was bedeutet für Dich Beschleunigung? Wie äußert die sich denn im Alltag?

Nun ich glaube das kennt jeder. In verschiedenen Lebensphasen fühlt sich das zwar unterschiedlich an, aber ich denke, dass viele Leute heutzutage das Gefühl haben, dass sie unvollkommen sind, weil sie für all das, was sie sich vorgenommen haben, nicht genug Zeit haben. Sie sind ständig gehetzt und empfinden das als Mangel an sich selbst und an ihrem Lebenskonzept. Das ging mir ein Stück weit auch so. Ich denke, dass viele Menschen so empfinden, liegt daran, dass sich unser Leben innerhalb der letzten zwanzig Jahre und vor allem seit der großen Digitalisierungswelle enorm beschleunigt hat. Wir haben die ganze Zeit unglaublich viele Möglichkeiten, zwischen denen wir ständig wählen müssen. Wir können uns zum Beispiel immer jeden Film anschauen und alle Alben anhören. Das lastet uns unheimlich viele Entscheidungen auf und ein großer imaginärer Druck entsteht, da man auf nichts verzichten möchte. Daher müssen wir lernen mit diesen Optionen umzugehen und auch lernen auf einige zu verzichten. Dann kann man die Option, die man letztendlich einlöst, wieder bewusster wahrnehmen.

Wieso ein Film über die gesellschaftliche Beschleunigung?


Die Frage die ich mir gestellt habe, war, nehme ich die Beschleunigung verstärkt war, weil ich älter geworden bin, ist es also ein Altersphänomen, oder hängt es mit der Zeit, in der wir leben zusammen. Es ist von beidem ein wenig, aber es liegt vor allem an dem Wandel der Zeit. Ich habe angefangen, mich abstrakt mit dem Thema zu beschäftigen und begonnen, Bücher darüber zu lesen. Das Spannendste war das von Hartmut Rosa. Er führt diese Beschleunigung zurück auf das System, in dem wir leben. Den beschleunigten westlichen Kapitalismus. Als ich das gelesen habe, dachte ich, das ist ein Thema, über welches ich einen Film machen möchte. Und zwar auf eine Art und Weise, die den Zuschauern vor Augen führt, dass sie einfach mal ein wenig nachdenken sollen über unser gesellschaftliches System. (...)

In Deinem Film fühlt man sich zeitweise an Science Fiction Szenarien erinnert. Übertreibst Du da nicht? Sind wir Menschen nicht mehr schnell genug für das System, das wir geschaffen haben? Werden bald Maschinen die Kontrolle übernmehmen?

Haben sie ja auf gewisse Weise schon. Das sieht zwar anders aus als in Science-Fiction Filmen wie Terminator, aber wir sind von solch einem Szenario tatsächlich gar nicht mehr so weit entfernt. In meinem Film beschreibe ich ja die Funktionsweise der Finanzmärkte. Da kann man sehen, wie wenig menschliche Interventionsmöglichkeiten es hier noch gibt. Das läuft fast alles automatisch ab. Unser Wirtschaftsystem, zumindest der Großteil der Kapitalmengen, die täglich herumgewälzt werden, ist komplett computergesteuert. Dass müssen wir uns klarmachen, wenn es mal wieder von Seiten der Politiker heißt: "Die Märkte brauchen beruhigende Signale.“ Wer sind denn diese Märkte? Dass sind Maschinen, die in Mikrosekunden, also in Millionstel von Sekunden z.B. Aktien oder Währungen kaufen oder verkaufen. Das läuft alles automatisch. Da spielen gesellschaftliche oder menschliche Erwägungen keine Rolle mehr. Der menschliche Faktor ist aus dem Spiel genommen. Die Konsequenzen dieser Entscheidungen können aber über Wohl und Wehe der Menschheit und der Erde entscheiden. Das ist so als würden wir es komplett den Computern überlassen.

Aber wie könnten wir uns Deiner Meinung nach aus dem Hamsterrad des beschleunigten Kapitalismus befreien? Durch eine gleichmäßige Verteilung des Einkommens? In Deinem Film wird ja auch die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens propagiert.

Es geht nicht um die gerechte Verteilung von Reichtum. Zumindest nicht in erster Linie. Wir müssen die Ursachen des Problems anpacken. Denn auch die Eliten, die genug Geld haben, sind auf eine bestimmte Weise Opfer dieses Hamsterrads. Deswegen ist es wichtig, dass wir in das Zentrum unseres Denkens als Bürger, aber auch in das Zentrum des Denkens in der Politik wieder Gesellschaftsentwürfe rücken, die ein positives Ziel formulieren: das Glück der Menschen oder das gute Leben. Wie zum Beispiel in Bhutan. Denn das Ziel gesellschaftlichen Handelns kann doch nicht sein wettbewerbsfähig zu bleiben oder nicht abgehängt zu werden. Aber das ist es momentan.(...)

Ist Aussteigen nicht die einfachste Lösung, um die Beschleunigung aufzuhalten? Du hast ja sicher nicht ohne Grund zwei Aussteiger in Deinem Film porträtiert.

Ich glaube schon, dass solche individuellen Konzepte möglich sind, aber ich möchte nicht, dass der Film bei diesen aufhört. Eigentlich geht es mir in dem Film darum, gesellschaftliche Konzepte zu zeigen. Und zu sagen, der individuelle Ausstieg ist auch eine individuelle Lösung, aber er ändert nichts am generellen Problem der Beschleunigung.

