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Keime aus dem Tierstall Wie gefährlich sind sie wirklich?

Multiresistente Keime sind eine der größten und tödlichsten Gefahren unserer Zeit. Die Wunderwaffe Antibiotikum wirkt hier nicht mehr. Der Grund? Der inflationäre Einsatz des Medikaments. Zum einen beim Menschen – vor allem aber in den Ställen.

Von: Sabine Lindlbauer und Claudia Erl

Stand: 08.02.2018

In der Bevölkerung ist er als „Krankenhauskeim“ bekannt - dabei könnte man ihn vielleicht auch „Stallkeim“ nennen: Antibiotikaresistente Keime - der bekannteste von ihnen ist MRSA - wird häufig im Krankenhaus erkannt. Doch entgegen der weitverbreiteten Meinung holen sich die Patienten den Keim meist nicht in der Klinik. Sie bringen ihn schon von zu Hause mit.

"Die meisten multiresistenten Keime bringen die Patienten mit. Dazu gibt's Untersuchungen. Über 80 Prozent der Keime, die wir isolieren, bringen die Patienten mit. Die anderen, die als sogenannte krankenhauserworbene Keime gelten, sind zum großen Teil möglicherweise auch mitgebracht. Nur man hat sie nicht gleich diagnostiziert. Die kommen erst im Laufe des Aufenthaltes zutage, etwa bei Infektionen."

Professor Heinz Michael Just, Mitglied der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention am Robert-Koch-Institut in Berlin

Keime von Tieren?

Doch woher kommen die Keime, wenn sie nicht aus dem Krankenhaus stammen? Eine mögliche Quelle wird durch ein Patientenscreening offensichtlich: Durch Abstrich-Untersuchungen hat das Robert-Koch-Institut eine Liste mit Risikogruppen erstellt - ganz oben mit dabei: Personen, die im Alltag viel mit Tieren zu tun haben, wie etwa Landwirte und Tierärzte. Tiere als Überträger? Wenn man bedenkt, dass die Keime gegen Antibiotikum resistent sind, weil dieses inflationär eingesetzt wird, ist das durchaus möglich: Tieren in Mastanlagen werden jährlich tonnenweise Antibiotika verfüttert.

"Durch diese tonnenweise Verfütterung von Antibiotikum bilden sich resistente Keime. Diese resistenten Keime werden ausgeschieden in den Ställen - auch über den Staub, über den Dung. Von den dort Beschäftigten wird dieser auch aufgenommen und insofern sind die in hohem Prozentsatz besiedelt und damit bei Infektionen auch entsprechend gefährdet."

Professor Heinz Michael Just, Mitglied der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention am Robert-Koch-Institut in Berlin

Angst rund um die Mastanlagen

Reinhild Benning

Die Folge dieser Feststellung: Die Anwohner großer Mastanlagen haben Angst um ihre Gesundheit. Zu Recht? Können multiresistente Keime wirklich mit der Stall-Luft und der Gülle nach außen getragen werden und einfach so in der Landschaft landen? Reinhild Benning, gelernte Landwirtin und agrarpolitische Sprecherin der Nicht-Regierungsorganisation Germanwatch, sagt: unter Umständen ja.

Laborsocken im Einsatz

Mithilfe sogenannter „Labor-Socken“ untersuchen sie und eine besorgte Anwohnerin den Boden - in unterschiedlichen Entfernungen zu einem großen Stall in der Nachbarschaft. Im Versuch für DokThema waren die Proben aus dem Großraum Dillingen/Donauwörth allerdings negativ.

"Am ehesten gefährdet ist der Tierhalter selbst. Einfach aus dem Grund, weil er einerseits im Kontakt mit den Tieren ist und mit den Keimen. Und anderseits natürlich auch im Kontakt mit den Wirkstoffen, die er anwendet, sodass er direkt auch unter dem Einfluss der selektierenden Stoffe steht. Für Personen, die sich außerhalb der Tierhaltung bewegen, ist die Gefahr, denke ich, sehr nachgeordnet. Ich denke, da brauchen wir viel mehr quantitative Untersuchungen."

Christina Hölzel, LMU München

Zahlen und Fakten

Konservative Schätzungen gehen von 6.000 Todesfällen in Deutschland pro Jahr durch antibiotikaresistente Keime aus. (Quelle: Nationales Referenzzentrum, Charité Berlin). Die Deutsche Krankenhausgesellschaft geht von 30.000 Toten aus. Da es keine Meldepflicht gibt, gibt es auch keine genauen Zahlen.

Das Robert-Koch-Institut hat eine Liste mit MRSA-Risikogruppen erstellt. Vorne mit dabei: Landwirte und Tierärzte. Außerdem zeigen die Untersuchungen, dass bei Menschen in Regionen mit hoher Tierdichte resistente Keime häufiger vorkommen. (Quelle: Robert-Koch-Institut)

In der Tiermedizin werden erheblich mehr Antibiotika eingesetzt als in der Humanmedizin. Weltweit ist das Verhältnis etwa 2:1 (Quelle: Germanwatch)

Der Verbrauch von Antibiotikum in Deutschland hat sich in den letzten vier Jahren um gut die Hälfte reduziert: von rund 1.706 Tonnen auf rund 742 Tonnen. Doch diese Zahlen sind nicht wirklich aussagekräftig: Die Pharmaindustrie meldet Tonnen statt Wirkstoffklassen - also Gewicht statt Dosis.

