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Der Amoklauf am OEZ Mobben, bis einer durchdreht?

Ausgrenzung. Demütigung. Lügen. Gewaltandrohung. Häufig beginnt Mobbing völlig überraschend - ohne echten Auslöser. Jeder sechste Schüler ist betroffen – und es beginnt bereits in der Grundschule. Doch Schulen und Staat schauen größtenteils weg. Bis jemand Amok läuft?

Stand: 19.07.2017

Mobbing ist das reine Machtspiel einzelner. Die Opfer? Meist rein zufällig ausgewählt. Ein vermeintlicher „Makel“ ist bei jedermann zu finden: Die Frisur, die nicht angesagt ist. Die zu guten oder zu schlechten Noten. Uncoole Klamotten. Oder eine zu große Nase.

"Mobbing ist ein funktionales Verhalten. Das heißt, es gibt jemanden, der möchte in der Klasse das Sagen haben, der möchte Status haben, der kann Mobbing injizieren. Das Opfer ist sozusagen der unglückliche Beifang. Das heißt, man braucht für Mobbing ein Opfer, was man instrumentalisieren kann."

Mechthild Schäfer, Mobbingforscherin

Hohe Dunkelziffer

Jeder kann also zum Mobbingopfer werden. Und in jeder Klasse kann es zu Mobbing kommen. Das hat die Mobbingforschung längst ergeben. Doch fragt man an Schulen nach, wird nur in wenigen Rektoraten eingeräumt, dass Mobbing ein Thema im Hause ist. Oft wird das Problem unter den Teppich gekehrt – doch häufig wird einfach nicht genau genug hingesehen. Denn: Die Opfer finden nur in den wenigsten Fällen den Weg zu den Lehrern. Durch Drohungen eingeschüchtert, mit Scham und Selbstzweifeln belegt, vertrauen sie sich niemandem an. Nicht mal den eigenen Eltern. Und selbst wenn die Eltern eingeweiht werden, fleht das Opfer häufig aus Angst vor noch härteren Repressalien Vater und Mutter an, nicht zu handeln. Auch viele Eltern fühlen sich machtlos.

"Und wenn die Lehrer den Rücken zudrehen, dann können die, die gerne mobben, tun, was sie wollen. Wenn die Schüler aber wissen, dass es ein Hinschauen gibt, dass es Streiten aber auch ein Vertragen geben kann, dann ist da schon mal keine gute Grundlage für Mobbing gegeben."

Benedikt Wagner, Lehrer

Kultur des Wegschauens

So geht der Plan der Mobber voll auf. Und über die sozialen Medien ist der Verbreitungsgrad und die -geschwindigkeit größer.

Einfachster Weg gegen Mobbing …

Jeder Dritte einer Klasse ist statistisch gesehen ein potenzieller Mitläufer, der Mobber unterstützt. Nur etwa ein Drittel aller Klassenmitglieder verteidigen Mobbingopfer aktiv. Genauso viele stehen unter einer Art Angststarre und bleiben Außenstehende. So fällt es den Tätern leicht – haben sie doch eine gefühlte, wenn auch schweigende Mehrheit, hinter sich. Würden sich die Außenstehenden und die Verteidiger zusammenschließen, änderten sich die Mehrheitsverhältnisse in der Klasse und Mobbing hätte keine Grundlage mehr. Die „einfachste“ Methode, Mobbing zu stoppen: aufhören zu schweigen.

"So was wie Mobbing gedeiht in einer Kultur von Wegschauen, von Verantwortung nicht Wahrnehmen, von 'Lass mal die Lehrer machen'. Insbesondere Schulleiter, die sagen, wir haben kein Mobbing an unserer Schule: Das ist ein ganz hoher Prädiktor dafür, dass man in den Klassen tatsächlich Mobbing findet. Weil es grenzt an Unwahrscheinlichkeit, dass es an einer Schule gar kein Mobbing gibt."

Mechthild Schäfer, Mobbingforscherin

Hilfen bei Mobbing

Mobbing - ein Tabuthema also, dem man auch nichts entgegenzusetzen hat? Staatliche Hilfen gibt es nur wenige. Und nur wenige Schulen gehen das Alltagsproblem dementsprechend offensiv an. Eines der wenigen Programme und Hilfen kommt von der bayerischen Polizei: Beim Projekt „Zammgrauft“ werden Rollenspiele in Klassen durchgeführt - ein einfaches, aber drastisches Mittel, um den Schülern zu zeigen, wie schlimm Mobbing sein kann. „Zammgrauft“ ist für die kommenden eineinhalb Jahre im Voraus ausgebucht – ein Indiz dafür, wie viel Bedarf es gäbe.

