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Der lange Schatten der NS-Zeit Tiroler Bauern gegen Stromkonzern

In Tirol ist ein erbitterter Streit entbrannt: Der landeseigene Stromkonzern hat Land verkauft, welches Bauern im Dritten Reich unter zweifelhaften Umständen für den Bau eines Kraftwerkes verkaufen mussten - das nie gebaut wurde. Die Erben protestieren. Wem gehört dieses Land?

Von: Almut Gronauer

Stand: 25.01.2018

Die Gemeinde Haiming ist ein idyllischer Ort in Westtirol, bekannt für ihren Obstanbau. Jetzt wollte der Bürgermeister Josef Leitner hier neue Arbeitsplätze schaffen – und widmete ehemals brachliegendes Land in Bauland um. Der Tiroler Speckfabrikant Handl schlug zu und baut hier derzeit seinen dritten Produktionsstandort. Verkauft hat ihm das Land der Tiroler Stromgigant Tiwag. Doch das brachte rund 50 Haiminger Bauern auf die Barrikaden – denn das nun veräußerte Land gehörte einst ihren Vorfahren. Und die mussten es teilweise unter Zwang an die Nazis verkaufen.

Späte Opfer der NS-Zeit?

Die Baustelle - auf den Flächen, die Haiminger Bauern in der NS-Zeit verkaufen mussten.

Die Bauern sehen sich selbst als späte Opfer der NS-Zeit  und das Land Tirol - dem der Stromanbieter zu 100 Prozent gehört - in einer rechtlichen und moralischen Verpflichtung. Denn schon einmal haben die Bauern wegen dem Land geklagt – direkt nach dem Krieg. Sie haben damals vor Gericht verloren, aber dennoch wurde ihnen ihr Rückkaufsrecht bestätigt:  Falls das NS-Kraftwerk nicht mehr vollendet wird, können die Bauern das Land zurückkaufen.

Noch heute gibt es stille Zeitzeugen in Form von riesigen Bauruinen im Wald bei Haiming.

Jahrzehntelang hieß es nun, das Kraftwerk wird noch gebaut. Doch dieser Plan ist nun mit dem Verkauf an den Speckfabrikanten endgültig vom Tisch. Verhandelt wurde mit den Bauern über einen Rückkauf jedoch nie. Dabei ist für die Bauern gutes Ackerland im kargen Tirol wertvoll.

Aussagen zum Konflikt zwischen Bauern und Stromerzeuger

Bernd Oberhofer, Anwalt

Ich kann nicht einfach sagen: Gebt mit den Garten, ich bau da was. Und dann krieg ich 20 Hektar Gärten und dann tu ich nix. Dann wart ich, bis vielleicht Gras drüber wächst und dann verkauf ich's mit einem Gewinn von so und so viel Prozent.  Das ist nicht in Ordnung, sondern dann muss ich's zurückgeben.“

Josef Leitner, Bürgermeister Haiming

 „Interessant ist die Sache erst dann geworden, weil es ein Gewerbegrundstück geworden ist und der Wert natürlich dadurch explodiert ist, im Verhältnis zu dem, was es ursprünglich wert geworden wäre. […] weil erst jetzt es sich lohnt, um das Ganze zu streiten oder zu kämpfen. Dass die Tiwag möglicherweise schon lang die Chance gehabt hätte, die Gründe zurückzugeben, ist auch klar - und das hätte auch passieren müssen, meiner Meinung nach.“

Dr. Erich Entstrasser, Vorstand Tiwag

„Man hat es sich rechtlich angeschaut und ist zu dem Schluss gekommen: Das ist ok, das passt, die Tiwag ist rechtmäßiger Eigentümer, wir können die Grundstücke verkaufen. Was mich persönlich überrascht hat, war die Verknüpfung mit der NS-Vergangenheit. Die starke Verknüpfung der Geschichte mit den rechtlichen Themen. Die Vermischung war sehr gut inszeniert und hat schon einiges an Staub aufgewirbelt. Das ist unbestritten.“

Geschichtliches Verantwortungsbewusstsein

Das Luftbild, aufgenommen von den Amerikanern, zeigt das Zwangsarbeiter-Lager.

Ist der Stromkonzern Tiwag also tatsächlich ein Grundstücksspekulant? Oder sind eher die Bauern gierig nach Land? Oder fehlt den heutigen Entscheidungsträger der Tiwag  das Verantwortungsbewusstsein für die Geschichte? Möglich. Ein Indiz: Der Konzern behauptete lange, es gäbe keine Unterlagen mehr über diese Baustelle in den Archiven. Im Frühjahr 2017 dann die Kehrtwende und die Aussage, man gebe die Unterlagen nur heraus, wenn es einen historischen Grund dafür gibt. Laut den Bauern gibt es den – und tatsächlich: Mittlerweile hat die Tiwag die Unterlagen der Landesregierung weitergegeben.