Alles Panikmache?

66 % des Hähnchenfleischs ist mit antibiotikaresistenten Keimen verunreinigt. Bei der Zubereitung sollte man Einweg-Handschuhe tragen.

Es lohnt sich also, genau hinzusehen und nicht allen diffusen Ängsten nachzugeben. Große Ställe und deren Umgebung sind nicht automatisch gefährlich. Und trotzdem ist nicht ausgeschlossen, dass sich Keime in Ställen entwickeln, die zum Beispiel nicht gut belüftet sind, und dann entweichen. Nachgewiesen werden konnte jedenfalls, dass multiresistente Keime oft am Fleisch in Supermärkten haften. Entwarnung ist also nicht angebracht: Multiresistente Keime sind auf dem Vormarsch. Nur, wie sie dahin kommen, ist nicht immer klar: Das kann auch beim Transport passieren oder bei der Schlachtung.

Das Dilemma der Bauern

Die Bauern stecken indes in einem echten Dilemma. Sie wollen ihre Tiere gesund halten und müssen sich gleichzeitig dem Preiskampf stellen und möglichst billig produzieren. Dabei sind Antibiotika die einfachste und billigste Lösung. Doch am Ende sind die Landwirte womöglich selbst die Leidtragenden. Und alle anderen mit ihnen.

Hier der Teufelskreis für Bauern und Verbraucher und mögliche Auswege - zum Durchklicken

Kritik, Konkurrenz, Kontrollen & Konsequenzen

Die Landwirte stehen in der Kritik, sie würden mit ihren Mastbetrieben multiresistente Keime verbreiten. Das wollen viele nicht auf sich sitzen lassen. Sie fühlen sich als moderne landwirtschaftliche Erzeuger gegängelt von Politik und Behörden, vom Verbraucher nicht genügend wertgeschätzt.

Dass in ihren Ställen Antibiotika verfüttert werden, gehört für viele Mastbetreiber ganz selbstverständlich mit dazu. Das Medikament wird von Kritikern häufig schon als „Produktionsmittel“ bezeichnet, das das System am Laufen hält. Wer billiges Schweinefleisch essen will, müsse das akzeptieren, erklären die Landwirte.

Viele Bauern sehen sich aber gefangen in einer erzwungenen Wachstumsspirale: Die Ställe müssen immer größer werden, damit sich die Mast überhaupt noch lohnt. Mehr Tiere bedeuten aber auch mehr Keime. Und permanent kranke Tiere im Stall. Das bedeutet wiederum mehr Antibiotika - vorsorglich an alle Tiere verfüttert, egal ob gesund oder krank. Metaphylaxe nennt man das - und es ist erlaubt.

Vereinzelt schaffen es Landwirte auch, den Teufelskreis zu durchbrechen: Sie verringern die Tierzahl, separieren kranke Tiere, setzen Medikamente gezielt ein und machen dadurch unterm Strich kaum weniger Rendite - denn: Sie sparen sich Tierarztkosten und die Ausgaben für das Medikament.

Seit 2014 gibt es eine Kontrolle: Bundesweit existiert eine Datenbank, in der die Bauern ihren Antibiotikaverbrauch nach Therapiehäufigkeit angeben müssen.  Die Datenbank soll Druck ausüben auf die Landwirte, weniger Antibiotika im Stall einzusetzen. Denn: Wer häufig Antibiotika einsetzt, muss einen Maßnahmenplan entwickeln und Verbesserungsvorschläge machen, die gegebenenfalls vom Veterinäramt überprüft werden.

Doch es gibt einen Haken an der Datenbank: Wirkstoffklassen werden dabei außer Acht gelassen - es werden rein die Mengen des Medikaments erfasst. Dabei schneiden Antibiotika mit Depotwirkung natürlich besser ab. Doch diese Präparate beinhalten häufig Wirkstoffe, die in der Medizin „als letzte Rettung“ für den Menschen aufbewahrt wurden - sogenannte Reserveantibiotika. Auch hier drohen dann Resistenzen - und so werden die wichtigsten, oft lebensrettenden Wirkstoffe für Menschen im Stall „verramscht“. Für Mediziner ein großes Problem.

Noch ein Teil des Teufelskreises sind die Tierärzte: Sie verschreiben in Deutschland die Medikamente nicht nur, sondern verkaufen sie auch. Schwarze Schafe unter den Veterinären tun das auch gerne in großen Mengen, denn dann gibt es Rabatt von der Pharmafirma. Eine lukrative Einnahmequelle - manche Tierärzte bestreiten damit ihren Lebensunterhalt.

Ein Blick zum Nachbarn

In Dänemark läuft mittlerweile der Versuch, antibiotikafreies Fleisch im großen Stil zu erzeugen. Durch intensive Beobachtung der Tiere und mehr Hygiene versucht man, die Schweine gesund zu halten. Bei etwa 60 % der Tiere gelingt der gesamte Mastdurchgang ohne Antibiotika. Im Vergleich zu Dänemark benutzt Deutschland dreimal so viel Milligramm Antibiotikum pro Kilogramm Biomasse. Reserveantibiotika im Tierstall sind in Dänemark ohnehin ein Tabu.


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