Effektive Projekte ohne Förderung

Deshalb gehen manche Schulen auch eigene Wege - manche setzen auf Streitschlichter: Das sind Schüler, die speziell geschult bei Streits in der Schule vermitteln. Ein Projekt, das vom Kultusministerium nicht verlangt und dementsprechend auch nicht finanziell unterstützt wird. Dabei müssen Lehrer und Schüler professionell geschult werden.

"Ich glaube, es ist tatsächlich so, dass man die Schulen, die etwas machen wollen, unterstützen muss. Mobbing-Prävention ist kein Ding jeder einzelnen Schule, sondern das muss konzeptionell angegangen werden. Viele kleine Dinge zu machen und eigentlich den Effekt nur daran zu messen, dass man Gutes will, das reicht einfach nicht aus."

Mechthild Schäfer, Mobbingforscherin

Politisch nicht gewollt?

Doch politisch scheint das derzeit in Bayern nicht gewollt. Nach dem Münchner Amoklauf war das Thema Mobbing kurz im Fokus – vor wenigen Wochen reichten sowohl die Grünen als auch die SPD Anträge dazu im Bayerischen Landtag ein. Die Forderung im SPD-Antrag: „Ein ganzheitliches, langfristiges, auf mehreren Ebenen ansetzendes Konzept, statt vieler guter aber unverknüpfter und kurzfristiger Projekte“. Die CSU lehnte mit ihrer Mehrheit beide Anträge ab.

Der Fall David S.

Aufgewachsen ist David S. im Münchner Norden, im Hasenbergl. Wegen massiven Mobbings haben ihn die Eltern von der Schule genommen. Er hat anschließend mehrere Schulen besucht – da er aber sehr in sich gekehrt und ruhig war, wurde er nur teilweise in den Klassenverbund aufgenommen. David S. kam in psychiatrische Behandlung – doch das Mobbing ging weiter. Er selbst zeigte deutliche psychotische Erkrankungen, lebte Gewaltfantasien am Computer aus, beschäftigte sich mit anderen Amokläufen und plante schließlich seinen. Ob der Amoklauf nun wirklich die Rache für seine jahrelange Mobbing-Tortur war – da gehen die Meinungen auseinander. David S. passt genau in das Täterprofil eines Amokläufers. Nur sein Tatort ist besonders: Er agierte im öffentlichen Raum, nicht an dem Ort, an dem er gemobbt wurde. Dennoch: Seine Opfer scheint er sich gezielt gesucht zu haben – diejenigen, die äußerliche Ähnlichkeiten mit den Mobbern hatten, nahm er ins Visier. Trotzdem bezweifeln Experten, dass Mobbing die Ursache eines Amoklaufs ist. Es käme lediglich erschwerend hinzu.

Amoklauf als Mobbing-Rache?

Bleibt die Frage: Was macht Mobbing mit den Opfern? Für die hat diese psychische, manchmal auch physische Gewaltausübung zum Teil dramatische Folgen: Schulschwänzen und Notenabfall sind sicher nur die äußeren Anzeichen. Massive Selbstwertzweifel, Ängste und Panik gepaart mit Selbstmordgedanken bis hin zum Suizid sind keine Seltenheit. Aber kann Mobbing wirklich dazu führen, dass jemand Amok läuft? Beim Fall David S., dem OEZ-Amokläufer in München, zogen viele den Schluss, dass seine Tat das Resultat jahrelangen massiven Mobbings war. Doch stimmt das? Prof. Britta Bannenberg, die im Auftrag der Bundesregierung sämtliche Amoktaten in Deutschland seit 1992 untersucht hat, ist sich sicher: Gemobbte werden im Normalfall nicht zu Amokläufern.

Prof. Britta Bannenbergs (Amokforscherin) Einschätzung zum Amoklauf in München

Tatmotiv Mobbing

Das kann ich mir nicht vorstellen. Nach den Forschungen, die wir zu Amoktaten durchgeführt haben, scheint Mobbing immer eine große Rolle zu spielen. Man muss allerdings unterscheiden: subjektiv fühlen sich alle jungen Amoktäter gemobbt. Oder schlecht behandelt. Objektiv ist das ganz selten so und eine Ursache für die Taten ist es nicht. Das Mobbing kann also die Taten nicht erklären. Es gibt einen Hinweis auf eine psychopathologische Entwicklung bei der die Umwelt anders wahrgenommen wird und insofern ist es wichtig, das zu beobachten, aber das Mobbing ist keine Ursache.

