BR Fernsehen - DokThema


11

DokThema Süße Verführung der Zuckerlobby

Er ist in Limonade und Süßigkeiten. Aber er versteckt sich auch in großer Menge in Fertiggerichten und vermeintlich gesunden Lebensmitteln: der Zucker. Zu viel Zucker kann uns krank machen. Aber die Zucker- und Lebensmittellobby ist mächtig.

Von: Marianne Falck, Almut Gronauer, Hendrik Loven

Stand: 16.12.2016

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt: Wir nehmen zu viel Zucker zu uns – und werden zunehmend krank davon: Übergewicht, Adipositas, Diabetes Typ 2  und die Folgen daraus kosten die deutschen Sozialkassen mehr als 20 Milliarden Euro jährlich. Und dennoch sind viele Lebensmittel stark gezuckert. Der Grund: Zucker ist günstig und ein guter Geschmacksträger.

Versteckter Zucker

Dabei geht es längst nicht mehr nur um den allseits bekannten Haushaltszucker, sondern um andere Süßmacher, die sich hinter vielen Bezeichnungen verbergen. Wie viel Zucker tatsächlich in einem Produkt steckt, ist daher für den Verbraucher häufig schwer zu erkennen. Und selbst in vermeintlich gesunden Lebensmitteln steckt jede Menge Zucker – zum Beispiel in Fruchtjoghurts. Auch Babys werden mit gesüßten Babybreien schon auf den süßen Geschmack konditioniert.

Macht Zucker süchtig?

Sobald unsere Zungenspitze mit Nahrung in Berührung kommt, sendet sie Signale an unser Gehirn. Die Großhirnrinde verarbeitet den Geschmack des Lebensmittels – also zum Beispiel: süß! Dann wird unser Belohnungssystem aktiviert. Leckeres Essen sorgt dafür, dass Glückshormone ausgeschüttet werden. Das Fatale: Stark zuckerhaltige Lebensmittel schütten ein Vielfaches dieser „körpereigenen Drogen“ aus als etwa Gemüse. Süßes macht also glücklich. Und das gute Gefühl, das wir dadurch bekommen, wollen wir immer wieder erleben. Ein Teufelskreis kann beginnen – wir essen mehr Zucker.

Wo beginnt die Selbstverantwortlichkeit?

Bleibt die Frage: Kann man die Schuld tatsächlich auf die Lebensmittelindustrie schieben? Wo beginnt die Selbstverantwortlichkeit? Beim Durchlesen der Zutatenliste müsste dem Konsumenten doch auffallen, was er da zu sich nimmt? Gerade Eltern machen sich häufig große Vorwürfe, wenn ihre Kinder schwer übergewichtig werden – und trotzdem gehören  für viele Familien gezuckerte Müsliprodukte, Fruchtjoghurts und Limonade auf den Esstisch.

Kinder der Grundschule Aich bei "Ich kann kochen", eine Aktion der Sarah-Wiener-Stiftung

Man sollte auch bei den Kindern selbst ansetzen und ihnen in der Schule gesunde Ernährung beibringen, meint auch der Politiker Dietrich Monstadt (CDU), selbst Typ-2-Diabetiker und Berichterstatter für Diabetes und Adipositas. Denn deutsche Kinder essen und trinken gerade am Wochenende am meisten Süßes - also im Beisein der Eltern. Im Schnitt essen und trinken sie dreimal so viel Süßes wie die WHO empfiehlt.

"Wir brauchen eine bessere Kennzeichnung, dass wir sofort erkennen auf der Vorderseite der Verpackung, wo ist viel, wo ist mittel, wo ist wenig Zucker drin. Das Marketing, die Werbung an Kinder, mit Comicfiguren und Ähnlichem muss endlich beschränkt werden – dass nur gesunde Produkte solche Werbung machen dürfen. Und es braucht Anreize, dass die Getränkehersteller weniger Zucker in die Getränke mischen. Dafür muss es finanzielle Anreize geben. Wir schlagen Sonderabgaben vor, die dann zweckgebunden verwendet werden, für die Förderung gesunder Ernährung."

Oliver Huizinga, Foodwatch

Aufklärungskampagnen der Zuckerlobby?

Die Lebensmittelindustrie gaukelt einem etwas vor, kritisiert die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Die Lobby weist die Schuld jedoch von sich. Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker hält dagegen.

