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Immer länger arbeiten… Rente mit 70?

Die Zahl der Rentner steigt in den nächsten Jahren deutlich: Die geburtenstarken Jahrgänge verlassen den Arbeitsmarkt – und treffen mit voller Wucht auf das Rentensystem. Was dann? Müssen wir bald alle noch länger arbeiten? Und was ist mit jenen, die das nicht schaffen?

Stand: 17.09.2018

Schon 2020 wird über ein Viertel der deutschen Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Diese Zahl steigt Jahr für Jahr rasant. Denn: Die Baby-Boomer, also die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1955 und 1969, erreichen das Rentenalter. Und die Chance, dass sie viele Jahre Rente beziehen werden, ist so hoch wie noch nie: Wir werden immer älter. Im Schnitt um 5,5 Jahre in jeder Generation.

Schieflage im System

Was sich für viele Millionen Arbeitnehmer erstmal nach dem wohlverdienten, hoffentlich langen und gesunden Ruhestand anhören könnte, macht vielen von ihnen dennoch Sorgen. Denn: Das bisherige System gerät so in eine Schieflage. Immer weniger junge Arbeitnehmer können die Rentenkasse für immer mehr Rentner nicht ausreichend füllen. So betrachten auch Politik und Unternehmen die Entwicklung mit wachsender Unruhe. Immer wieder wird an den Stellschrauben des Rentensystems gedreht.

Wann geht’s in die Rente?

Da wäre zum einen das Renteneintrittsalter. Schon während der letzten Legislaturperiode wurde das Rentenalter von 65 schrittweise auf 67 erhöht. Und Experten diskutieren bereits, ob es nicht weiter erhöht werden sollte – auf 69 oder 70 Jahre. Bei fehlendem Nachwuchs sind die Unternehmen auf die älteren Arbeiternehmer angewiesen.

"Ich glaube nicht, dass bei der Rente mit 67 Schluss ist. Ich glaube, wir müssen länger arbeiten - das wird gar nicht anders funktionieren. Ich bin auch der Meinung, dass das geht! Schauen Sie sich mal die Fabrik vor 30 Jahren an. Die sah ganz anders aus, wir sind heute so viel weiter in Sachen Ergonomie, Arbeitsschutz, Arbeitssicherheit."

Christoph Willemsen, Personalleiter bei Franken Guss

Körperliche und mentale Belastung

Doch was, wenn der ältere Arbeitnehmer seine Aufgaben körperlich schlichtweg nicht mehr schafft? Das betriebliche Gesundheitsmanagement wird immer wichtiger, auch ständige Weiterbildung. Doch eines darf dabei nicht außer Acht gelassen werden: Auch der mentale Druck ist oft enorm. Das Arbeitstempo ist hoch und wird immer schneller, die Digitalisierung erfordert hohe Flexibilität im Denken.

Rente mit 63?

Ein „Schlupfloch“ gibt es noch: Für besonders langjährige Versicherte gilt die Rente mit 63 Jahren. Eingeführt hat sie Andrea Nahles vor vier Jahren, noch unter der alten Bundesregierung. Und dieses Modell wird so häufig genutzt, wie kein Politiker damit gerechnet hätte. Viele Unternehmer waren entsetzt von der Einführung dieser Möglichkeit – es läuft ihren Bemühungen entgegen, Fachkräfte möglichst lang zu halten.

"Was die Rente mit 63 angeht, so war die Voraussage des Bundesarbeitsministeriums, dass das ungefähr 40.000 im Jahr in Anspruch nehmen werden. Wir haben hier im Institut gesagt, wir denken eher an 200.000. Tatsächlich hat sich unsere Zahl bewahrheitet, und wir sind ja jetzt nach fast 5 Jahren auch bei der ersten Million angelangt."

Axel Börsch-Supan, Direktor am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München

Empfindliche Einbußen

Wirklich mit 63 abschlagsfrei in Rente gehen, das galt allerdings nur für den Jahrgang 1952. Für alle späteren Jahrgänge erhöht sich das Eintrittsalter sukzessive um 2 Monate pro Jahr.