Täterbild

In der Regel hat man es mit psychopathologisch auffälligen jungen Männern zu tun, die ihre Umwelt auf eine ganz bestimmte, gestörte Art und Weise wahrnehmen. Narzisstisch, hochkränkbar, sich immer fremd fühlend im Kontext sozialer Umgebung, egal wo - ob in der Schule, mit Gleichaltrigen, oder in anderen Zusammenhängen. […]Die Täter fangen an eine Persönlichkeitsstörung zu entwickeln und sehen sich als Nabel der Welt. Eine sehr narzisstische Weltsicht. Sie haben häufig keinerlei Empathie für andere, merken aber ihre Gestörtheit, ihre Fremdheit im Umgang mit anderen. Alltägliche Dinge fallen ihnen sehr schwer: Kontakte zu knüpfen, Leistungen zu zeigen. Sie fühlen sich also ständig bedroht, überfordert, nicht anerkannt und das muss keine reale Grundlage haben.

Amoklauf als Rache

Aus der subjektiven Sicht der Täter ist das Rache. Man fragt sich aber: Rache an wem und wofür? Die Opfer sind niemals die, die angeblich Peiniger waren. Es sind ja nie Personen, mit denen Konflikte bestehen. Sondern es sind in manchen Fällen die Mädchen, in manchen Fällen die Lehrer, in manchen beliebige Mitschüler. Und in München beliebige junge Menschen im öffentlichen Raum, die den Täter überhaupt nicht kannten. Es ist also Rache an allen. Allen, denen es besser geht. Allen, die scheinbar alles getan haben, damit es ihm, dem Tatgeneigten, schlechter geht.

Öffentlicher Raum als Tatort

Aufmerksamkeit, Ruhm, berühmt werden mit der schrecklichen Tat -  Das ist das Kernmotiv neben der Rache an allen, die solche Täter eint. Und deshalb lernen auch Terroristen und Amoktäter voneinander: denn das machen die Terroristen ja vor: gehe an einen belebten Ort, gehe an eine beliebte Gaststätte, leg sie alle um und alle fühlen sich unsicher. Und das finden die großartig. Das hat mit Mobbing nichts zu tun, wie sie da sehen. Der öffentliche Raum  als Tatort ist viel wichtiger, als das vermeintliche Mobbing!

Rassistischer Hintergrund

Amoktäter haben vielfach eine große Nähe zur Menschenverachtung der Nazis. Sie verehren Hitler, sie finden es großartig, wenn Massenmörder wie Hitler andere Menschengruppen massiv abstempeln und dann auch noch gehandelt haben. Das ist bei anderen Amoktätern auch der Fall gewesen, es lässt sich aber nicht verengen auf ein rechtsextremistisches Motiv. Es geht hier viel weiter. Ein solcher Amoktäter würde sich niemals einer rechtsextremen Gruppierung anschließen, er ist ein Einzelgänger. Und er ist auch darauf nicht zu beschränken. Der hasst im Grunde alle und manche noch ein bisschen mehr.

"Er hat bei seiner Tat ja auch oftmals selbst gesagt: er macht jetzt Schluss mit dem, was ihm angetan wurde. Und das ist das Ziel: er sucht jetzt die Öffentlichkeit, um zu zeigen, was ihm persönlich angetan wurde. Also er hat sich hier ganz am Schluss, soweit uns das auch bekannt ist, hat er sich dann so geäußert, dass Mobbing sicherlich ein zentraler Punkt war, der ihn unglaublich belastete und der seine Persönlichkeitsentwicklung in eine bestimmte Richtung geprägt hat."

Ludwig Waldinger, Ermittler bei der zuständigen Sonderkommission zum Münchner Amoklauf

Zahlen und Fakten

Jeder 6. Schüler wird Opfer von Mobbing (PISA).

Das Suizidrisiko bei Mobbingopfern ist dreimal so hoch wie bei anderen.

30 Prozent einer Gruppe - wie etwa einer Schulklasse - sind potenzielle Unterstützer der Mobber, sozusagen Mitläufer. Nur 30 Prozent gehören zu denen, die als Verteidiger eingreifen würden. Der Rest steht hilflos und ängstlich daneben.

Amokläufer sind vornehmlich junge Männer zwischen 14 und 23 Jahren. Sie kommen aus besseren Elternhäusern, Mittelschichtfamilien oder sogar wohlhabenden Elternhäusern mit Berufstätigkeit, mit Geschwistern, die Eltern sorgen sich um ihre Kinder. Aber es fehlt im Verhältnis zum späteren Täter an einer tieferen Bindung. Vorher sind Amokläufer meist unauffällig, nicht aggressiv, nicht impulsiv, nicht asozial.


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