Würdest Du sagen, dass es auf einer individuellen Ebene überhaupt eine Lösung für das Problem der Beschleunigung gibt, oder ist das ein Problem, das man gesellschaftlich angehen muss?


Das ist eigentlich mein Hauptanliegen. In SPEED steht zwar ein Ich-Erzähler im Mittelpunkt, und der Film wird aus einer subjektiven Perspektive erzählt, aber er behandelt ein gesellschaftliches Problem. Es geht nicht um die Zeitnot oder das mögliche Burnout von Florian Opitz, sondern es geht um die beschleunigte Gesellschaft. Es geht um das Hamsterrad, in dem wir alle leben. Ich denke, es gibt die universelle gesellschaftliche Lösung noch nicht, aber an der sollten wir gemeinsam arbeiten. Ich glaube, es ist total wichtig, dass wir vor lauter Mitrennen und Funktionieren im Hamsterrad, vor lauter Wettbewerb und Effizienzkampf, nicht vergessen über diese Dinge nachzudenken. Es ist wichtig, dass man offen bleibt oder sich wieder offen macht für die Frage, wie wir eigentlich leben wollen. Ich kann diese Frage im Film nicht abschließend beantworten, aber mir ist wichtig, dass wir sie immer wieder stellen.

Würdest Du sagen, "SPEED - Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" ist ein kapitalismuskritischer Film?

Klar. Auf jeden Fall! Ich bin seit jeher ein politischer Mensch gewesen, und das stand auch immer im Zentrum dessen, was ich erzählen möchte. Ich bin immer ein wenig unglücklich darüber, wenn der Film von manchen Leuten so aufgenommen wird, als wäre es ein Film über die Zeitnot von Florian Opitz. Ich erzähle den Film zwar persönlich und aus meiner subjektiven Perspektive, aber ich sehe mich eher als Vehikel, um den Leuten diese Phänomene deutlich zu machen. Der Film soll eine Kritik an unserem beschleunigten Kapitalismus darstellen. Den mache ich verantwortlich für das Hamsterrad, in dem wir leben. Der treibt es an. Dadurch, dass wir uns in dem Hamsterrad bewegen, sowohl individuell, als auch als Gesellschaft, kommen wir einfach nicht mehr dazu, uns Gedanken darüber zu machen, wie wir unser Leben führen wollen.

Das „Bruttonationalglück“ der Bhutaner, einer der gesellschaftlichen Gegenentwürfe, die Du in Deinem Film vorstellst, ist hier zunächst ja eher belächelt worden …

Die Bhutaner haben diesen sehr marketingträchtigen Namen für ihr Modell gefunden, aber das ist durchaus ein wissenschaftlich untermauertes Konzept, das die Politik in Bhutan bestimmt. Die Bhutaner haben Parameter erstellt, um zu bestimmen, was die Menschen dort glücklich macht. Sie ermitteln in Umfragen, was für die Leute zum Lebensglück gehört. Das sind teilweise Dinge, die logisch sind, und die wir in abgewandelter Form auch so sagen würden. Aber es sind auch andere dabei, wie zum Beispiel die intakte Gemeinschaft und die Tradition. Eine Regierung findet heraus, was ihre Bürger zum Glück brauchen, und richtet ihre Politik danach. Das ist so einfach, dass es schon wieder erstaunlich ist. (...) Das fängt mit dem Tourismus an. Die Bhutaner sagen: Wir öffnen unser Land für ca. 30.000 Touristen im Jahr, nicht mehr, aber die müssen auch eine Pauschale von 200 Dollar am Tag bezahlen. Das ist natürlich teuer, aber nach der Devise „High Quality Low Volume“ ist in diesem Betrag die Verpflegung drin, das Hotel, ein Fahrer, ein Guide und ein Auto. Der Hintergrund ist, dass die Bhutaner wollen, dass das Geld auch im Land landet, dass Arbeitsplätze für Bhutaner geschaffen werden und nicht irgendwelche ausländischen Hotelketten alles abschöpfen. Das ist nur ein Beispiel für die Politik Bhutans. Auch das Bruttonationalglück ist jetzt natürlich keine zu 100% taugliche Lösung für uns. Aber es war mir wichtig zu zeigen: Schaut mal über den Tellerrand des westlichen modernen Kapitalismus. Es gibt Auswege.

Hat sich Dein eigenes Verhältnis zur Zeit durch die Beschäftigung mit dem Thema Beschleunigung verändert?

Das musst Du meine Freundin fragen: Sie würde wahrscheinlich sagen, es hat sich nicht viel geändert. Ich dagegen würde schon sagen, dass sich etwas verändert hat. Ich versuche auf jeden Fall bewusster mit meiner Zeit umzugehen. Und wenn ich mich mal wieder erwische, wie ich alle Optionen wahrnehmen möchte, versuche ich auch, ein paar davon sausen zu lassen. Ein bisschen hat sich also schon geändert. Ich denke mehr darüber nach, wie ich mein Leben verbringe, und habe einige Verhaltensweisen geändert. Ganz trivial, dass ich das Handy auch mal zuhause lasse oder ausschalte und froh bin, wenn ich nicht drauf gucken muss. Aber generell habe ich noch nicht die Ausstiegstür gefunden. Das mag damit zu tun haben, dass ich inzwischen ein zweites Kind habe. Kinder beschleunigen das Leben ja auch auf gewisse Weise. Aber ich habe auch gar nicht damit gerechnet, dass ich nach dem Film komplett entschleunigt wäre.

Quelle:
Gekürztes Interview aus dem Presseheft zu "Speed", Camino Filmverleih


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