Selbst wenn man bereits als Jugendlicher die Ausbildung begonnen hat, über 45 Jahre durchgearbeitet und Beiträge gezahlt hat, kann ein früherer Renteneintritt Einbußen bringen. Herbe Einbußen. Deswegen beißen sich viele durch. Aber zu welchem Preis?

"Ich weiß zwar nicht, wie ich das machen soll - normalerweise geht das nicht. Ich kann´s nicht. Wenn ich bis 65 arbeiten muss, bin ich körperlich ein Wrack, da kann ich nur noch von der Arbeit ins Altersheim."

Dieter Ehrenfels, 59 Jahre, Polier

Doch was ist, wenn der Körper wirklich nicht mehr mitmacht und man wenige Jahre früher in Rente gehen muss? Oder in Teilzeit? Viele geraten dadurch an die Armutsgrenze.

"Manchmal macht mich das schon wütend […]. Ich hab mein Leben lang gearbeitet, mit 14 hab ich angefangen - und sitz jetzt da eigentlich wie zu meinem 14. Lebensjahr, als ich mir als Lehrling nichts leisten konnte. So endet das jetzt sozusagen in der Rente wieder. Dass ich mir nichts leisten kann. Also ob es das Leben dazwischen nicht gegeben hätte."

Christa Alram, 67 Jahre alt, ehemals Arzthelferin, mit 63 aus gesundheitlichen Gründen verrentet

Und was macht die Politik

Die neuen Rahmenbedingungen zum Rentenpaket wurden bereits im Koalitionsvertrag geregelt. Trotzdem wurde in der Koalition im August nochmal heftig darum gestritten. Man einigte sich auf das, was lange verabredet war: Eine doppelte Haltelinie sorgt dafür, dass das Rentenniveau bis 2025 nicht unter 48 Prozent sinken wird – wobei noch vor einigen Jahren das Rentenniveau bei 55 Prozent lag. Auch der Beitragssatz soll bis dahin nicht über 20 Prozent steigen. Aktuell liegt er bei 18,6 Prozent. Doch reicht das? Vor dem Thema Renteneintrittsalter schreckt die Politik zurück. Eine Rentenkommission soll dazu in den nächsten zwei Jahren Vorschläge erarbeiten.

Neues Vertrauen in die gesetzliche Rente?

Jahrzehntelang appellierte die Politik an die Bevölkerung, privat vorzusorgen. Arbeitsminister Hubertus Heil möchte das Vertrauen in die gesetzliche Rente als Hauptstütze der Altersvorsorge zurückgewinnen. Deswegen setzt er auch auf mehr steuerliche Unterstützung des Rentensystems mithilfe eines erhöhten Bundeszuschuss. Außerdem soll es einen Demografiefonds geben, der dann zum Einsatz kommt, wenn eine der beiden Haltelinien droht, gerissen zu werden.

Wie sieht also die Zukunft aus?

Es wird die Menschen geben, die solange wie möglich arbeiten. Weil sie müssen. Viele werden auch als Rentner nebenbei weiterarbeiten, um ihre finanzielle Situation zu verbessern. Das wird immer mehr betreffen. Doch auch die Polarisierung der Gesellschaft wird weiter zunehmen Denn gleichzeitig wird es jene wohlhabenden Rentner geben, die privat vorgesorgt haben, die Eigentum haben und gute Betriebsrenten. Und die werden weiterhin häufig die Chance nutzen, früher aus dem Erwerbsleben auszusteigen.

Keine weiteren Ideen?

Doch. Eine jahrzehntelange Debatte flammt wieder auf: Die Einführung einer Rentenkasse in die alle – auch Selbständige und Beamte - zahlen und aus der alle bekommen. Oder eine noch stärkere Unterstützung der gesetzlichen Rente durch Steuermittel. In anderen Ländern funktioniert das bereits. Eine Reform des Rentensystems als Ganzes also.

Und was ist mit dem Rentenalter?

Immer wieder wird darüber gestritten, wie lange wir in Zukunft arbeiten müssen, damit unser Rentensystem im Lot bleibt. Doch was ist gerecht? Kann ein flexibles  Renteneintrittsalter die Lösung sein? Man darf gespannt sein, zu welchen Vorschlägen die Rentenkommission bis 2020 kommt.


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