Geschichte endlich aufarbeiten

Historikerin Dr. Sabine Pitscheider

So sehr es jetzt auch rumort in Tirol und so sehr die Firma Handl unschuldig in die Schlagzeilen geraten ist – so positiv wird die Auseinandersetzung von einigen gesehen: Es würden endlich „die Leichen im Keller der Jahre 1934 bis 1945“ ausgegraben, urteilt beispielsweise die Historikerin Dr. Sabine Pitscheider. Und es gäbe noch viel aufzuarbeiten. Ein historisches Gesamtbild der NS-Zeit in Tirol fehlt bis heute. Es gibt noch viele blinde Flecken in der Geschichte.

NS-Bauvorhaben und Zwangsarbeit in Tirol

Ein Wasserkraftwerk – das sollte offiziell in Haiming während der NS-Zeit entstehen. Doch die Nazis planten hier unter Geheimhaltung auch noch ein zusätzliches, ein absolutes Prestigeobjekt: Einen Windkanal, der damals der leistungsstärkste in ganz Europa werden sollte.

Um diesen technischen Fortschritt umzusetzen, waren den Nationalsozialisten alle Mittel recht: Zum einen war da der erzwungene Landverkauf der Bauern, aber auch die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, die auf der Baustelle arbeiten mussten. In einem Arbeiterlager war Kapazität für 1.200 Menschen, heute liegt hier ein Campingplatz.

Vom gigantischen Bauvorhaben sind nur noch Fundamente übriggeblieben – und an einem Luftfoto hat man die alten Grundrisse rekonstruiert. Aus der Luft sieht man auch die Ausmaße des Vorhabens: riesige Betonmischanlagen, Steinbrecher, kilometerlange Stollen, Arbeiterlager am Steilhang – diese stummen Zeitzeugen entdeckt man heute noch im Wald.

Insgesamt war Tirol im Dritten Reich als eine Art „Stromkolonie“ vorgesehen: Dafür hätte unter anderem das halbe Ötztal geflutet werden, die Bevölkerung umgesiedelt werden sollen.

Keines der Projekte wurde an dieser Stelle je umgesetzt – der zu einem Drittel fertiggestellte Windkanal wurde bei Kriegsende im Auftrag der Franzosen abgebaut und in den französischen Alpen wieder aufgebaut. Dort ging er 1952 in Betrieb.

Bis heute gibt es noch viele Rätsel rund um die Nazi-Pläne, die auch die beteiligten Firmen, wie Siemens Bauunion oder Dingler, behaupten, nicht mehr aufklären zu können.

Eines ist klar: Die Zwangsarbeiter müssen hier unter schwierigsten Bedingungen arbeiten und leben. Sie mussten z. B. bis Kriegsende für das geplante Wasserkraftwerk und den Windkanal einen 2 km langen Stollen, den Ambergstollen, mit minimalen Hilfsmitteln in den Berg treiben.

Zwangsarbeiter bauten neben dem Kraftwerk und dem Windkanal auch noch Güterwege und Zufahrten zu entlegenen Höfen. Nach dem Krieg wurde diese enorme Ausbauleistung als Tiroler Kraftakt dargestellt, die Rolle der Zwangsarbeiter wurde nur wenig thematisiert.

Man weiß nur wenig über Zwangsarbeiter in Tirol, z. B. dass bei Kriegsende 34.000 Zwangsarbeiter in Tirol waren.

Historikerkommission im Einsatz

Zum Thema Rückkauf gab es schon in den alten Papieren von 1942 Vereinbarungen

Doch zurück in die Gegenwart: Wie geht es weiter im Streit zwischen dem Stromkonzern und den Tiroler Bauern? Bei der Tiwag spricht man zum einen von Verjährung des Rückkaufrechts. Zum anderen könne dieses höchstpersönliche Recht nicht vererbt werden. Die Bauernvertreter hingegen sprechen erstmals direkt mit dem Land Tirol. Das Ergebnis: Zumindest wird ihnen in Aussicht gestellt, dass ernstlich an der Problematik gearbeitet wird. Eine unabhängige fünfköpfige Historikerkommission wurde von der Landesregierung einbestellt, um die Vorgänge in der NS-Zeit aufzuklären. Es muss vor allem nachgewiesen werden, ob die Bauern unter Zwang verkauft haben. Eine schwierige, eine langwierige Aufgabe.

"Sollte ein Zwang nicht nachgewiesen werden können, so bleibt immer noch der moralische Druck da, und  die moralische Verpflichtung sollte einem Land wie Tirol viel wert sein."

Toni Raffl, Haiminger Landwirt

Viel Staub wurde aufgewirbelt, hier zwischen Inntal und Ötztal. Im Duell Bauern gegen Stromkonzern ist der Gewinner noch nicht klar.  Doch das Tal hat sich verändert:  Die Vergangenheit ist näher gerückt.

"Wir oder meine Generation hat das nicht erlebt und vorangetrieben, aber unsere Generation sollte dafür sorgen, dass Erinnerung noch da ist und dass Berichte, die es jetzt noch darüber gibt, gelesen werden - um es einfach auch an die nächste Generation weiterzugeben."

Adi Meierkord, deutscher Paraglider und NS-Spurensucher


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