Schädlich sei heutzutage vor allem das Fehlen der alltäglichen Bewegung, so deren Argument. „Ein Ablenkungsmanöver“, meint Ernährungsmediziner Prof. Dr. Hans Hauner von der TU München. Er ist sich sicher, dass der hohe Zuckerkonsum Ursache für massive Gesundheitsschädigungen sein kann.

"Wir sind der Auffassung, dass wir uns der Verantwortung stellen, die wir natürlich insgesamt auch als Teil der Lebensmittelwirtschaft haben. […] Uns wirft man vor, dass Zucker bestimmte Krankheiten verursacht, wir sind der Auffassung – daran ist nichts dran."

Günter Tissen, Wirtschaftliche Vereinigung Zucker

Zahlen und Fakten

Weltweit gibt es erstmals mehr Über- als Untergewichtige.

Zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen in Deutschland sind übergewichtig – 18 Millionen Deutsche sind sogar stark übergewichtig, also adipös. 6,4 Millionen von ihnen sind an Diabetes Typ 2 erkrankt.

Auch immer mehr Kinder werden adipös. Es gibt in Deutschland insgesamt 330.000 adipöse Kinder und Jugendliche. Die Zahl der adipösen Jugendlichen hat sich seit den 80er-Jahren verdreifacht.

Adipöse Kinder und Jugendlichen haben eine geringere Lebenserwartung, ein höheres Risiko an Diabetes Typ 2 zu erkranken und eine Fettleber zu bekommen.

In Deutschland sterben drei Menschen pro Stunde an den Folgen von Diabetes Typ 2.

Die Behandlungskosten von Adipositas und Folgekrankheiten betrug 2003 11 Milliarden Euro. 2016 waren es bereits 22 Milliarden Euro.

Wie viel Zucker ist in Ordnung?

Laut der WHO sind höchstens acht Würfelzucker (entsprechen 24 Gramm) am Tag in Ordnung. Doch es wird viel mehr konsumiert – nämlich durchschnittlich isst und trinkt der deutsche Verbraucher fast das Vierfache davon. Pro Jahr nimmt jeder Deutsche etwa 35 Kilo Zucker zu sich. Das betrifft allein den Haushaltszucker, hinzu kommen die vielen versteckten Zucker.

Zögerliche Politik?

Doch auch die Politik trägt Verantwortung. Von verschiedenen Seiten wird sie kritisiert, insgesamt zu zögerlich zu sein.

"Im Bundesernährungsministerium liegt ein schwerwiegender Konstruktionsfehler vor. Denn einerseits ist der Bundesernährungsminister zuständig für den gesundheitlichen Verbraucherschutz, andererseits ist er aber auch zuständig für Landwirtschaft und Ernährungswirtschaft. Hier sind also wirklich große konfligierende Ziele, die haben eben ganz andere Interessen. Und das soll beides im gleichen Ministerium, von der gleichen Hand organisiert werden. Das gibt einen Interessenskonflikt, der offensichtlich großen Einfluss darauf hat, wie das Ministerium mit der Lebensmittelwirtschaft umgeht und wie zaghaft eigentlich die Politik die Wirtschaft anfasst."

Oliver Huizinga, Foodwatch

Mit solchen Vorwürfen konfrontiert, winkt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ab. Es gäbe keinen Interessenskonflikt – man verfolge einen ganzheitlichen ernährungspolitischen Ansatz. Mit speziellen Maßnahmen will man „eine wertschätzende, ausgewogene und maßvolle Ernährung zur Vermeidung ernährungsbedingter Krankheiten befördern“, so das Ministerium. Klar ist: Die Zuckerindustrie ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: Rund 30.000 Landwirte bauen Zuckerrüben an, die in 20 Zuckerfabriken in Deutschland verarbeitet werden. Bis zu 180.000 Jobs gibt es in der gesamten Wertschöpfungskette rund um Zucker. Es geht um Milliarden-Umsätze.

Ein Fazit

Was also tun? Es bleibt den Verbrauchern derzeit nichts anderes übrig, als sich selbst schlau zu machen, Inhaltsangaben zu studieren und sich bewusst zu ernähren. Einen guten Tipp hat die Ernährungsberaterin Sabine Lamprecht parat: "Kauft kein Produkt, das mehr als fünf Zutaten hat. Dann ist es ein gutes Produkt. Geht auf die ursprünglichen Lebensmittel zurück."


11